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51Wort zum Nachdenken Richard Bergmann
Gewalt in der Schule Ursel Tillmanns
Johann Sebastian Bach - ein Zeuge Michael Scheller
Schwarzarbeit - kein Thema? Interview mit Prof. Schirrmacher
Unruhe um eine Predigt Richard Bergmann
Vor mir liegt eine Postkarte mit einem ungewöhnlichen Bild. Auf einem drehbaren Bürostuhl sitzt ein Affe. Das soll beileibe keine Beschimpfung eines Chefs sein! Die schlichte Ausführung des Stuhls lässt auch gar keinen Gedanken an einen Chefsessel aufkommen.
Nun, Affen sitzen auch einmal dort, wo sie nicht hingehören. Ungewöhnlich wird das Bild erst durch den bunten Papagei auf der Lehne. Er schaut zum Affen und es sieht so aus, als würde er diesem irgend eine Story berichten. Jedenfalls ist sein Schnabel ziemlich weit aufgesperrt. Fehlt eigentlich nur noch, dass er wild mit den Flügeln flattert. So, als müsst seine Nachricht dadurch besonders betont werden.
Ob es den Affen interessiert? Schwer zu sagen - erwirkt eher etwas gleichgültig und ist derlei Besuche wohl schon gewöhnt. Allenfalls einige aufgestellte Nackenhaare deuten auf eine Reaktion hin.
Natürlich ist auch noch ein Bibeltext auf der Karte zu finden. Welcher Text wäre denn für so ein Bild geeignet? So ganz leicht dürfte die Entscheidung nicht gefallen sein. Irgendwer entschied: "Wer jedes Gerücht weiterträgt, plaudert auch Geheimnisse aus." (Spr20, 19).
In anderen Übersetzungen mag es ein wenig anders klingen. Gemeint ist jedoch stets ein bestimmtes Verhalten. Da flattert einer wie ein bunter Papagei umher und verbreitet allerlei Nachrichten. Keine ist unwichtig und darum wert, weiter getragen zu werden. Da macht es auch nichts, wenn davon nicht alles zuverlässig ist. Schließlich heißt es, dass an jedem Gerücht etwas wahres dran sei.
Wer so oft das Wort nimmt, der hat es natürlich schwer. Dem unterläuft bei der Informationsflut eben auch einmal ein Fehler: man hatte zwar Stillschweigen versprochen und damit verantwortlichen Umgang zugesichert, aber es rutschte unter anderem mit heraus.
Aber vielleicht läuft etwas schief, wenn zu viele mit ihren Gerüchten zu mir geflattert kommen. Was wohl?
Im Internet wurde die folgende Klage einer Mutter gefunden: "Mein Sohn, 12 Jahre alt, ist im September 99 in der Schule von neun Mitschülern brutal zusammengeschlagen worden und musste in stationäre Behandlung. Die körperlichen Verletzungen sind Gott sei Dank geheilt, aber nicht die Seele des Kindes. Er hat seitdem panische Angst, alleine zur Schule zu gehen und verlässt auch tagsüber kaum die Wohnung."
Immer wieder hört man von Gewalt an Schulen. Im November 99 wurde in Meißen eine Lehrerin erstochen, kurz darauf in Köln ein Lehrer mit einer Gaspistole verletzt, dann tauchten Mordpläne gegen Lehrer auf - man könnte denken, dass der Schulalltag schon Kriegszustand wäre.
Ganz so schlimm ist es bestimmt noch nicht, aber die Gewaltbereitschaft ist gestiegen, allerdings nicht nur in den Schulen, sondern auch in den Elternhäusern, in den Jugendzentren und auf der Straße.
Kommt so etwas denn auch in christlichen Schulen vor? Natürlich. Genauso wie es auch Streit in christlichen Familien gibt. Die Frage stellt sich: Wie wird damit umgegangen? Gibt es Konzepte, den Schülern klar zu machen, dass Gewalt nicht erst bei Taten, sondern schon im Denken und Reden anfängt.
Die Matthias-Claudius-Schule Bochum besteht jetzt im 14. Jahr. Gegründet wurde sie mit dem Motto: "Suchet der Stadt Bestes!" und das war die gemeinsame Erziehung behinderter und nicht behinderter Schüler nach dem Christuswort: "Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat."
Klare biblische Grundlage mit der praktischen pädagogischen Konsequenz des integrativen Konzeptes.
