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45Wort zum Nachdenken. BERGMANN
Anthroposophie und Waldorf- Pädagogik. HÜSKEN
Wir sind als Christen auf Wahrheit geeicht. Leichtfertige Darstellung von Lüge registrieren wir, ihre Verharmlosung empört uns. Wir sind so lange dagegen, wie uns daraus kein Nachteil erwächst. Zeichnen sich Ärger, Unruhe, Spannung usw. ab, dann bauen wir rasch an Konsequenz ab. Man will möglichst keine Feinde und geht Kontroversen lieber aus dem Weg. Vor allem dann, wenn wirtschaftliche Interessen oder Statistiken gefährdet sind.
Fanatismus und Wahrheit sind auch nicht das rechte Paar. Aber wie rasch begibt man sich andererseits in die Nähe der Lüge, wenn man sich Vorteile davon erhofft. Man schweigt und beruhigt sich: "Soll doch jeder selber sehen, wie er zurecht kommt."
Warum tut man das nicht bei allen Themen? Sonst ist die Rede davon, dass man für einander Verantwortung habe und weiß Bibelstellen zu zitieren. In der Tat: wir haben Verantwortung, gegen Täuschung und Irrtum und für Reife und Urteilsfähigkeit.
Eine zahme Unwahrheit dünkt uns nicht so schlimm. Unter ihrem Pflaster klingen Spannungen rasch ab. Der ursächliche Konflikt ist vergessen. Drohende Zerwürfnisse führen somit zur Preisgabe der Wahrheitsfrage.
Störung der Gemeinschaft ist schwerwiegend. Früher wurde sie zu rasch preisgegeben. Heute geben wir leichter die Wahrheit preis. Wir merken nicht, dass wir Wahrheit oftmals nur noch theoretisch vertreten. Praktisch verlassen wir das Sachgespräch über Homöopathie, über Ehescheidung, über Homosexualität , über die Rolle der Heiligen Schrift usw. Was ängstigt mehr: Wahrheit oder Lüge? Albrecht Dürer wusste: "Alles vergeht mit der Zeit, allein die Wahrheit bleibt ewig."
Die Neugründung und Nachfrage nach Waldorf-Kindergärten steigt immer noch. 1996 gab es noch ca. 30 neue Initiativen zur Gründung neuer Schulen. Es herrscht Andrang im Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke, an der Privatuniversität in Witten, die zwar finanziell ins Gerede gekommen ist, aber phasenweise mit Modellcharakter versehen wurde.
Begriffe wie Eurhythmie, Demeter-Landbauprodukte, Weleda-Medizin sind vielfach im Gespräch, mit oder ohne Bewusstsein, dass es einen anthroposophischen Zusammenhang gibt.
Was macht Waldorf-Einrichtungen so anziehend, dass sie zunehmend neue Freunde finden?
Was steht nun hinter der Waldorf-Pädagogik, was ist das mit der Anthroposophie? Wir wollen diesen Fragen in 3 Abschnitten nachgehen. Nach einem Blick auf den Begründer der Waldorf-Schulen soll es ansatzweise um die Frage nach der Anthroposophie gehen und dann um die eigentliche Fragestellung, die Waldorf-Schulen, wobei sich zeigen wird, dass dies alles untrennbar miteinander verknüpft ist.
Steiner studierte Naturwissenschaften in Wien und wurde dort durch einen Literaturprofessor auf Goethe aufmerksam, der fortan einen beständigen Einfluss auf ihn ausübte. Schon sehr jung ging er nach Weimar, um für das Goethe-Archiv die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes herauszugeben. Er promovierte zum Dr. phil. Seit dieser Weimarer Zeit zeichnet sich Steiner durch einen ungeheuren Arbeitseifer aus. Als eine Universitätskarriere scheitert, geht er nach Berlin, um eine Literaturzeitschrift herauszugeben. Dort sammelt er auch erste pädagogische Erfahrungen durch Unterricht an einer Arbeiterschule. Er heiratet erstmals, es scheint sich aber - wenn man seinen eigenen Äußerungen folgt - nur um eine recht äußerliche Verbindung gehandelt zu haben.
