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44Wort zum Nachdenken V. MÜLLER
Der Christ zwischen Medizin und Paramedizin M. SCHÄLLER
Ich glaube nur, was ich sehe C. RENSCHLER
Der Abschied von der Hölle T. LEHMANN
Hinweise
Den Abschluss des Kirchenjahres bildet der Ewigkeitssonntag, im Volksmund auch Totensonntag genannt. In manchen Gemeinden werden die Namen der im vergangenen Jahr Verstorbenen verlesen. ln den Familien gedenkt man der toten Angehörigen. An diesem Tag werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass nichts in diesem Leben so sicher ist wie der Tod. Das ist die harte Realität seit dem Sündenfall, der kein Mensch entfliehen kann. Wie lang ein Leben währen wird, liegt in Gottes Hand (Ps.31,16). Alle großen und kleinen Wünsche und Hoffnungen finden eine Grenze - den Tod (Spr.11,7): Mit dem Tod eines gottlosen Menschen geht seine Hoffnung verloren. Spätestens auf dem Totenbett stellt sich für alle die Frage nach dem Sinn das Lebens: War das nun alles? Was war der Sinn? Und auch diese Frage sucht eine Antwort: Wie wird es weitergehen? Geht es überhaupt weiter?
Der Apostel Petrus malt der verfolgten Gemeinden ihre von Gott geschenkte neue Hoffnung vor Augen, eine Hoffnung, die weit aber den Tod hinausgehen und Bestand haben wird. (1Petr1,3ff).Jesus Christus hat durch sein stellvertretendes Leiden und Sterben für die Sünde der Menschen den Weg in die Ewigkeit gebahnt. Er ist diesen Weg vorausgegangen. Seine Auferstehung ist das Siegel für die feste Gewissheit, dass der Tod nicht das Letzte ist. Ein Erbe liegt bereit für alle, die im Glauben an Jesus sterben.
Mit dieser Hoffnung im Herzen dürfen wir Christen uns trösten, aber auch allen Menschen Mut machen, diese Gabe Gottes, das ewige Leben in Jesus Christus zu ergreifen.
Sicherlich bleibt Sterben und Tod das 'große Unbekannte', dem wir mit Furcht im Herzen entgegensehen. Aber über dem Grabstein geht der Lichtstrahl der Ewigkeit auf. Das will wohl der Name Ewigkeitssonntag auch ausdrücken. Hierauf richtet sich unsere Hoffnung, von hier bekommt unser Leben Sinn und Ziel. Tut es das wirklich?
Bei Christen kann das Mißtrauen gegenüber dem Arzt und jeder Art von ärztlicher Weisheit gelegentlich Züge annehmen, die jeden Beurteiler irritieren. Sollte man ihr Gottvertrauen bewundern - oder ihren Starrsinn schelten? Ich erinnere mich an einen Glaubensbruder, der sich - aus geistlichen Gründen, wie er meinte - konsequent weigerte, bei der schweren Niederkunft seiner Ehefrau einen Arzt zu holen. Die arme Frau wäre bald gestorben. Er aber blieb fest bei seiner Meinung. Was soll man dazu sagen? Der Gang zum Arzt - ein Akt des schnöden Unglaubens?