Die ersten Erwartungen der Eltern waren bestimmt vom friedlichen Miteinander der Kinder und bis heute meinen Leute, dass sich an unserer Schule ein Stück "heile Welt" finden lässt. Sie sind erstaunt, dass sie das nicht finden, aber ich glaube nicht, dass wir uns den Himmel auf Erden bauen können. Es kommt zu Gewalt in Worten und Taten, zu Streit und Beleidigungen, aber wir als Christen wissen, dass es Vergebung und Neuanfang gibt.
Das ist die Stärke einer christlichen Schule: die Lehrer und Lehrerinnen müssen den Frieden nicht selber schaffen, sondern sie wissen, dass sie von der Vergebung leben und Schüler auf diese Kraftquelle hinweisen können.
Das hindert uns natürlich nicht daran, ganz konkrete Gewaltvermeidungsstrategien aufzubauen. Ein ganz großes Plus sind die gut 20 Rollstühle (mit den dazugehörigen Fahrern natürlich) auf dem Schulhof und in der Schule, die vielen körperbehinderten Schüler, die sich relativ mühsam oder an Krücken bewegen - die erinnern alle anderen immer wieder daran, dass man sich selber zurücknehmen muss, nicht einfach um Ecken rasen kann, beim Anstellen in der Mensa nicht die Ellbogen benutzen darf, weil man ein Kind mit Glasknochen treffen könnte. Rücksichtnahme ist also lebensnotwendig und Rücksichtslosigkeit hat in vielen Fällen viel spektakulärere Auswirkungen als an anderen Schulen. Eine Schule mit behinderten und nicht behinderten Schülern hat - und das ist schon erforscht worden - die besten Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander.
Ein weiteres Plus bei uns ist das Zwei-Lehrer-Prinzip. In ca. 70% aller Stunden (in Klasse 5 und 6 bis zu manchmal 90%) sind zwei Lehrer gleichzeitig am Unterrichtsgeschehen beteiligt (ein Fach- und ein Sonderschullehrer). Da ist es möglich, zwei Streithähne - oder nur einen - aus der Klasse zu nehmen und ein klärendes Gespräch zu führen.
Einig sind sich alle Kollegen, dass die Beendigung eines Streites wichtiger ist als jeder Unterrichtsstoff und das macht die Schlichtung eines Streites zeitunabhängiger. Es muss nicht alles auf die Schnelle in der Pause erledigt werden, sondern die nächste Unterrichtsstunde steht notfalls zur Verfügung. Natürlich bedarf es eines guten Auges des Lehrers, um zu merken, wann einem Schüler das klärende Gespräch nur dazu verhelfen soll, die nächste Mathe-Stunde nicht erleben zu müssen.
Seit drei Jahren läuft an unserer Schule auch das "Streitschlichterprogramm". Hier werden Schüler der 9. Und 10. Klasse geschult, Streit zu schlichten. Sie stehen dann den Schülern mit einem eigenen, gemütlich eingerichteten Raum in den Pausen zur Verfügung. Dabei ist es ganz wichtig, dass ein Streithahn dem anderen zuhören muss, seine eigene Verhaltensweise kritisch überprüft und gemeinsam nach einer Lösung gesucht wird. Der Streitschlichter ist dabei nur Moderator und Protokollant, der allerdings die Lösungen schriftlich niederlegt und nach einem gesetzten Zeitpunkt überprüft.
Schülern ist diese Art der Streitschlichtung im allgemeinen viel lieber, da sie zu einem älteren Mitschüler nicht den Abstand haben wie zu einem Lehrer. Versagt dieses Modell, stehen Klassen- und Vertrauenslehrer mit Rat und Tat zur Verfügung.
Diese ganzen Verfahrensweisen werden an vielen öffentlichen Schulen auch mit Erfolg gehandhabt. Unsere Stärke liegt darin, dass wir wissen, keinen Frieden schaffen zu können, dass wir wissen, wen wir um Hilfe bitten können, dass wir für Schüler beten und danken können, dass bei den täglichen Problemen Gott einfach dabei ist.
Mittlerweile kommen von den 600 Schülern, die wir haben, nur noch ca. 70% aus "christlichen Elternhäusern", von daher haben wir Lehrer eine sagenhafte Chance, durch unser Leben und Reden Schülern die "goldene Regel" Jesu Christi weiterzugeben: "Behandelt alle Menschen so, wie ihr behandelt werden wollt!"
Es gibt wohl kaum einen Großen im Reich der Töne, über den so viel geschrieben wurde, wie Johann Sebastian Bach. Wie hören wir seine Musik? Kennen wir ihn? Was will uns J.S.B. mit seinem Lebenswerk sagen?