In Berlin vertieft er seine Kontakte zur Theosophie und wird 1902 Generalsekretär der deutschen Sektion der theosophischen Gesellschaft bis zu seinem Ausschluss 1913. Die Theosophie, begründet vor allem durch Helena Blavatski, ist eine Art Geheimlehre, die spiritistische, asiatische und andere okkulte Praktiken dazu benutzte, um höhere geistige Erkenntnisse zu erzielen. Obwohl Steiner eigentlich eine kritische Distanz zur Theosophie äußert und auch später wegen der hinduistischen Strömung, die eine weitere Vertreterin der Theosophie – Annie Besant – hineinbringt, sich von der theosophischen Gesellschaft trennt, hat er sich doch von diesem Denken beeinflussen lassen, und es findet sich auch in seiner eigenen Philosophie, der Anthroposophie wieder. Vermutlich hat er sich vor allem wegen des Benutzens hellseherischer Fähigkeiten zum Erkenntnisgewinn verborgener Welten anziehen lassen.
1913 gründet er mit Marie von Sivers, die seine 2. Frau wird, die Anthroposophische Gesellschaft mit Sitz in Dornach bei Basel. Bis zu seinem Tod entfaltet Steiner jetzt eine rastlose Tätigkeit, für die folgende Stichworte stehen sollen:
Kernstück des anthroposophischen Denkens ist der Entwicklungsgedanke des Menschen. In einem ausgeklügelten hierarchischen Gebäude werden verschiedene Weltsysteme (vorverklungenes / verklungenes / gegenwärtiges / zukünftiges Weltsystem) aufgestellt, die in Zyklen von verschiedenen Wesen durchlaufen werden, die sich dabei immer höher entwickeln. Im gegenwärtigen Weltsystem tritt der Mensch auf, der sich bis in das zukünftige Weltsystem hinein weiterentwickeln wird. Die Entwicklungsstufen sind an die Planeten und an so genannte Bewusstseinsformen gebunden, die sich nach Steiner gesetzmäßig weiterentwickeln. Im ganzen System ist der theosophisch-okkulte Hintergrund zu spüren, von dem Steiner einmal selber sagt: "Man macht … leicht auf den Uneingeweihten, der sich von der Tatsächlichkeit einer besonderen Geisteswelt noch nicht durch eigene Erfahrung überzeugen kann, den Eindruck eines Fantasten, wenn nicht einen noch schlimmeren." (Aus der Akasha-Chronik, S, 17). Hier ist ihm unbedingt zuzustimmen!
Wichtig in unserem Zusammenhang der Pädagogik in Waldorf-Schulen ist vor allem das Menschenbild der Anthroposophie. Steiner teilt den Menschen in 4 Wesensglieder ein: den physischen Leib, den Ätherleib, den Astralleib und das "Ich".
Der physische Leib entfaltet sich im 1. Lebensjahrsiebt und verbindet den Menschen mit dem Mineralischen. Er ist nur tote, materielle Hülle. In der Zeit zwischen Zahnwechsel und Pubertät, im 2. Lebensjahrsiebt, entwickelt sich der Ätherleib (auch Lebensleib), der den Menschen mit dem pflanzlichen Bereich verbindet und die einfachen Lebensfunktionen wie atmen, verdauen usw. bewirkt. Im folgenden Jahrsiebt entwickelt sich der Astralleib (Seelenleib), der Träger des Begehrens und der Affekte (Hass, Zorn, Liebe) ist und den Menschen mit dem Tierreich verbindet. Erst das Ich, das Bewusstsein, macht den Menschen zum Menschen, ermöglicht Wollen, Vorstellen, Denken. Die verschiedenen Tätigkeiten des Menschen sind so auf verschiedene Wesensglieder verteilt, begründen aber gleichzeitig auch eine steigernde Wertordnung.
Die ersten 3 Leiber "trägt" der Mensch, erst das Ich "ist" er. Das Ich wird auch nicht von den Eltern vererbt, sondern steigt jeweils aus der Geisteswelt herab, um sich mit einem Körper zu umgeben, zu inkarnieren. Nur der mit seinem Ich ausgestattete Mensch handelt voll verantwortlich, bildet ein Karma aus, die Plus-Minus-Bilanz seines Lebens, die seine nächste Inkarnation bestimmt. Auftrag der Erziehung, der Erwachsenen, ist es demzufolge, dem Heranwachsenden Inkarnationshilfen zu geben. Diesem Ziel fühlt sich natürlich vor allem die Waldorf-Pädagogik verpflichtet.