Oder denken wir an die Pocken, eine üble Seuche schon der vorchristlichen Zeit. Durch die Europäer wurde sie nach Amerika eingeschleppt und grassierte hier in unvorstellbarem Ausmaß. Mit starken wissenschaftlichen Gründen treten einige Historiker dafür ein, daß nicht zuerst Pferde und Feuerwaffen, sondern die Pocken (und andere Viren) die wahre Ursache für die Dezimierung der indianischen Urbevölkerung darstellten. Heute existiert das Variola- oder Pockenvirus - soweit bekannt - nur noch in zwei Hochsicherheitslaboratorien in Atlanta und in Moskau. Sobald alle 175000 Basenpaare des Variola-Genoms sicher bestimmt sind, will man sämtliche Laborbestände vernichten. Dann wäre dieses Virus die erste Spezies, die der Mensch vorsätzlich und mit gutem Grund ausgerottet hat. Wenn einmal die letzten Variola-Kulturen vernichtet sind, wird, außer einer gewissen Zeichensequenz auf einer Computerdiskette, nichts mehr an diese furchtbare Geißel vergangener Jahrhunderte erinnern. Die simple Grippe wäre in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen. Wer macht sich schon klar, daß diese Krankheit, die heute für die meisten Menschen nach wenigen Tagen mit Unpäßlichkeit, Kopfschmerzen und Fieber ausgestanden ist, noch um 1918 mehr als 20 Millionen Todesopfer dahinraffte. Die damals sog. "spanische Grippe" hatte Einfluß auf das Ende des 1. Weltkrieges. An ihr starben so viele deutsche Soldaten, daß allein dadurch ihre letzte große Offensive weitgehend zum Erliegen kam. Weniger tödliche, aber territorial weit ausgedehnte Grippeepidemien traten noch in den Jahren 1957, 1968 und 1977 auf. Weil das Grippevirus die Eigenschaft hat, sich auf genetischer Ebene fortwährend zu verändern, kann leider nicht davon gesprochen werden, daß es grundsätzlich besiegt sei. Jederzeit kann eine solche Epidemie erneut ausbrechen. Und es gibt keinerlei Gewähr dafür, daß sie nicht wieder solche Ausmaße wie 1918 annimmt. Wenn beispielsweise ein koreanischer Geschäftsmann auf dem überfüllten Flughafen von Honululu niest, kann ein Virus, das er sich eine Woche zuvor in China zuzog, innerhalb weniger Stunden auf New York, London, Brüssel, Paris oder Berlin übergreifen. Es wird aber viel getan, um genau diese Wahrscheinlichkeit so gering wie möglich zu halten. Beständig werden Viren aus allen Teilen der Welt an gewisse epidemiologische Laboratorien gesandt. Mit hektischer Betriebsamkeit, arbeitet man dort Jahr um Jahr im Vorhinein an serologischen Abwehrwaffen, die sofort bereit stehen müssen, wenn da oder dort eine Epidemie "zum Schlag ausholt". Das Ergebnis dieser Bemühungen: die - zu Unrecht ignorierte - spätherbstliche Grippeschutzimpfung . Auch bei den Erbkrankheiten gibt es inzwischen bemerkenswerte Fortschritte. So gelang es 1993 den molekularen Hintergrund der Chorea Huntington aufzuklären. Seither besteht die realistische Hoffnung, daß einmal eine Therapie möglich wird. Ähnliches deutet sich auch für die Multiple Sklerose, für die Alzheimersche Krankheit und für manche Formen von Krebs an.
Natürlich ist die medizinische Wissenschaft nicht allvermögend. Auch für sie gilt: "Stückwerk bleibt, was man treibt." Aber es ist nicht zu übersehen, daß ihr enorme Fortschritte gelungen sind. Wer je einmal ein Lehrbuch der historischen Medizin in der Hand hatte, wird erleichtert aufatmen, daß er in diesem Jahrhundert leben darf. Wer hier innehält und einen Schritt zurücktritt, wird mit voller Überzeugung sagen können: Es ist ein beständiger Grund zur Dankbarkeit gegen Gott, daß es dieses Geschenk der medizinischen Wissenschaft gibt. Was wäre der Diabetiker ohne sein Insulin, der Asthmatiker ohne seinen Spray, der Epileptiker ohne sein Medikament? Wie stünden wir da, ohne die Hilfe der modernen Apparatemedizin? Ein gläubiger Urologe meinte einmal, keiner wisse mit dem Begriff der Erlösung einen tieferen Inhalt zu verbinden, als der Prostata-Kranke, der nach einem akuten Harnverhalten eine erfolgreiche Katheterisierung erlebte. Im Blick auf das reichhaltige medizinische Angebot sollten wir es grundsätzlich mit der zwischentestamentlichen Weisheit aus Sir 38 halten: "Ein vernünftiger Mensch verschmäht den Arzt nicht."