"Bachs Handschriften in Gefahr!", hieß es in den verschiedenen Medien. Wie verlautet, soll dem Verfall der kostbaren Schriften durch entsprechende Gegenmaßnahmen Einhalt geboten werden. Aber dazu fehlen wohl noch die Mittel.
Dennoch fanden seine Werke bleibenden Bestand in den Herzen der Menschen. Es sind eben Werte, die keinem Verfall unterliegen. Es ist nicht nur die hohe Kunst der Komposition, die alle Welt in den vielen Kantaten bewundert, es sind Werke, geschaffen in der vollen Hingabe an seinen Herrn und Erlöser Jesus Christus.
Das gesungene und vertonte Wort Gottes hat auch nach 250 Jahren dieselbe Wirkung und Kraft. Die frohmachende Botschaft von seinem Gott und Herrn ist Kernstück in fast allen seinen Werken. Bewusst setzte Bach am Beginn mancher Partituren ein J.J. (Jesus Juva = Herr Jesus hilf!). Am Ende vieler Partituren finden sich die Buchstaben S.D.G. (Soli Deo Gloria = Gott allein die Ehre). Das machte seine Herzenshaltung gegenüber einem Heiligen Gott sichtbar.
Sogar über das Klavierbüchlein, das er seinem Sohn Friedemann widmete, schrieb er diese Buchstaben. Ebenso stellte Bach die Übungen für das Klavierspiel unter die Augen seines Herrn: Was er tat, wollte er zuerst für der Herrn tun. Dann würde es auch zum Segen für ihn und in zweiter Linie für andere. Mit ganzer Überzeugung und Lebenskraft tat das J.S.B. Er war ein Perfektionist. Und er komponierte zuallererst perfekte Musik, um Gott zu ehren. Das war das Wichtigste!
Luthers Ansicht über Musik: "Die Musik ist der beste Trost, sie erfrischt das Herz und setzt es in den Frieden." Bachs Musik gab dieser Ansicht einen speziellen Inhalt: "Wer Gott lobt, bekennt damit eigene Sünde, und wer eigene Sünde bekennt, lobt damit Gott."
Am 5. Mai 1723 erhielt J.S.B. die Mitteilung, dass er einstimmig zum Thomaskantor gewählt sei und unterschrieb seinen Anstellungsvertrag. Johann Sebastian Bach war damals nicht die "erste Wahl" für den Thomaskantor. Es hatten sich mehrere Kandidaten beworben und der Rat der Stadt favorisierte den damals weltberühmten Komponisten Georg Philipp Telemann. Erst, als andere Landesherren jeweilige Bewerber nicht freigaben, entschied man sich für Bach. So jedenfalls geht es aus den damaligen Aufzeichnungen hervor.
Der Titel "Thomaskantor" galt damals nicht viel und so sah sich Bach gezwungen, auf den Titel eines "kurfürstlich-königlichen Hofcompositeurs" zuzuarbeiten. Es gelang. Um 1736 hatte er sein Ziel erreicht. August Rex ernannte ihn zum Hofcompositeur!
Als Thomaskontor und Musikdirektor der Stadt Leipzig schuf J.S. Bach mehrere Jahrgänge von Kantaten, oratorische Werke und Motetten. Neben Bibel- und Choraltexten bildeten barocke Dichtungen die Textvorlage. Die Komposition von "Passionsmusiken" war dem Thomaskontor wohl ein Herzensbedürfnis, weil die Biblische Botschaft verinnerlicht und ausgelegt wurde.
"Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
Ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt
aus meinem Herzen rinnen."
Pauls Gerhards Worte waren von den Bachen nicht nur nachgesungen worden als Erfahrung eines anderen. Sie bekannten sich mit ganzem Herzen zum Inhalt dieses Liedgutes. So heißt es in einer Arie: "Ich verleugne nicht die Schuld, aber deine Gnad und Huld ist viel größer als die Sünde, die ich stets in mir befinde." Gott hat in Jesus Christus ein Herz für uns. Schuld als vergebene Schuld, der Mensch als Sünder und Gerechtfertigter zugleich. Darum geht es in der Passion Jesu Christi.
J.S.B. hat in seiner Lebenszeit viel Leid und Not kennen gelernt. In solchen Nöten fand er Zuflucht bei Gott. Bekannt ist sein Flehen und Beten vor Gott, insbesondere für seine Kinder. Darin kommt u.a. zum Ausdruck, dass er sein Kreuz in Geduld tragen will und (seinen Sohn) der Barmherzigkeit Gottes anbefiehlt, und dass die Bekehrung einzig und allein der Güte Gottes zuzuschreiben ist. So legte er einmal die Hand auf das Haupt seiner Frau Anna Magdalena und sagte: "Seien wir nicht traurig, dass wir leiden müssen. Es bringt uns näher zu unserem Herrn, der für uns gelitten hat."
