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Februar 1997 Bibelbund e.V. Infobrief Nr. 37
Geschäftsstelle & Verlag Friedrichsgrüner Str. 83, D-08269 Hammerbrücke, Tel. 037465/44455, Fax: 037465/44422, eMail: Bibelbund@christen.net
Internet: http://www.bibelbund.christen.net

Inhalt:


Wort zum Nachdenken (Richard Bergmann)
"Der Ehrliche ist der Dumme" oder "Ehrlich währt am längsten" (Markus Schäller)
Kampf gegen Bibelkritik - auch bei Evangelikalen nötig? (Ansgar N. Przesang)
Drogenabwehr auf Abwegen (Richard Bergmann)

Wort zum Nachdenken

Ein kleiner Junge ruft laut seine Frage in die Weiten des Kosmos hinaus: Wo kommen die Löcher im Käse her? Seine Frage, so berichtet Tucholsky, machte Geschichte. Wenigstens im Bereich der Familie. Gewohnt treffsicher schildert er die Folgen der harmlos wirkenden Frage nach dem Ursprung der Löcher im Käse. Zunächst treten die sogenannten kleinen Schwächen in der Familie hervor. Dann, mit dem Eintreffen der lieben Verwandtschaft, werden die Hiebe heftiger und schmerzhafter. Bis zum Servieren des Essens ist der Streit ausgefochten und jede Menge Klarschlag gelungen. Man sprach bei dieser Gelegenheit alles das aus, was man schon länger mit sich herumtrug. Unbeschadet überstand die komische Tragödie nur der kleine Junge. Er hatte noch immer, was er von Anfang an hatte - eine Frage ohne Antwort.

Lächerlich - sich wegen der Löcher im Käse so hoffnungslos zu zerstreiten. Waren diese Leute denn von allen guten Geistern verlassen?

Offensichtlich braucht es nicht viel Zündstoff, um so an einander zu geraten. Wir neigen zu schroffen Reaktionen. Vor allem dann, wenn die Harmonie nur vorgetäuscht ist und im Hintergrund die Vorwürfe angekettet lauern.

Auch vor christlichen Familien und vor Gemeinden macht diese Neigung nicht halt. Es ist durchaus sinnvoll, mit dieser Entwicklung zu rechnen. Natürlich deshalb, um ihr wenigstens nicht widerstandslos zu verfallen.

Jesus verpflichtet seine Leute auf ein Ziel: "Glück-selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen." (Mt 5,9). Nicht Durch- und Auseinandersetzung, nicht der Ablehnung als problematisch empfundener Personen sollen unsere Aktionen dienen. Wir sind zum aktiven Frieden gerufen. Gefordert, Beziehungen in diesem Sinn zu prägen.

Nicht nur im formulierten Bekenntnis muß mein Leben bibeltreu sein. Wer zu Gott gehört (= Sohn Gottes), ist auf ein zu lebendes Bekenntnis verpflichtet. Wer will mangelnde Friedfertigkeit rechtfertigen? Womit?

Richard Bergmann

"DER EHRLICHE IST DER DUMME." oder "EHRLICH WÄHRT AM LÄNGSTEN."?

Ob er als Wüstensohn in der Sahara schwitzt oder mit der Machete durch den Amazonas-Dschungel robbt: der Deutsche ist Weltmeister im Reisen. Und weil er nie weiß, was ihm unterwegs widerfährt, schließt er eine Auslandskrankenversicherung für ca. 17,- DM ab. Und dann sitzt der gesunde, versicherte Reisende an der Theke in Bangkok, wo ihm der Barkeeper, der seine "Experten" aus Deutschland natürlich kennt, für 300,- Deutsche Mark eine Arztrechnung anbietet. Diagnose: Magen-Darm-Infektion, Aufenthaltsdauer: 8 Tage, Ort: Thai-White-Star-Hospital, Gesamtbetrag: 2800,-DM. Die Klinik ist genauso erfunden wie die Diagnose, aber solche Zettel werden trotzdem an die Versicherungen geschickt.