Zur Klarstellung: Paramedizin darf nicht - was leider immer wieder geschieht - mit den Naturheilverfahren z.B. Kneipp-Kuren, Massagen, Bäder, Gymnastik, Diäten, Kräuterkuren, usw. verwechselt werden. Diese gründen sich auf natürliche und nachprüfbare Wirkungen der Mittel und Methoden, und haben insbesondere für die Gesundheitspflege ihren Wert.
Dagegen baut die Paramedizin gewöhnlich auf spekulativen, unbelegten Vorstellungen auf und bedient sich esoterisch-magischer Theorien. Man werfe nur einen Blick auf die Angebote unter "Gesundheit/Lebenshilfe" in unseren Buchhandlungen. Da zucken ungewöhnliche Begriffe aus den Regalen: Auraskopie; Ayurveda; Bach-Blüten; Bioresonanztherapie; biologisch-dynamischer Landbau; Bombastus-Heilkräuter; Channeling/Kinesiologie; Chakren; Demeter-Produkte, Dreck-Apotheke; Edelstein-Therapie; Fang-Schui; Fußzonenreflexmassage; Hildegard-Medizin; Homöopathie; Irisdiagnostik; Hand- und Fußdiagnostik; Quigong; Radiästhetik; Reiki; Tantra; Weleda - um nur einige zu nennen. Was ist davon zu halten? Alles gut und nützlich, wenn es mit Danksagung genossen wird?
Wie soll man prüfen? Eine äußerst schätzenswerte - und dabei viel zuwenig gehandhabte - Grundregel lautet: "Sapere aude!" Bediene dich deines Verstandes! Wenn ein Christ beispielsweise erfährt, daß Lebensmittel, um vollwertig zu sein, von den Sternen herstammende "Astralkräfte" enthalten sollten, dann müssen sofort alle roten Raketen hochgehen. Kühe, so hört man, könnten mit ihren Hörnern "Astralstrahlen" auffangen. Man fülle also Kuhhörner mit Kuhmist und vergrabe sie im Boden. Nach einem Jahr wird der Inhalt wieder herausgekratzt und in starker Verdünnung auf den Acker gesprüht (biologisch-dynamischer Landbau!). Das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Wirtschaftsweise sind dann die sog. Demeter-Produkte. Noch Kommentare nötig? Sapere aude! Stets ist tiefstes Mißtrauen angesagt, wenn die Wirkungsweise gewisser Mittel und Methoden auf "astrale Kräfte", "kosmische Energien", "animalischen Magnetismus", "Erdstrahlen" und "geistig-seelische Schwingungen" zurückgeführt wird. Häufig wird die Paramedizin auch als "sanfte Medizin", als Erfahrungsheilkunde oder Alternativmedizin bezeichnet. Diese Begriffe suggerieren, daß ihre Verfahren über Eigenschaften verfügen, die die "verstaubte Schulmedizin" eben nicht aufzuweisen vermag. Während man dort sofort die großkalibrigen pharmakologischen Geschütze auffährt, versucht man es hier noch mit den "sanften Streicheleinheiten" der alternativen Methoden. Zugegeben, es ist mehr als ein Körnlein Wahrheit an diesem Vorwurf. Aber der eigentliche Unterschied liegt an anderer Stelle: Während sich die konventionelle Medizin wissenschaftlicher Methoden bedient, um ihre Verfahren und Behandlungsweisen immer wieder zu überprüfen und zu korrigieren, lehnen die Vertreter der paramedizinischen Verfahren die sorgfältige wissenschaftliche Überprüfung überwiegend als "für sie unangemessen" ab. Wissenschaftliche Untersuchungen sind jedoch unabdingbar, wenn man wirksame Verfahren von unwirksamen trennen will.
Das homöopathische Behandlungskonzept, vor etwa 200 Jahren von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann aufgestellt, beruht auf mehreren Grundprinzipien, von denen zwei besonders erwähnt seien: das "Simile-Prinzip" und das "Potenzieren". Das Simile-Prinzip - gefunden nach Selbstversuchen mit Chinarinde - lautet nach des Meisters klassischer Formulierung: "Wähle, um sanft, schnell, gewiß und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfall eine Arznei, die ein ähnliches Leiden (homoion pathos) für sich erregen kann, als sie heilen soll! Similia similibus curantur!" (= Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt.)