Nachdem der als eitel und anmaßend bekannte französische Organist und Klaviervirtuose Jean Louis Marchand in Italien und Deutschland enthusiastisch gefeiert wurde, erhielt J.S.B. eine Einladung an den Hof Friedrich August I. nach Dresden. Er zögerte auch keinen Augenblick, diese Einladung anzunehmen und so kam es zu einem außerordentlichen Konzert, über das man heute noch spricht. Es sollte wohl zu einen musikalischem Turnier in alter Form kommen. Der große Festsaal war bis auf den letzte Platz besetzt, als gegen neun Uhr abends auch das königliche Paar den Saal betrat. Da fehlte niemand mehr - als einzig Marchand! Die Peinlichkeit war unerhört! Ein Bote berichtete, der Franzose habe mit Extrapost Dresden verlassen.
Nur dem anwesenden Bach schien es nichts auszumachen. Auf Wunsch der Fürstin wurde das herrliche Lied "Ein feste Burg ist unser Gott" als Themeneinstieg am Klavier präludiert. Es folgte ein Konzert sondergleichen, ein Wunderbau von Tönen. Tiefbewegt hörten alle dieses wunderbare Lutherlied, das sich herrlich durch die Fuge aufbaute. Als der letzte Akkord verhallte, gab es einen Moment der Erhebung, einen Hauch fast wie Ewigkeit. Beladen mit Lob und Ruhm kehrte Bach mit unvergesslichen Erinnerungen nach Weimar zurück.
Die innere Bescheidenheit und Aufrichtigkeit seines Charakters ließ ihn die Werke anderer Komponisten nie hart und unfreundlich beurteilen.
Einmal überbrachte man Bach die eilige Botschaft, dass der große Händel in Halle weilte. Leider kam es nie zu einer Begegnung dieser bedeutenden Persönlichkeiten, obwohl es vielerlei Verbindendes gab. Umfängliches Notenmaterial - vieles von ihm und seiner Frau Magdalena von Hand geschrieben - reihte sich Werk an Werk in seinen Schränken. Darunter auch Werke von Georg Friedrich Händel. Bach wusste sich aus seiner Frömmigkeit heraus noch stärker mit den Werken Händels verbunden. Hatte nicht auch Händel eine Passion nach Johannes und dazu noch nach dem Evangelisten Matthäus geschrieben? Waren es nicht auch dieselben Werke geistlicher Tiefe, die das Leiden und den Sieg seines Herrn und Heilandes Jesus Christus auch in seinen Kompositionen beschreiben?
Nach Bachs Tod wurden seine Werke kaum noch aufgeführt. Seine Kirchenkantaten galten als veraltet. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man ihn wieder und führte seine Werke in riesiger Besetzung auf.
100 Jahre waren inzwischen vergangen, da stand am Dirigentenpult der junge Student Felix Mendelssohn Bartholdy, der die wiederentdeckte Matthäuspassion mit dem Chor der Singakademie in Berlin aufführte. Die Musiker machten begeistert mit und verzichteten sogar auf ihr Honorar. "Der überfüllte Saal gab einen Anblick wie eine Kirche; die feierlichste Andacht herrschte in der Versammlung. Man hörte nur einzelne unwillkürliche Äußerungen des tiefen erregten Gefühls", so berichtete die Schwester von F.M. Bartholdy. Bald darauf kam es auch zu Aufführungen in anderen deutschen Städten. Der einsetzende Erfolg des fast vergessenen Bachs war enorm. Sogar ein Friedrich Nietzsche musste sagen: "Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium."
An Bachs Sterbebett las man aus dem Psalm 25: "Nach dir, Herr, verlangt mich ... die Angst meines Herzens ist groß, führe mich aus meinen Nöten." Bei den einzelnen Zeilen hatte der Kranke mitgebetet.
Zahlreiche Bücher über J.S.B. erschienen aus Anlass seines 250. Todestages. Würdigung verdient ein solches Leben mit Sicherheit. Aber vielleicht wäre ihm schon das nicht lieb. Verehrung wollte er stets für Seinen Gott und Heiland. Musik zur Ehre Gottes und zur Verkündigung des Evangeliums - das war J.S.B.'s Wille und sein Vermächtnis.
Hören wir, wie Johann Sebastian Bach, gut auf SEIN (Gottes) Wort!