Der Sachbearbeiter einer Versicherung wurde stutzig, als ihm ein Ehepaar verklickern wollte, man habe sich zur gleichen Zeit in zwei verschiedenen Kliniken stationär behandeln lassen. Ein Blick auf die Landkarte von Thailand deckte den Schwindel auf: Die Hospitäler lagen Tausende Kilometer auseinander.

Kuriose Einzelfälle? Durchaus nicht! Jeder vierte Deutsche hat nach einer Statistik von 1994 seine Privathaftpflicht schon einmal betrogen. Das BKA in Wiesbaden schätzt den Anteil der vorgetäuschten Diebstähle auf 30 - 50 %!

Betrug als Gesellschaftsspiel

Das neue Gesellschaftsspiel heißt Betrug. Und man meint, niemandem dabei zu schaden. Irgendwer zahlt immer. Außerdem sagt man ja den Versicherungen ohnehin kriminelle Machenschaften nach. Warum soll man Betrüger nicht betrügen?

Obwohl Betrug in unserem Lande ein strafrechtlicher Tatbestand ist, kommen die meisten Versicherungsgangster nach aufgedecktem Schwindel ungeschoren davon. Welche Versicherungsgesellschaft will schon ihre Kunden vergraulen? Im übrigen zahlt die Agentur sowieso nie drauf, sondern der brave, ehrliche Versicherungsnehmer, der sich nichts zu schulden kommen läßt. Und wenns doch zu teuer wird, dann kann man ja die Beitragssätze erhöhen! ... Also, wer zahlt den Betrug? Die Ehrlichen! Die Spielregel des neuen Gesellschaftsspiels heißt: Der Ehrliche ist der Dumme! (Ulrich Wickert, dessen lesenswertes Buch diesen Titel trägt , illustriert die Regeln des Gesellschaftsspiels mit vielen anderen Beispielen. Aber Vorsicht: Seine Analyse ist aufschlußreich, seine Antwort ist jedoch gründlich zu hinterfragen!)

Verlust der Werte

Was der einfache Mann mit dem Satz "Der Ehrliche ist der Dumme" beschreibt, betiteln die Ethiker als "Werte-Erosion". Gemeint ist, daß unsere Gesellschaft im Prinzip nicht mehr weiß, was gut und böse ist! Es fehlen die Maßstäbe, die Normen verantwortlichen Handelns. Die Vorbilder - oder die, die es sein sollten - die Politiker, sind oft keine Vorbilder mehr. Politiker, die unserer Gesellschaft klare ethische Normen vorleben, haben Seltenheitswert. Wir haben zwar noch ein Gesetz, das grobe moralische Vergehen abstraft (oft ungenügend, wie ich meine!), aber ein Gesetz ist ja auch immer nur der Ausdruck einer Moral, die vorher da sein muß. Wenn die Moral verloren geht, dann wird über kurz oder lang auch das Gesetz verändert (Beispiel: § 218).

Auch der Verweis auf das Gewissen hilft hier nicht weiter: Das Gewissen ist mit Sicherheit keine normgebende Instanz; es orientiert sich vielmehr an Normen. Was ist aber, wenn eben diese Normen fehlen?

Geht einem Staat das Geld aus, dann gibt es immer noch die Möglichkeit, Kredite aufzunehmen. Aber wenn die ethischen Werte ausgehen, wenn man nicht mehr weiß, was gut und böse ist, dann wird's schwierig!

Ein Blick in die Geschichte

Das Wort "Geschichte" sorgt bei vielen Zeitgenossen erfahrungsgemäß für gelangweiltes Gähnen. Aber es ist unmöglich, die Gegenwart zu verstehen, wenn man die Vergangenheit nicht kennt!