Das zweite homöopathische Hauptprinzip ist das sog. "Potenzieren": Man versteht darunter die Einstellung der "richtigen Stärke" durch Verdünnungen, die sich an einer Zehnerreihe orientieren. Bei flüssigen Arzneimitteln geht man aus von einer Urtinktur, einem konzentrierten Extrakt des Arzneistoffs. Dieser wird im Verhältnis 1 zu 10 mit verdünntem Alkohol gemischt und zehnmal geschüttelt. Es entsteht die Tinktura decimalis 1 (D1). Durch abermaliges Verdünnen (und Schütteln!), stets im Verhältnis 1 zu 10, entsteht D2, D3, usw.
Was sagt die heutige Wissenschaft zu diesen Prinzipien? Dem Simile-Prinzip mögen etliche zutreffende Erfahrungen zugrunde liegen. Hahnemann hatte sicher seinen Grund, wenn er z.B. schrieb: "Der Kaffee erregt in großer Gabe Kopfschmerzen, in mäßiger Gabe vermag er Kopfschmerzen zu stillen " Im Ergebnis führte es jedoch zur gleichartigen Behandlung unterschiedlichster Krankheiten und rief darum die Skeptiker auf den Plan: Pulsatilla D6 soll gegen Ischias helfen, hilft aber auch bei krankhafter Eifersucht der Mädchen. Ambra D3 ist empfehlenswert bei Keuchhusten, hilft aber auch bei Ehesorgen. Nux vomica wird bei heftiger Streitsucht empfohlen, soll aber auch bei Migräne, verklebten Augenliedern und Impotenz helfen, usw.
Mit besonderer Heftigkeit wandte sich die Kritik von naturwissenschaftlich Denkenden auch gegen das "Potenzierungsprinzip". Hier sind es die geradezu extrem hohen Verdünnungsgrade, der höheren "D-Stufen", die den Widerspruch herausfordern. Daß eine stark wirkende Substanz in 1000-facher (D3) oder 10000-facher Verdünnung noch wirken kann, ist ein nachvollziehbarer Gedanke. Doch wird sich die Mehrzahl der Patienten kaum klar machen, was etwa hinter der Angabe "D20" oder gar "D200" auf der kleinen braunen Flasche steht. "D20" ist eine Verdünnung von 1 : 10 hoch 20. Sie entsteht, wenn eine Aspirintablette im Atlantik (!) aufgelöst und gleichmäßig verteilt wird. Aber das ist noch längst nicht der Gipfel homöopathischer Verwegenheit: Es gibt Verschreibungen mit Verdünnungsgraden von 1:10 hoch 1500. Das geht weit über jegliches Vorstellungsmaß hinaus. Diese Verdünnung erreicht man, wenn man eine Substanzmenge von der Größe eines Reiskorns in einem Wasserball von der Größe des Sonnensystems auflöst, einen Tropfen davon nimmt, ihn nochmals in der gleichen Wassermenge verdünnt und dies 2 Milliarden mal wiederholt (nach J. Randi)! Hier vermag alles Reden von "feinstofflicher Wirksamkeit" und "energetischer Betrachtungsweise" nicht weiterzuhelfen: Derartige homöopathische Hochpotenzen sind absolut leer an jeglicher Wirksubstanz.
Es ist ein Irrtum zu meinen, eine Substanz sei beliebig verdünnbar. Denn jede Substanzmenge besteht aus einer zwar sehr großen, aber doch endlichen Anzahl von Molekülen. Rechnerisch kann sie mittels der Loschmidt´schen Konstante (N=6,026 x 10 hoch 23 Moleküle pro Mol) bestimmt werden. Das heißt, daß etwa ab D23 auch nicht ein einziges Molekül der Urtinktur vorhanden ist. Hinzu kommt dann noch die Rolle des Schüttelns beim Verdünnen: Hierdurch soll etwas vom "geistigen Wesen" der Ursubstanz auf das Lösungsmittel übertragen werden. Spätestens hier wird deutlich, daß das homöopathische Konzept die wohlbegründeten Grenzlinien des naturwissenschaftlich Nachvollziehbaren überschreitet - und zwar hin zum Spekulativen und zum Magischen.