Ob in der Anwaltspraxis oder auf der Baustelle, bei der Autoreparatur oder beim Haareschneiden - Schwarzarbeit ist in Deutschland quer durch alle Branchen längst gesellschaftsfähig. Kein Thema für Christen? Auch Evangelikale schaffen Geld am Fiskus vorbei, behauptet Professor Thomas Schirrmacher, Bonner Theologe und Rektor des Martin Bucer Seminars, im NEUES LEBEN -Gespräch.
Neues Leben: Herr Dr. Schirrmacher, was ist eigentlich so 'schwarz' an der Schwarzarbeit?
Schirrmacher: Schwarz ist es im rechtlichen Sinne, Einkommen zu verschweigen, um Steuern und Sozialversicherungen zu sparen.
Neues Leben: Empfinden die meisten Deutschen Schwarzarbeit überhaupt noch als Unrecht?
Schirrmacher: Wenn der Rechtsanwalt erzählen würde, er habe seine Büromöbel gestohlen, würden die meisten den Anwalt wechseln. Wenn der Rechtsanwalt dagegen sagt, er habe etwas schwarz gemacht, würde das die große Masse nicht mehr berühren. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass er das tut.
Neues Leben: Worin sehen Sie die Ursache dafür, dass Schwarzarbeit immer mehr praktiziert und toleriert wird?
Schirrmacher: Es sind mehrere Faktoren die dazu beitragen, dass Schwarzarbeit in unserem Staat immer mehr zunimmt. Erstens sind die Steuer- und Sozialversicherungsabgaben zu hoch. Zweitens glauben viele Bürger nicht, dass der Staat das Geld richtig verwaltet und einsetzt. Und drittens ist unser Steuersystem so chaotisch, das selbst Experten es nicht mehr überblicken.
Neues Leben: Was heißt das im einzelnen?
Schirrmacher: Zum ersten Problem: Schwarzarbeit steigt immer dort, wo der Anteil der Abgaben zu hoch ist. In Deutschland verdient ein Schwarzarbeiter faktisch das Doppelte vom legalen Lohn. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Da sind sich die Experten einig.
Auch in der Bibel findet man übrigens sehr deutliche Warnungen an den Staat, nicht zu hohe Abgaben zu erheben. 'Ein König gibt durch das Recht dem Land Bestand, aber wer nur Abgaben fordert, zerstört es' (Sprüche 29, 4).
Das Entscheidende ist natürlich unser Prinzip des Rechtsstaates. Erst dieses Recht gibt unserem Land Bestand. Aber es reicht eben nicht, die Kriterien zu erfüllen, die ein Land aufblühen lassen. Um den guten Zustand zu erhalten, müssen gleichzeitig die Probleme beseitigt werden, die es zerstören. Deshalb folgt in der Bibel gleich der Satz: 'Aber wer nur Abgaben fordert, zerstört es.' Der Rechtsstaat kann Schwarzarbeit nicht wirkungsvoll durch Gesetze einschränken, wenn sie wegen der hohen Abgaben zu interessant ist.
Neues Leben: Was also löst das Problem der Schwarzarbeit?
Schirrmacher: Eine Lösung sehen wir z. B. in Australien und England. Sobald die Abgabenbelastung abnimmt, verschwindet der größte Teil der Schwarzarbeit. Denn überall fürchten Schwarzarbeiter Bestrafung. Für 20 Mark gehen weniger Menschen das Risiko ein als für 50 Mark. In Deutschland ist Schwarzarbeit momentan viel zu lukrativ, als dass man sie wirkungsvoll bekämpfen könnte.
Neues Leben: Welche Rolle spielen die anderen Faktoren, die Sie genannt haben?
Schirrmacher: Das sind eher subjektive Faktoren. Der Bürger hat das Empfinden, die Steuern werden verschwendet. Ein Blick auf die Liste des Bundesrechnungshofes reicht, um diesen Eindruck zu gewinnen: Der Bundesrechnungshof ist von unserem Gesetz her verpflichtet, zu kontrollieren, wie sinnvoll die Steuern ausgegeben werden. Die dortigen Prüfer kritisieren so viel, dass man nicht weiter auf die Suche gehen muss.
Auch das Steuerchaos frustet den Bürger. Trotzdem ist der Frust subjektiv und keine Entschuldigung, nicht zu zahlen. Aber er steigert die Lust, die Quittung wegzuwerfen.
Neues Leben: Wie stuft Gott Ihrer Meinung nach Schwarzarbeit ein?