Der Werteverfall, von dem man heute sprechen muß, kam nicht mit einem Schlag, sondern vollzog sich nach und nach in vielen Schritten. Die vier wesentlichsten Schritte sollen hier kurz beleuchtet werden:

Aufklärung - Verstand statt Glaube

Der erste große Meilenstein auf dem Weg zum Werteverfall war die Aufklärung (ca. 1650-1750). Mit der Parole "Cogito ergo sum." ("Ich denke, darum bin ich.") erhoben große Denker wie Descartes, Lessing und Kant die Vernunft an die Stelle, die vorher Gott und sein Wort einnahmen. Auch auf die Frage, wonach man dann sein Verhalten richten sollte, wenn nicht nach dem Wort Gottes, fand man schnell eine Antwort: Mit Hilfe der Vernunft sollte man zum richtigen Handeln kommen. "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann", so lautete der bekannte "kategorische Imperativ" von Immanuel Kant. Zu deutsch: "Überleg dir, ob das, was du tun oder lassen willst, zum Gesetz werden könnte. Wenn ja, dann handelst du richtig."

Logisch ist das schon! Aber wer handelt schon immer logisch?! Vernünftig ist das auch, aber wer handelt schon immer vernünftig? Hand aufs Herz: Wer murmelt den Satz vor sich her, wenn er vor der Frage steht, ob er die Versicherung betrügen oder doch lieber ehrlich bleiben sollte? Wo es um "Cash" geht, wird der Mensch unvernünftig. Die Vernunftethik der Aufklärung scheitert offensichtlich in der Praxis! Wozu taugt eine Ethik, die im Alltag ihren Dienst versagt?!

Werteverfall im Dritten Reich

Bis zum Anfang unseres Jahrhunderts war Europa - trotz Aufklärung - noch ziemlich "christlich". Und "christlich" heißt in dem Zusammenhang: Man hatte noch eine relativ klare Vorstellung davon, was gut und böse ist. Daß z.B. Geschlechtsverkehr in die Ehe gehört, war keine Frage.

Der erste starke Einbruch der Werte im 20.Jh. kam mit dem Dritten Reich. Die obersten ethischen Werte waren jetzt nicht mehr Erbarmen, Mitmenschlichkeit und Güte, sondern die Reinerhaltung der arischen Rasse. "Gut" war jetzt, was den Zielen der Nazis diente und "böse", was sich gegen die arische Rasse und deren Ausbreitung richtete. Und durch die von Hitler, Goebbels & Co. angestrebte "Gleichschaltung" wurde fast das ganze deutsche Volk von diesen "neuen ethischen Werten" infiziert. Der Werteverfall bekam einen starken Schub.

Das Jahr 1968

Im Ostblock wurde das kleine demokratische Pflänzlein "Prager Frühling" von sowjetischen Panzern brutal niedergewalzt.

Aber auch im Westen ging es 1968 heiß her: Die Studentenrevolte begann. Ihr Auslöser war die überaus negative Reaktion einiger Professoren auf die Frage nach ihrer Rolle im Dritten Reich. Manche Dozenten drohten ihren Studenten sogar mit KZ! Das Faß lief über. Alles, was irgendwie Autorität war oder sein wollte, wurde hinterfragt. Anarchie, antiautoritäre Erziehung usw. griffen um sich. Pfarrer, Kirche und Bibel wurden abgelehnt. Ein bekanntes 68er Plakat trug die Aufschrift: "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren." ... Das Jahr 1968 war eine "Aufklärung im Kleinformat". Wieder ging das deutsche Volk einen Schritt in Richtung Gottlosigkeit und damit zum Werteverfall.

Die Wende in Osteuropa

Den Menschen in der DDR wurde durch die SED-Diktatur recht deutlich vorgeschrieben, was für sie als "gut" und "böse" zu gelten hatte. "Gut" war der Sozialismus auf dem Weg zum Kommunismus, "gut" war der "große Bruder Sowjetunion". "Böse" war der westliche Kapitalismus, Imperialismus, die BRD, die USA, eben der "Klassenfeind". Diese Einteilung der Welt in "gutes System" und "böses System" war reine Schwarz-Weiß-Malerei. Aber man hatte ein klares Feindbild. Man hatte klare, wenn auch falsche Vorstellungen von gut und böse.