Für Steiner trennen sich schon im Schlafzustand die verschiedenen Wesensglieder. Astralleib und Ich erholen sich in ihrer Heimat, der geistigen Welt, der Ätherleib bessert den physischen Leib in dieser Zeit aus.
Im Tod setzt sich dieser Gedanke fort. Der physische Leib zersetzt sich, die anderen 3 Wesensglieder lösen sich von ihm. Der Verstorbene erlebt zunächst noch einmal sein Lebenspanorama als Ätherleib, der sich dann auch auflöst. Der Astralleib muss von verschiedensten Begierden geläutert werden. Dabei entscheidet sich durch Abwägen des Karma, in welcher Form er wieder auf die Erde zurückkehrt (= Reinkarnation). Insgesamt entwickelt sich der Mensch in diesen Stufen weiter, bis das Ich eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat, der Mensch sich hinaufentwickelt hat zur Gotteshöhe. Dies alles läuft nach Steiner nach strengen Gesetzmäßigkeiten ab.
Mir persönlich klingen hier stark buddhistische Motive und Evolutionsdenken nach Darwin an, aber auch Goethe'sches Selbsterlösungsdenken. Außerdem opfert Steiner hier die von ihm sonst geschätzte Freiheit der Persönlichkeit einem fast naturgesetzlichen Denken. Das Steinersche Menschenbild unterscheidet sich auf jeden Fall völlig von dem biblischen Menschenbild und der Erlösungsbedürftigkeit aus Gnade. Die Bibel kennt einen Anfang und ein Ende der Heilsgeschichte, keine Höherentwicklung. Jedes menschliche Leben ist vor Gott einmalig, unverwechselbar und unwiederholbar. Es gibt kein Davor mit Erfolgen in der Weiterentwicklung und kein Danach mit neuen Chancen. "Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht." (Hebr. 9, 27)
Christlicher Glaube kennt keine Selbsterlösungsversuche, sondern nur das eine Erlösungsangebot Gottes, das Heil in Jesus Christus. Hier gibt es auch keinen Spielraum für Kompromisse.
Ich möchte auch einen Blick auf Rudolf Steiners Jesusbild werfen.
Steiner unterscheidet hier zwischen Jesus und Christus. Er ist zwar am historischen Jesus von Nazareth wenig interessiert, unterscheidet aber zwei geborene Jesusknaben, den aus dem Matthäusevangelium und den aus dem Lukasevangelium, wobei er sich auf die unterschiedlichen Stammbäume beruft (salomonischer bzw. nathanischer Jesusknabe). Beide haben jeweils einen Josef und eine Maria als Eltern, wobei sich im Matthäus (= Salomo)- Jesus Zarathustra, im Lukas (= Nathan)- Jesus Buddha reinkarniert. Mit okkulten Zahlenspekulationen versucht Steiner nun, Jesus zur vervollkommneten Version des Abraham zu machen. Sehr schwierig nachzuvollziehen und nur für Anthroposophen akzeptabel ist dann die Ableitung des nathanischen Jesus von Adam und Eva. Mit 12 Jahren (Jesus im Tempel) geht das Ich des salomonischen in den nathanischen Jesus über. Erst in der Johannestaufe vereinigt sich dann nach Steiner die "Christuswesenheit" mit Jesus von Nazareth. Deutlich bleibt bei Steiners Theorie, dass buddhistisches und zarathustrisches Gedankengut die geistige Grundlage bilden, dass nicht Gott Mensch wird und die Erlösung bringt, sondern der Mensch aktiv am Werk ist.