Im Rahmen seiner Zeit beurteilt, war Hahnemann durchaus ein brillanter Kopf mit einer bemerkenswerten Beobachtungsgabe. Aber er wußte noch nichts von Bakterien und Viren, von Atomen, Molekülen und der Loschmidt´schen Konstante. Die Mehrzahl heutiger Medizinwissenschaftler kommt darum nicht umhin festzustellen: Für die "sanfte" homöopathische Methode fehlen (noch immer) die harten Beweise. Die Medizinische Fakultät der Universität Marburg erklärte im Ärzteblatt vom 3. März 1993 die Homöopathie zur (medizinischen) Irrlehre.
Warum aber sind unwirksame Verfahren oft so populär? Weil die Patienten vielfach von der Anonymität und dem Massenbetrieb des modernen Gesundheits(un)wesens abgeschreckt sind. Sie fühlen sich bei einem "Alternativmediziner" viel wohler. Dieser geht endlich einmal auf ihre Persönlichkeit ein. Schon das Vertrauen in einen Therapeuten, in die Wirksamkeit einer Therapie oder eines Medikaments kann Prozesse im Körper auslösen, die die Heilung fördern. Diese Wirkungen einer Behandlung, - wissenschaftlich noch weitgehend unverstanden - faßt man unter dem Sammelbegriff Placebo-Effekt zusammen. Es gibt auch das Gegenteil des Nocebo-Effekts: Allein die Angst vor schädlichen Folgen vermag bereits negative Auswirkungen im Körper hervorzurufen. Der Placebo-Effekt kann sehr stark sein. Experimente ergaben, daß insbesondere das Schmerzempfinden durch ihn stark beeinflußt werden kann. Will man dagegen herausfinden, ob eine bestimmte Therapie wirklich (!) wirksam ist, muß methodisch sichergestellt werden, daß der stets mögliche Placebo-Effekt die Test-Ergebnisse nicht verfälscht.
Um Medikamente oder Therapien zu testen, muß man daher zwei Patientengruppen bilden: Die eine Gruppe erhält das zu testende Medikament (Verum), die Kontrollgruppe dagegen ein völlig unwirksames Scheinmedikament (Falsum bzw. Placebo). Werden beide Gruppen ansonsten völlig gleich behandelt (um dies sicherzustellen, muß der Test doppelblind durchgeführt werden, d. h. weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte dürfen wissen, ob jeweils das echte Medikament oder das Placebo verabreicht wird), dann ist der Placebo-Effekt in beiden Gruppen gleich, und Unterschiede zwischen den Gruppen gehen tatsächlich auf das getestete Medikament oder die Therapie zurück.
Während dieses Vorgehen in der wissenschaftlichen Medizin und bei der Zulassung von Arzneimitteln Standard ist, lehnen Vertreter unkonventioneller Heilmethoden solche Prüfungen meist als unangemessen ab. Sie verweisen statt dessen auf beeindruckende Fallbeispiele von geheilten Patienten. Für "Otto Jedermann" mögen diese sehr überzeugend sein - wissenschaftlich sind sie ohne jede Beweiskraft. Denn es bleibt völlig unklar, bei wieviel Patienten die Behandlung erfolglos war. Hinzu kommt, daß viele Krankheiten in Schüben verlaufen oder von selbst wieder heilen, und daß auch bei chronischen Erkrankungen Spontanheilungen vorkommen.
Und im Übrigen wollen wir uns gegenseitig helfen, nicht gegen Gottes Ratschluß zu murren, der uns die ganze Erlösung unseres Leibes erst für "jenen Tag" in Aussicht stellt (Röm 8,23).