Die westliche Gemeinschaft schützte sich in dieser Zeit u.a. durch die COCOM-Liste gegen den Osten. Diese Liste enthielt zahlreiche Artikel (z.B. Computer), die nicht in den Ostblock ausgeführt werden durften. Mit der Wende verlor die Liste ihre Bedeutung. Wenn ein Unternehmer aus Köln heute nach Kiew und Moskau Computer vertreibt, dann macht er Gewinne und sichert Arbeitsplätze, und das ist gut! Heute ist also für den westlichen Unternehmer gut, was wenige Jahre zuvor böse war!

Es gibt plötzlich kein Feindbild mehr. Das Wertechaos ist perfekt!

Am deutlichsten kann man diesen Werteverlust an Teenagern und Jugendlichen ablesen. Die Gesellschaft kann ihnen keine Werte geben, weil sie selber keine hat. Tante Auguste mit ihren mittelalterlichen Vorstellungen kommt für den Teenager auch nicht als Quelle ethischer Werte in Frage. Folglich macht er sich selber auf die Suche nach Werten und er findet auch welche: leider nicht selten die verkehrten - beispielsweise die des Dritten Reiches ... Und schon hat man einen Neonazi!

Der Schrei nach ethischen Werten

Reinhard Mey beschreibt in seinem Lied "Sei wachsam" das Wertechaos unserer Gesellschaft mit starken Worten:

"Ich hab' Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen,
Die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen.
Und verschon mich mit den falschen Ehrlichen,
Die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen!
Ich hab' Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit,
Nach 'nem bißchen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit ..."

Hier formuliert ein zeitgenössischer Denker, was die meisten Leute nur in Auswirkungen wahrnehmen: Unsere Gesellschaft schreit nach ethischen Werten! Sie schreit nach Menschen, die es wert sind, sie zum Vorbild zu nehmen!

Wo ist die Antwort der Christen auf diesen Schrei? Liegt der Kern des Werteverfalls seit der Aufklärung in einer Von-Gott-weg-Bewegung, dann kann die Therapie nur eine Zu-Gott-hin-Bewegung sein. Nichts hat unsere Gesellschaft nötiger als die Rückbesinnung auf das Ethos des göttlichen Willens: Die einzigartigen Gebote Gottes (vgl. 5Mo 4,1-9!), die Klaus Bockmühl nicht zu unrecht als "ethische Grammatik der Schöpfung, die Grammatik der sozialen Welt" bezeichnet. Das Gesetz Gottes bewahrt die von Sünde und Rebellion gezeichnete Menschheit vor dem Chaos wie das grammatische Regelwerk eine Sprache vor dem Kauderwelsch schützt. Anders formuliert: "Die Gebote Gottes sind Gottes Kampf um die Schöpfung in der sündigen Zerfallenheit der Welt, Licht gegen Finsternis, Sein gegen Nihilismus." Martin Luther drückt die Schlußfolgerung aus diesem Sachverhalt etwas rustikaler aus: "Denn wiewohl man niemand zwingen kann noch soll zum Glauben, so soll man doch den Haufen dahin halten und treiben, daß sie wissen was Recht und Unrecht ist..."

Hier ist das Engagement derer gefragt, die Gott kennen! Aber leider gibt es unter Christen nicht wenige Beispiele, die verdeutlichen, daß das Motto "Der Ehrliche ist der Dumme" auch ein Teil ihrer Lebensphilosophie ist! Es ist immer leichter, im Strom der Masse zu schwimmen. Aber wäre es nicht angebracht, sich wieder neu auf das Motto "Ehrlich währt am längsten" zu besinnen?

Wer soll der Gesellschaft lohnende ethische Werte vorleben, wenn nicht wir?! Wir sind es doch, die (hoffentlich!) Mi 6,8 kennen: "Man hat dir mitgeteilt, o Mensch, was gut ist." Ob wir Christen vielleicht manchmal gar nicht ahnen, was das für ein Vorrecht ist, den schriftlich formulierten Willen des Schöpfers in den Händen zu halten?

Markus Schäller

Kampf gegen Bibelkritik

"Ihr vom Bibelbund kämpft gegen die Bibelkritik. Das ist ja schön und gut. Aber ist das in unseren evangelikalen Gemeinden sinnvoll? Sicherlich: an den theologischen Fakultäten - da ist das angebracht. Aber bei uns in den Gemeinden…?"