Steiner beschreibt dann in der Entwicklungsgeschichte seines Jesus von Nazareth auch ein Ereignis, in dem Jesus im Alter von 24 Jahren zum Priester eines heidnischen Kultes geweiht wird und dabei das "makrokosmische Vaterunser" empfängt, das nach Steiner lautet (Steiner, Das fünfte Evangelium S. 4): "Amen (oder auch AUM)
Es walten die Übel
Zeugen sich lösender Ichheit
Von anderen erschuldete Selbstheitschuld
Erlebet im täglichen Brote
In dem nicht waltet der Himmel Wille
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaß Euren Namen
Ihr Väter in den Himmeln."
Es ist augenfällig, wie Steiner hier das biblische Herrengebet "vom Kopf auf die Füße stellt" und den Menschen über Gott erhebt.
Steiner kennt auch ein "Mysterium von Golgatha". Dort trennt sich die "Christuswesenheit" wieder vom Jesusleib. Die Kreuzigung hat für Steiner sehr wohl Bedeutung, weil er mit dem Blut Jesu, das in die Erde floss, mystisch-okkulte Vorstellungen verbindet. Der Leib verschwindet nach dem Begräbnis als Folge eines Erdbebens in einer Erdspalte, sodass das Grab leer ist. Ein Wirbelwind ordnet die Grabtücher nach der beschriebenen Weise an. So lautet die Steinersche Version der biblischen Zentralfrage der Auferweckung Jesu im "Fünften Evangelium". Seit Pfingsten lebt der Christusimpuls in den Jüngern, um sie und die Ichkräfte der nachfolgenden Menschen bei ihrem Selbsterlösungswerk zu stärken.
Hier wird ein starkes gnostisches Element spürbar, das schon das N.T. als Irrlehre verworfen hat. Außerdem ist zumindest für uns als an die Offenbarung der Schrift gebundene Menschen deutlich, dass hier mit menschlichen Spekulationen der Boden der Schrift verlassen wird. Hier finden wir, um ein Schlagwort der theologischen Auseinandersetzung der vergangenen Jahre abzuwandeln, "einen anderen Jesus".
Ähnliche Uminterpretationen gibt es auch bei anderen zentralen biblischen Aussagen wie dem Gottesbild, dem Begriff der Sünde und der Gnade und anderen. Ich möchte hier nicht näher darauf eingehen, weil das bisher Gesagte als Bewertungsgrundlage für eine Beurteilung steinerscher Lehre aus biblischer Sicht ausreicht.
1. Was macht eine Waldorf-Schule aus?
2. Ist die Waldorf-Schule eine freie alternative Schule oder ist sie Weltanschauungsschule?
3. Ist die Waldorf-Schule eine christliche Schule?
Leiblichkeit und geistig-seelischer Bereich sind durch 3 Systeme miteinander verbunden:
Hinzu kommt noch die Einteilung der Kinder in die klassische Temperamentenlehre (Choleriker - Sanguiniker - Melancholiker - Phlegmatiker), die Steiner nur okkult begründet und neu deutet. An diesen Grundlagen hat sich bis heute nichts geändert. Das ist nach heutigem Stand der pädagogischen und Entwicklungspsychologie ein sehr karges Modell, das der Pädagogik an Waldorf-Schulen zu Grunde liegt.
Für die pädagogische Arbeit bedeutet das, dass die kindliche Entwicklung nur unterstützt werden muss (im Sinne der erläuterten Inkarnationshilfe).
Demzufolge spielt der Lehrer eine sehr wichtige Rolle in der Waldorf-Schule. Er bekommt in manchen Äußerungen Steiners einen fast religiösen Rang im Sinne eines Priesters. So verkörpert er die Autorität, die nach Steiners Menschenbild 7 - 14-jährige zum gesunden Heranwachsen benötigen. In den Jahrgängen 1 - 8 haben deshalb Waldorf-Schüler einen Klassenlehrer, der auch alle Kernfächer selbst unterrichtet. Dies kann Vorteile, aber auch gravierende Nachteile haben, wenn die Schüler-Lehrer-Beziehung im persönlichen Bereich nicht stimmt oder man an ein verknöchertes Exemplar der Spezies Waldorf-Lehrer gerät.
Der Klassenlehrer hält den Kontakt mit den Eltern, lädt zu zahlreichen Elternabenden ein, versucht, die Eltern im Sinne der Mitarbeit bei schulischen Aktivitäten zu motivieren und besucht die Familien in deren Wohnungen.