Schirrmacher: Der Gedanke eines nackten Kapitalismus 'Was ich mir verdient habe, gehört mir!' ist der Bibel völlig fremd. Er sollte auch jedem gesellschaftlichen und ethischen Denken fremd sein. Gott hat den Menschen so geschaffen, dass er unter normalen Umständen viel mehr erwirtschaftet, als er selbst braucht. Auf diesen Rest hat die Familie - die man unbedingt zuerst nennen muss - einen Anspruch, aber auch der Staat, die Gemeinde und die Menschen in Not.
Neues Leben: Wenn man anhand der Bibel über Schwarzarbeit nachdenkt, muss man sich also fragen, wie verteile ich meinen Gewinn?
Schirrmacher: Ja, und die Bibel legt klar fest: Wenn ich hundert Mark verdiene, darf ich nicht alles für mich ausgeben. Natürlich gibt es in der Heiligen Schrift keine Beispiele dafür, dass jemand Sozialkosten vermieden hat, denn die wurden erst im letzten Jahrhundert eingeführt. Aber es gibt durchaus Texte, die uns ermahnen, Steuern zu zahlen. Nach biblischem Verständnis hängt meine Pflicht, Steuern zu zahlen, weder davon ab, wie viel der Staat verlangt, noch davon, was er damit macht.
Neues Leben: Verstehen das die meisten Christen?
Schirrmacher: Theoretisch würden die meisten evangelikalen Christen zustimmen, dass die Bibel von ihnen fordert, ihre Steuern zu zahlen. Die Praxis sieht aber oft anders aus. Überzeugte Christen lassen sich sicher nicht so stark auf Schwarzarbeit ein wie andere. Aber ich würde mich nicht der Illusion hingeben, dass es in christlichen Kreisen ein völlig unbekanntes Thema ist.
Neues Leben: Können Sie in dem Zusammenhang konkrete Zahlen nennen?
Schirrmacher: Die Schätzungen, wie viel Erwirtschaftetes in Deutschland nicht bei Finanzämtern angegeben wird, gehen weit auseinander. Die verlässlichsten Annahmen liegen bei einem Viertel.
Da es keine Zahlen darüber gibt, inwieweit Christen schwarz arbeiten oder arbeiten lassen, möchte ich es mit der Scheidungsrate vergleichen. Der Prozentsatz der evangelikalen Christen, die sich scheiden lassen, liegt etwas unter dem Durchschnitt. Aber er liegt nicht so stark unter dem Durchschnitt, dass sich Christen wesentlich von der Masse unterscheiden. Das würde ich auch bei der Schwarzarbeit vermuten. Da es aber keine Zahlen gibt, kann es nur eine Vermutung sein.
Neues Leben: In der Theorie klingt das alles einleuchtend. Wie aber überzeugen Sie einen Arbeitslosen, dass Schwarzarbeit nicht in Ordnung ist?
Schirrmacher: Arbeitslosigkeit ist nie einfach. Ich bin selbst einmal eineinhalb Jahre arbeitslos gewesen, mein Bruder gerade drei Jahre. Deshalb erzähle ich nicht nur theoretisch davon. Zuerst würde ich ihm erklären, was die Bibel zu diesem Thema sagt. Ich würde ihm zustimmen, dass unsere Steuerbelastung tatsächlich zu hoch ist. Aber ich würde auch über das Thema Dankbarkeit sprechen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir eine Straße mit Beleuchtung haben, Kehrdienst und vieles andere. Dafür könnte der einzelne schlecht sorgen. Deshalb zahle ich Steuern, auch wenn ich weiß, es wird ein Teil veruntreut.
Neues Leben: Hätten Sie in keinem Fall Verständnis, wenn ein Arbeitsloser schwarz arbeitet?
Schirrmacher: Für richtig halte ich es in keinem Fall. Verständnis könnte ich für einen Arbeitslosen haben, der viele Kinder versorgen muss, und die Steuer sparen will, weil er das Geld braucht. Das ist allerdings nicht sehr häufig. Ich würde einen Arbeitslosen immer ermutigen, jede legale Möglichkeit zu nutzen, um Steuer - und Abgabenbelastung zu reduzieren.
Außerdem sollte er sich genauestens informieren, wie viel er nebenher arbeiten darf. Wenn sich ihm die Möglichkeit bietet, das Haus eines Freundes zu renovieren, sollte er mit dem Arbeitsamt über eine sinnvolle Lösung nachdenken. Viele sind sehr phantasielos. Sie wollen es an einem Stück machen. Warum renovieren sie nicht jede Woche zwei Stunden? Das dauert zwar länger, ist aber völlig legal! Verdient ein Arbeitsloser allerdings so viel nebenher, dass er seine ganze Arbeitslosenversicherung verlieren könnte, hat er eine richtige Arbeit. Er nutzt den Sozialstaat aus.