Bibelkritik ist nicht nur: "Das Buch 1.Mose ist eine Komposition mehrerer Einzelschriften (Quellen)" oder: "Dieser Brief ist gar nicht von Paulus geschrieben!". Derartige Fachdiskussionen sind im sonntäglichen Gottesdienst sicherlich nicht zweckdienlich.

Aber hat das Kritisieren der Bibel hierin seine Grenzen? Gibt es nicht, wie es jemand vor einiger Zeit nannte, auch "heimliche Formen der Bibelkritik", also ein Herangehen an die Heilige Schrift, das nicht ausdrücklich als bibelkritisch ausgezeichnet wird, das aber mindestens ebenso gefährlich, weil zerstörerisch, ist?

Der Hebräerbriefschreiber (3,7 - 4,13) predigt über Ps 95, 7ff und beschreibt den aus Unglauben resultierenden Ungehorsam des aus Ägypten ausgezogenen Volkes. Anschließend resümiert er: "Lassen wir uns den Ungehorsam jener früheren Generation als warnendes Beispiel dienen, damit wir nicht wie sie zu Fall kommen! Denn eines müssen wir wissen: Gottes Wort ist lebendig und voller Kraft. Das schärfste beidseitig geschliffene Schwert ist nicht so scharf wie dieses Wort, das Seele und Geist und Mark und Bein durchdringt und sich als Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken erweist." (4,11+12 Neue Genfer Übersetzung)

Würden wir ohne Kenntnis dieser Stelle das auch so formulieren? Ist in unserer persönlichen und gemeindlichen Schriftlese das Wort derart scharf - oder halten wir es eher stumpf durch unsere angewöhnten oder unbesehen übernommenen Vorstellungen? Dann liegen hier eben "Formen der heimlichen Bibelkritik" vor.

Einige wenige Beispiele sollen dies verdeutlichen:

Mehr Beispiele wären möglich, aber es geht hier um das Nach?Denken: Ist das Wort Gottes in meinem persönlichen Leben schon heute schärfer als jede Edelstahlklinge und medizinisches Skalpell? Und das eben nicht nur, wenn es darum geht, andere zu beurteilen, sondern gerade dann, wenn ich in den vor mir stehenden Spiegel schaue?
Ich meine, es lohnt sich.

Ansgar N. Przesang

Drogenabwehr auf Abwegen

Niemanden kann die innere und äußere Not junger Leute gleichgültig lassen. Unzufriedenheit und Frust lassen Warnungen und Hemmschwellen ignorieren. Die Folge: eine Abstiegsspirale. Mal steiler, mal weniger steil. Fotos von menschlichen Wracks rütteln auf, aber meist nur für kurze Zeit.

Jeder Ansatz zur Hilfe, jede Lösung, wie man das Drogenproblem in den Griff bekommen kann, scheint unter diesen Umständen willkommen. Immer mal wieder wird der Expertenrat diskutiert, bestimmte Arten von Drogen frei zugänglich zu machen. Als in der Regel nicht betroffener Laie mag man zwar darüber verwundert den Kopf schütteln, ansonsten jedoch dem Urteilsvermögen der Experten vertrauen.

Die Frage ist, ob man damit gut beraten ist. Oder aber auch, ob nicht mitunter nur eine bestimmte Gattung Experten zu Wort kommt. Es soll an dieser Stelle nicht die Arbeitsweise der Medien diskutiert werden, obwohl es dazu genügend anzumerken gäbe. Es soll auch nicht die Rolle des zumeist humanistischen Menschenbildes der Experten erörtert werden, obwohl gerade dabei weitreichende Zusammenhänge ersichtlich würden. Vielmehr sollen einige Fakten angeführt werden, die zumeist nicht beachtet werden, wenn man die großen Programme entwirft ("Die Frage des Drogenkonsums sollte jeder für sich entscheiden und nicht die Gesellschaft." Professor Christian Pfeiffer, Hannover).