Jeder Waldorf-Lehrer hält seinen Unterricht nach selbsterarbeiteten Materialien in Übereinstimmung mit den Lehrplananweisungen Rudolf Steiners, also mit jenen methodischen und inhaltlichen Angaben, die Rudolf Steiner den Lehrern der ersten Waldorf-Schule in den Jahren nach 1919 in Vorträgen, Kursen und Konferenzen gemacht hatte und die in verschiedenen Sammlungen aus Nachschriften veröffentlicht wurden.
Der Stundenplan eines jeden Tages gliedert sich in Haupt- und Fachunterricht. Im Hauptunterricht, den ersten beiden Stunden, wird für jeweils ca. 4 Wochen dasselbe Fach unterrichtet. Im Fachunterricht, der sich anschließt, wechselt die Thematik alle 45 Minuten wie auch sonst üblich.
Zu den Besonderheiten der Waldorf-Schule gehört der Verzicht auf Noten in Klassenarbeiten und Jahrgangszeugnissen. Deswegen können Schüler auch nicht sitzen bleiben. Diese - für manche Schüler sicher angenehme Regelung - hat zur Folge, dass an den Waldorf-Schulen nicht jener Leistungsdruck herrscht, der immer von öffentlichen Schulen behauptet wird. Das Ganze ist allerdings nur ein Nebeneffekt. Der eigentliche Grund für den Verzicht auf die Wiederholung der Klasse durch schwache Schüler liegt in der im Menschenbild begründeten Jahrgangspsychologie: Jedem Menschen muss in seiner Entwicklung ein bestimmter Stoff, eine bestimmte Form usw. zu einem bestimmten Zeitpunkt nahe gebracht werden.
Verzicht auf Noten heißt nun nicht Verzicht auf Beurteilung an einer Waldorf-Schule. Statt der Leistung des Schülers wird vielmehr seine Haltung, seine Entwicklung, ja sein ganzes Wesen beurteilt. Dies wird niedergelegt im Zeugnisspruch sowie in beurteilenden Sätzen zu jedem Fach. Ich denke mit Äußerungen aus der Fachliteratur, dass das einen Menschen sehr viel eingreifender und vielleicht auch festlegender beurteilt als eine reine Leistungsbeurteilung.
Auch im Lehrplan unterscheidet sich die Waldorf-Schule von anderen Schulen. Der Lehrplan ist nicht Gegenstand stetiger pädagogischer und fachwissenschaftlicher Diskussion, sondern steht als von Steiner herrührend nicht zur Disposition. Seine Anweisungen werden nur immer wieder neu interpretiert.
Der Unterricht beginnt schon in der ersten Klasse mit zwei Fremdsprachen, oft mit Englisch und Russisch. Die Sprachen werden singend und spielend eröffnet, Grammatik und Sprachanalyse stehen im Hintergrund - das gilt übrigens für die ganze Schulzeit.
Ein wesentlicher Schwerpunkt der ganzen schulischen Erziehung liegt auf dem musischen Bereich: Musizieren, Plastizieren und Theaterspielen nehmen einen großen Raum ein. Auch handwerkliche Fächer wie Weben, Buchbinden und Schmieden haben einen festen Platz im Unterricht.
In den Unterricht der oberen Klassen sind mehrwöchige Praktika eingeplant: Handwerkspraktikum, Garten- und Landwirtschaftspraktikum, Industrie- und Sozialpraktikum, Landvermessungspraktikum.
Nach 12 Schuljahren wird der Waldorf-Schulabschluss erreicht mit der Ausarbeitung einer Projektarbeit. Die Anerkennung dieses Unterrichtsabschlusses ist in den Bundesländern verschieden. Höhere Abschlüsse wie das Abitur müssen nach 1 oder 2 "Paukjahren" extern erworben werden.