Neues Leben: Beraten Arbeitsämter tatsächlich so gut?
Schirrmacher: Ich habe gute Erfahrungen gemacht. Die Beamten - auch wenn man das nicht pauschal sagen kann - sind nicht daran interessiert, soviel Geld wie möglich für den Staat zu gewinnen. Als ich arbeitslos war, konnte ich oft als Theologe eine Predigt 'nebenbei' halten. Die Anregungen, wo die Grenzen sind, habe ich vom Arbeitsamt erhalten. Ich habe alles vorher besprochen. Nach etwas mehr als einem Jahr hat mir das Arbeitsamt vorgeschlagen, mich selbständig zu machen - mit entsprechender finanzieller Unterstützung. Diese Idee habe ich mit deren Hilfe umgesetzt und es nicht bereut. Die Tipps kamen alle direkt vom Arbeitsamt.
Neues Leben: Vielen Dank für das Gespräch.
Oberhofprediger Franz Volkmar Reinhard (geb. 1753) dürfte kaum noch bekannt sein. Auch nicht in Sachsen, seiner Wirkungsstätte. Dort bekleidete er in Dresden diese Stelle von 1792 bis zu seinem Tod 1812.
Immerhin predigte er Sonntag für Sonntag vor etwa 3.000 bis 4.000 Kirchgängern. Seine Predigten wurden gesammelt und in ca. 40 Bänden veröffentlicht. Deren Verbreitung über ganz Deutschland hinweg, verschaffte ihm entsprechende Bekanntheit. Obwohl seine Predigten keineswegs feurig wirkten, hörte man sie gern.
Dennoch sollte er noch eine ganz besondere Rolle spielen. Am Reformationstag vor 200 Jahren, also am 31.10.1800, hielt Reinhard in der Dresdner Sophienkirche ein Predigt, die einen Wendepunkt darstellen sollte. Obwohl Reinhard ganz in seiner Zeit eingewurzelt war und Ideen des Rationalismus vertrat, äußerte er dazu recht kritische Gedanken.
Er begann seine Predigt wie folgt: "Ob ich gleich, wie ich aufrichtig versichern und vor Gott bezeugen kann, das Evangelium von Jesu, seitdem ich das Lehramt führe, fast an keinem Tage des Jahres mit mehr Rührung und Dankbarkeit gegen Gott, mit mehr Freudigkeit und Mut verkündigt habe als an dem Feste, welches wir heute feiern: so bin ich doch, ich kann es nicht leugnen, schon seit einigen Jahren an eben diesem Tag mit einem heimlichen Kummer und mit einer Verlegenheit unter euch aufgetreten, ..., die ich kaum verbergen kann und die ich nicht umhin kann, euch endlich zu gestehen und bemerklich werden zu lassen." Ihm sei jetzt erst klar geworden, dass "sich unsere Kirche ... von der eigentlichen Lehre Luthers" entfernt habe. So will er nun "an den eigentlichen wahren Ursprung der Kirche" erinnern, an die "Haupt - und Grundlehre".
An diesem Tag predigt er über Römer 3,23.25: "Es ist hier kein Unterschied, sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist."
Seinen Zuhörern erläutert er, dass dies das eigentliche und ganze Evangelium und zugleich Anlass und Ziel der Reformation gewesen ist. Im Leben wie im Sterben eines jeden Christen sei dies das einzige Fundament.
Seine Predigt stieß bei seinen Zuhörern auf tiefe Aufnahme und die Einsicht, dass genau dies ihnen gefehlt habe. Seine Ermahnung zum Festhalten dieser Wahrheit fiel aber nicht nur auf fruchtbaren Boden. Das Lager der Rationalisten lehnten die Predigt radikal ab. Maßgebliche Unterstützung erfährt Reinhard durch Minister von Burgsdorff, der Druck und Verbreitung seiner Predigt veranlasst. Reinhard trete für die Grundlehre von der freien Gnade Gottes in Christo und der Rechtfertigung allein durch den Glauben ohne Verdienst ein. Menschliche Tugenden seinen ohne diesen Glauben unzulänglich.
Von seinen Gegnern wurde ihm Anpassung vorgeworfen. Dieser Vorwurf ist um so unverständlicher, da die Vorherrschaft des Rationalismus nahezu vollständig war. Die Rede vom alleinigen Vertrauen auf die Rechtfertigung allein aus Gnaden war damals ein Anachronismus und man vermutete, dass Reinhard diese Überzeugung eigentlich gar nicht haben könne.