Sieben irrige Meinungen bereiten der Idee der Drogenfreigabe den Boden:

  1. Cannabis ist nicht gefährlicher als Alkohol und Nikotin. Abgesehen davon, daß der Langzeitkonsum von Cannabis sehr schädliche Folgen haben kann, erfolgt eine absurde Argumentation. Die nämlich, daß es keine unterschiedliche Behandlung von schädlichen Stoffen geben kann. Offensichtlich wird vom gleichen Recht der Menschen auf ein gleiches Recht für Suchtmittel geschlossen und gegen Ungleichbehandlung von Suchtmittel polemisiert. Reichen nicht schon die Probleme der "etablierten" Suchtmittel aus? Mit millionenfachem persönlichen Konflikten Abhängiger und Betroffener in den Familien?
  2. "Weiche" Drogen machen nicht abhängig. Nach Untersuchungen werden 5 Prozent der Haschischraucher psychisch abhängig. Ganz zu schweigen vom erhöhten Risiko, an psychischen Leiden zu erkranken, die ihrerseits einen unheilvollen Beitrag zur Sucht leisten. Wie hoch muß eigentlich ein Risiko beziffert werden, um als Gefahr zu gelten?
  3. Haschisch führt nicht zu harten Drogen. Richtig ist, daß nicht jeder Haschischraucher auf harte Drogen umsteigt. Jedoch haben nahezu alle mit weichen Drogen begonnen, die später Heroin nahmen. Je jünger mit Drogenkonsum begonnen wurde, desto größer ist das Risiko, in die Abhängigkeit harter Drogen zu gelangen. Gerade dem Druck der Clique gilt es wirksam zu begegnen. Und man begegnet ihr keineswegs damit, wenn man Haschisch zum normalen Konsumartikel werden läßt.
    Schon dieser Umstand müßte die Befürworter der Freigabe ernüchtern. Bei anderer Gelegenheit werden Gefahren über Gebühr aufgebauscht, warum werden sie hier heruntergespielt?
  4. Legalisierung verringert Kriminalität und Gewinne der Dealer. Der Stoff ist so billig und so leicht beschaffbar, daß Taschengeld zum Kauf ausreichend ist.
    Hingegen würde der ohnehin steigende Konsum weiter angekurbelt, so daß die Gewinne aus dem Haschischhandel ebenfalls steigen würden. Im übrigen würde man auch nicht erwarten, daß vom noch leichteren Zugang Jugendlicher zum Alkohol die Zahl der Alkoholabhängigen geringer würde.
    Vor der inneren Destabilität der Jugendlichen und den davon ausgehenden Gefahren verschließt man offenbar völlig die Augen.
  5. Jugendliche möchten Erfahrungen mit Drogen sammeln. Kann solch ein Wunsch zum Maßstab erhoben werden? Von verantwortlich Denkenden kann doch wohl nur vor solch gefahrvollen Experimenten gewarnt werden. Vor allem dann, wenn einerseits genügend tragische Beispiele die Risiken sichtbar machen und andererseits unter den Jugendlichen das Bewußtsein der Gefahr für die Gesundheit nicht mehr realistisch beurteilt wird.
    Eine Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 1994 belegt im Gegensatz zu obiger Behauptung ganz andere Neigungen der Jugendlichen: über 80 Prozent (zwischen 12 und 25 Jahren) hatten noch keinen Umgang mit illegalen Drogen. Doch wohl nicht, weil sie nicht konnten (Haschisch ist nicht schwer erhältlich), sondern weil sie nicht wollten.
  6. Man kann Drogen erfolgreich entkriminalisieren. Spürbare Erfolge hätten sich durch die Liberalisierung des Umgangs mit weichen Drogen in Holland eingestellt. Man habe darin ein funktionierendes Beispiel für einen ganz anderen Ansatz. In mehr als 2000 Coffee-Shops sind Cannabisprodukte erhältlich. Dadurch sei die Sucht eingedämmt worden und eine Trennung von harten und weichen Drogen erfolgt. Dem steht entgegen, daß rund 40 Prozent aller in Holland Inhaftierten wegen Drogen arretiert sind.
    Wäre das Projekt so ein durchgreifender Erfolg, bliebe es völlig unverständlich, daß seit 1995 einschränkende Bestimmungen erlassen wurden (z.B. wurde die Abgabemenge begrenzt).
    In der Schweiz konnte sich infolge Duldung durch die zuständigen Behörden eine liberale Drogenszene entwickeln. Weit über die schweizer Grenzen hinaus lockte diese "Oase" Abhängige und Drogenhändler an. Damit ist es inzwischen zu Ende. Auch hier überzeugte der Test nicht.
  7. Haschischraucher schaden nur sich selbst. Die Vorstellung von der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung rangiert an oberster Stelle. Sie tritt gleichsam an die Stelle von Gut und Böse.