Die Lehrplanbesonderheiten bringen es mit sich, dass ein Schulwechsel an die öffentliche Schule schwierig und nur unter Verlust von 1 oder 2 Schuljahren möglich ist, sodass verbunden mit der Einschulung mit 7 Jahren Ex-Waldorfschüler in Regelklassen älter sind als ihre Mitschüler. Diese Lehrplandiskrepanzen und die damit verbundenen Folgen für einen Schulwechsel sind übrigens durchaus bekannt, und manche Waldorf-Lehrer operieren damit geschickt. So werden Eltern unter Druck gesetzt, Verhaltensauffälligkeiten ihres Kindes baldmöglichst abzustellen, da sonst der Verbleib des Kindes an der Schule gefährdet sei. (Das ist sanfte Erpressung einer privaten Schule.)
Allerdings muss angesichts dieses anziehenden Schulbildes gesagt werden, dass die Wahrheit, sprich der Alltag an einer Waldorf-Schule oft anders aussieht. Ein ehemaliger Schulpsychologe aus Wuppertal, Fritz Beckmannshagen, hat das in einem Buch ausführlich dargestellt und kommt zu dem Schluss: "Nirgends ist mir die Spaltung zwischen Wunschbild und Realität so extrem deutlich entgegengetreten wie in der Waldorf-Bewegung."
Zur Organisationsform der Waldorf-Schulen ist zu sagen, dass sie Schulen in freier Trägerschaft sind, die vom Staat genehmigt und finanziell unterstützt werden, wie freie christliche Bekenntnisschulen auch. Die fehlenden Kosten werden über individuell berechnete Elternbeiträge aufgebracht. Von daher sind auch nicht alle Schulen gleich. Sie sind aber alle im Bund der Freien Waldorf-Schulen in Stuttgart zusammengeschlossen.
Herausragend in der Schulhierarchie ist das Lehrerkollegium, dass - oft satzungsmäßig abgesichert - auch von den Eltern im Vorstand nicht überstimmt werden kann. Waldorf-Schule haben keinen Direktor, sondern alle wesentliche Fragen werden auf den wöchentlich donnerstags stattfindenden Konferenzen erörtert und beschlossen. Hier gibt es aber noch Differenzierungen; zur entscheidenden internen Schulleitungskonferenz sind nicht einmal alle Waldorf-Lehrer zugelassen.
Waldorf-Lehrer erhalten ihre Ausbildung an einem der Lehrerbildungsseminare des Bundes Freier Waldorf-Schulen. Die Eingangsvoraussetzungen sind sehr breit gefächert und mit staatlichen Anforderungen nur z.T. vergleichbar.
Jeder Unterrichtstag beginnt mit dem Morgenspruch, der gebetsgleich von Schülern und Lehrern gesprochen wird. In der Oberstufe ist es an allen Waldorf-Schulen ein Wort Steiners:
"Ich schaue in die Welt,
In der die Sonne leuchtet,
In der die Sterne funkeln,
In der die Steine lagern,
Die Pflanzen lebend wachsen,
Die Tiere fühlend leben,
In der der Mensch beseelt
Dem Geiste Wohnung gibt.
Ich schaue in die Seele,
Die mir im Innern lebet.
Der Gottesgeist, er webet
Im Sonn- und Seelenlicht,
Im Weltenraum da draußen.
In Seelentiefen drinnen.
Zu dir, oh Gottesgeist,
Will ich bittend mich wenden,
Dass Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse."
Hier wird das Steinersche Gedankengut von der Dreigliederung der Welt immer neu vorgeführt: Weltenraum als Makrokosmos mit den astralischen Himmelskörpern, die Bereiche des Mineralischen, Pflanzlichen, Tierischen, schließlich der Mensch mit seinem Bewusstsein aus der geistigen Welt. Der Mikrokosmos: der Mensch in seinem Innern, in seiner Verbindung zum geistig-göttlichen Bereich. Das sind pantheistische Vorstellungen, aber nicht mit einer Silbe christliche.
Das Fazit kann deshalb nur lauten, dass die Waldorf-Schule eine Weltanschauungsschule und mit Sicherheit keine christliche Schule ist. Waldorf-Pädagogik ist ohne Anthroposophie nicht zu haben. Da zudem der Einfluss der Schule versucht, den Erziehungseinfluss der Eltern, wenn er nicht anthroposophisch bestimmt ist, zu untergraben, kann aus meiner Sicht nur davor gewarnt werden, Kinder aus gläubigen Familien, diese Schulen besuchen zu lassen.