Solche Einschätzung ist viel zu oberflächlich und wird Reinhard in keiner Weise gerecht. Zumal er ja aus seiner Neigung zum Rationalismus keinen Hehl machte. In seiner Reformationsrede verweist er darauf, dass er bereits seit einigen Jahren "an eben diesem Tag mit einem heimlichen Kummer und mit einer Verlegenheit unter euch aufgetreten". Dafür muss es Gründe gegeben haben.
Zum einen sind die schweren inneren Kämpfe im Umgang mit den philosophischen Systemen zu nennen. Während seiner Lehrtätigkeit in Wittenberg (bis 1792) hatte er sich mit allen ihren Systemen zu beschäftigen. Keines von ihnen, weder die älteren noch die jüngeren (z.B. von Kant), vermochten ihm zu geben, was er sich erhoffte. Allenfalls suchte er sich ein Bild aus Mosaiksteinchen zu erstellen, indem er aus jedem System das Brauchbarste entnahm.
Andererseits gab es in seinem Leben ein "Vorurteil seiner Jugend". Darunter verstand er seine Prägung aus den Jugendjahren, während der er mit größtem Eifer in der Bibel las und darin alles fand, was er brauchte. Die Autorität der Bibel stand ihm fest. Darum vermochte er sich nicht der rationalistischen Denkweise anzuschließen, die die Tatsächlichkeit göttlicher Offenbarung verwarf. Dennoch darf man sich von ihm kein zu verklärtes Bild machen. Er stand mitten in den geistigen und geistlichen Stürmen. Mit Tränen in den Augen rang er in innigem Gebet. Doch die zahlreichen Streitigkeiten verschafften ihm keine Ruhe.
Unverkennbar ist jedoch, dass er zunehmend vom Zentrum der biblischen Botschaft her verkündigte und argumentieret. Dies verleiht seinem Wirken ein anderes Gewicht und ist für die Predigt am Reformationstag verantwortlich. "Er redet nicht mehr nur von Unvollkommenheiten und moralischen Schwächen, sondern von Sünden und Lastern und von dem einen Heiland Jesus Christus, als dem Mittler zwischen Gott und den Menschen." Und er bekennt: "Ich bedarf ... eines Heilandes und Mittlers, und zwar eines solchen, desgleichen Christus ist. Mein Herz und Gewissen lehren mich, wie verwegen es ist, auf seine Tugend zu trotzen. Was man menschliche Tugend nennt, steht sehr tief unter allen Forderungen Gottes, dass ich keine Möglichkeit absehen kann, wie der Sünder sich selbst und ohne eine besondere Veranstaltung und Hilfe Gottes in ein besseres Verhältnis zu Gott setzen und der Gnade Gottes würdig und gewiss werden soll. ... So lebe nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir." Deutlicher kann man sich nicht in Widerspruch zum herrschenden Rationalismus setzen, die vom Wert der Tugenden überzeugt sind und reden. Rechtfertigung gibt es allein aus Gnade.
Dass ein Mann in dieser Position solch sensationelle Äußerungen wagte, muss hoch gewertet werden. Schließlich wurde das Kernstück der biblischen Lehre und der Reformation wieder einmal thematisiert, nachdem es fast verloren schien. Immerhin schadete es ihm nicht so sehr. Denn 1809 erfolgte eine Berufung nach Berlin als Staatsrat in die oberste Kirchenbehörde, die er jedoch ablehnte. Andererseits blieb natürlich der Rationalismus noch fest im Sattel und sollte es noch viele Jahre bleiben.
Vom Wort Gottes erreicht und mutig gepredigt, was zu damaliger Zeit unerwünscht war. Nicht vollkommen und zuweilen zaghaft, doch von Gott zur Wende benutzt.
Ursel Tillmanns, Mannesmannstr. 3, 42929 Wermelskirchen
Michael Scheller, Dorfstr. 26, 02953 Halbendorf
Dr. Thomas Schirrmacher, Friedrichstr. 38, 53111 Bonn
Richard Bergmann, Bergstraße 2, 09392 Auerbach/ Erz. (Schriftleiter), eMail: RiBergmann@web.de
Markus Schäller, Hofer Str. 271, 09353 Oberlungwitz, eMail: Markus.Schaeller@t-online.de
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Für die in den einzelnen Artikeln ausgesprochenen Auffassungen und Gedanken ist der jeweilige Verfasser selbst verantwortlich. Seine Ansichten decken sich nicht notwendigerweise mit denen des Herausgebers und der Schriftleitung, jedoch mit der prinzipiellen Schrifthaltung des Bibelbundes.