Was ist jedoch mit der Umgebung, mit den Menschen im Umfeld? Von Autofahrern unter Drogeneinfluß geht durchaus Gefahr auch für andere aus. So selten tritt dies, wie Untersuchungen inzwischen belegen, als Unfallursache oder Gefahrenpotential gar nicht auf. Jedenfalls häufiger als allgemein angenommen.

Zum anderen schädigen schwangere Mütter durch die Giftstoffe im Blutkreislauf auch das ungeborene Kind. In der Folge treten gehäuft Frühgeburten auf oder die Kinder weisen ein Untergewicht bei der Geburt auf.

Doch auch die Männer tragen Schäden davon, die unter anderem zu ungenügender Spermienreife führen. Man kann also schon davon sprechen, daß der Gebrauch selbst von weichen Drogen über das individuelle Risiko hinaus auch andere betrifft.

Gerade seitens der Eltern von Drogengeschädigten wird ein Vorwurf erhoben: verstößt ein Staat nicht gegen seine Verpflichtung, Gesundheit und Wohlergehen seiner Bürger zu schützen, wenn er weiche Drogen freigibt? Dieser moralische Vorwurf wiegt schwer. Dadurch, daß er notwendige Grenzziehungen unterläßt, verwischt der Staat den Unterschied zwischen richtig und falsch. Er trägt zur Verharmlosung bei und treibt unter Umständen Jugendliche den Drogenbossen in die Arme.

Was veranlaßt Experten, dieses Risiko in Kauf zu nehmen, was bewegt staatliche Einrichtungen, sich mit diesem Gedanken anzufreunden? Die Antwort darauf schließt einerseits den Hinweis auf die Vernachlässigung der von Gott verordneten Aufgaben des Staates ein. Andererseits dürften die Irrtümer auf ein unzutreffende Menschenbild, verordnet von philosophisch-ideologischen Voreingenommenheiten, zurückzuführen sein. Diese Einsicht ändert noch nichts an den Gegebenheiten, entzaubert aber den Expertenrat und fördert Vertrauen in die Regelungen Gottes, die wirklich dem Wohl und Nutzen des Menschen dienen. Bedenkenswert gerade dann, wenn wir die Lust auf verbessernde Korrekturen verspüren.

Richard Bergmann

ANSCHRIFTEN DER AUTOREN:

Ansgar N. Przesang, Charlottenstr. 27, 12247 Berlin, email: Aprzesang@t-online.de
Markus Schäller, Hofer Str. 271, 09353 Oberlungwitz

REDAKTION:

Richard Bergmann, Bergstraße 2, 09392 Auerbach/ Erz. (Schriftleiter), email: RiBergmann@aol.com
Manfred Schäller, Lugauer Str. 53, 09376 Oelsnitz
Dr. Thomas Schirrmacher, Friedrichstr. 38, 53111 Bonn
Karl-Heinz Vanheiden, Friedrichsgrüner Str. 83, 08269 Hammerbrücke, Tel. 037465-44455 (Sekretär)
E-Mail: KHV-Bibelbund@t-online.de

Die Schriftleitung erklärt: Für die in den einzelnen Artikeln ausgesprochenen Auffassungen und Gedanken ist der jeweilige Verfasser selbst verantwortlich. Seine Ansichten decken sich nicht notwendigerweise mit denen des Herausgebers und der Schriftleitung, jedoch mit der prinzipiellen Schrifthaltung des Bibelbundes.

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