Ich möchte mich mit dieser Aussage gerne auf zweifache Weise auseinandersetzen: Einmal, indem ich mit Hilfe der Abbildungen versuche, deutlich zu machen, daß unsere Augen gar nicht so objektiv und unbestechlich sind, wie wir uns das oft vormachen, und zum anderen durch die Betrachtung einiger diesbezüglicher biblischer Aussagen. Die vier Bilder unten habe ich beim Museum "Exploratory" in Bristol (GB) aufgenommen. Sie zeigen sogenannte "Optische Täuschungen". Im einzelnen geht es dabei um folgendes:
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Bild 1: Wieviele Zinken hat die Stimmgabel? |
Bild 2: Zeigt die Darstellung eine Vase oder zwei Gesichter? |
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Bild 3: Sind die Linien auf der Abbildung parallel oder schräg? |
Bild 4: Stellt die Zeichnung eine junge oder eine alte Frau dar? |
Die erste Darstellung erinnert uns daran, daß wir in einer dreidimensionalen Welt leben, unser Auge aber auf der Netzhaut nur zwei Dimensionen abbilden kann. Gerade der Hintergrund ist oft eine gute Hilfe, sich trotzdem gut zurechtzufinden. Hier aber werden wir dadurch in die Irre geführt, daß die mittlere Zinke der Stimmgabel wohl ein Ende, aber keinen Anfang hat und unsere in unserem Gehirn abgespeicherte Erfahrung sagt uns, daß es so etwas nicht geben kann.
Das zweite Bild macht uns deutlich, daß wir stets zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen unterscheiden müssen und (meist unwillkürlich tatsächlich auch unterscheiden. Oder anders gesagt, daß wir die Entscheidung zu treffen haben, was wir für das eigentliche Objekt und was für den Hintergrund halten. Was wir hier sehen, hängt also nicht zuletzt davon ab, was wir bereits gesehen haben und womit unsere Gedanken gerade beschäftigt sind.
Bei der dritten Abbildung wird uns durch die schwarzen und weißen Vierecke leider gerade nicht geholfen, die Frage "parallel oder schräg?" zu beantworten, sondern sie weisen uns vielmehr genau in die falsche Richtung. Sehr oft sind uns die wahrgenommenen Details eines Bildes eine Hilfe, Fragen nach geometrischen Verhältnissen zu beantworten, hier jedoch ganz und gar nicht!
Die letzte Darstellung ist deshalb für uns zweideutig, weil wir einzelne Details der Abbildung unterschiedlich deuten so zu zwei verschiedenen Ergebnissen in der Gesamtbewertung der Figur kommen. Nase oder Kinn, Halsband oder Mund, Auge oder Ohr - das sind nur einige der Entscheidungen, die wir zwangsläufig und häufig unbewußt treffen, und in Folge derer wir dann den Eindruck einer jungen oder einer alte Frau bekommen. Deshalb wird hier das, was wir "sehen", nicht unwesentlich davon beeinflußt, wie wir uns bestimmte Dinge aufgrund unserer Vorerfahrungen vorstellen. Damit sind dann unsere Vorerfahrungen maßgeblich daran beteiligt, daß wir zu einer ihnen entsprechenden Zuordnung des Gesamtbildes kommen.
Allein aufgrund dieser einfachen Beispiele sollte uns deutlich werden, daß es töricht ist, nur das zu glauben, was wir sehen, ja, daß wir umgekehrt dem, was wir sehen, nicht unbenommen glauben dürfen. Denn die von unsrem Auge in aller Regel korrekt wahrgenommenen Signale werden in unserem Gehirn unter Mitwirkung unserer Vorerfahrungen weiterverarbeitet - fast so, wie ein aufgenommenes Bild retuschiert oder heute im Zeitalter der Digitalkameras am Computer nachbearbeitet wird. Das ist in aller Regel zu unserem Nutzen. Es kommt aber auf diese Weise immer ein subjektives Moment mit ins Spiel, so daß fast schon die Umkehrung unserer obigen Aussage Gültigkeit haben könnte: Ich sehe nur, was ich glaube. Zum Abschluß dieses Abschnittes will ich noch an die wohlbekannte Redensart "da habe ich meinen Augen nicht getraut" erinnern, die meine obigen Ausführungen gut zusammenfaßt. Wenn wir schon im natürlichen Bereich nicht einfach das für die Realität halten dürfen, was wir sehen, wieviel mehr gilt das dann für den unsere sichtbare Wirklichkeit umfassenden geistlichen Bereich! Ich will das kurz anhand von drei Bibelstellen verdeutlichen:
- In Rö,1,20 wird Gottes Wesen (d.h. seine ewige Kraft und Gottheit) als unsichtbar bezeichnet, und das bedeutet, daß wir es nie auch nur stückweise erfassen werden, wenn wir uns nur auf das Sichtbare verlassen. - 2Kor 4,18 macht uns deutlich, daß Sichtbarkeit direkt verknüpft ist mit Vergänglichkeit und Unsichtbarkeit mit Ewigkeit. Wenn wir nur die sichtbare Realität gelten lassen, berauben wir uns der Ewigkeit.
- Hebr11,1 macht deutlich, daß es beim Glauben gerade um das Nichtzweifeln an (eine andere Übersetzungsmöglichkeit wäre Überführtsein von) dem geht, was man nicht sehen kann. Von daher ist es prinzipiell unsinnig, den Glauben, wie ihn uns die Bibel an dieser Stelle definiert, irgendwie mit sichtbaren Dingen in Verbindung zu bringen.
Ich wünsche uns den starken Glauben von Mose, der es wagte, sich im Namen Gottes dem damals nahezu allmächtigen Pharao zu widersetzen. Moses "Geheimnis", das ihn zu solchen Taten befähigte, wird uns in Hebr11,27b mit den schlichten Worten "denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn" beschrieben.
Statt dessen behilft man sich mit Äußerungen wie z. B.: "Mit dem Jesus den du da verkündigst, kann ich nichts anfangen. Ich halte mich da mehr an den Jesus der Bergpredigt." So kann nur sülzen, wer die Bergpredigt nie gelesen hat. In dieser Predigt er- wähnt Jesus dreimal die Hölle dazu auch noch die Verdammnis. Außerdem warnt er noch an sieben weiteren Stellen vor der Hölle. Der Hinweis auf solche Bibelstellen wird gewöhnlich mit der Frage kommentiert, ob ich ein Interesse daran hätte, daß manche in die Hölle kommen?
Diese Anfrage wird auch dadurch nicht sinnvoller, wenn selbst große Theologen wie Karl Barth sie gestellt haben.
Es geht doch nicht darum, daß irgend jemand daran interessiert ist, daß irgend jemand in die Hölle kommt, sondern daß Gott daran interessiert ist, daß niemand in die Hölle kommt. Deshalb ist ja Jesus gekommen, um uns davor zu bewahren! Und deshalb nennt die Bibel ihn ja auch den Retter. Von einem Retter kann nur gesprochen werden, wo eine Gefahr ist, und wo eine Gefahr ist, ist auch Angst. Luther kannte und hatte noch die Angst, in die Hölle zu kommen. So kam es ja überhaupt erst zur Reformation. Heute haben die Pfarrer nur noch eine Angst - ausgelacht zu werden, wenn sie von der Hölle sprechen. In dem mit rund 1,9 Millionen Exemplaren auflagenstärksten christlichen Buch Deutschlands, dem Predigtband "Jesus - unser Schicksal" des Evangelisten Wilhelm Busch, ist ständig von der Hölle die Rede. Als Busch vor einem größeren Kreis von Pfarrern über das Thema "Was fehlt uns Pfarrern?" sprechen sollte, fing er seine Rede so an: "Es fehlt uns Pfarrern die Furcht, daß wir und unsere Gemeinden in die Hölle kommen könnten. Nur auf diesem Hintergrund wird das Evangelium verstanden. Darum fehlt unserer Predigt das Warnende, Dringende, Werbende ..." Ich ergänze: und das Missionarische. Leider stimmt die Diagnose von Wilhelm Busch heute immer noch. Die Therapie: Dem Wort Gottes glauben, zum Beispiel dem Jesuswort aus Matthäus 10,28: "Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle." Zum Schluß nochmal Wilhelm Busch: "Entweder waren unsere Väter Narren, wenn sie in ihren Predigten die Sünder warnten - oder wir sind Narren, die wir alles tun, nur das Wichtigste nicht: ` (idea)
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