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35In anderen Ländern haben die Leute zu Hause mehr Computer, jedenfalls im Durchschnitt. Natürlich liegt Amerika wieder um Nasenlängen vor uns. Doch unser von Statistiken strapaziertes Selbstbewusstsein atmet durch den Hinweis auf Länder mit noch geringerer Verbreitung auf.
Ohne Computer kommt bestenfalls noch ein mittlerer Haushalt aus, beziehungsweise eine mittlere Gemeinde. Will sie wirksam mit ihrem Anliegen und ihrem Angebot an die Öffentlichkeit treten, bleibt ihr nur der Schritt zum "Pentium" samt Farbdrucker und leistungsfähiger Software.
Ist das etwa schlimm? In der Geschichte der Christenheit tritt die Ablehnung von neuen Errungenschaften als normale Erscheinung auf. Mag es in der Vergangenheit das Votum gegen Knopf und Knopfloch zugunsten von Haken und Öse gewesen sein, oder gegen Eisenbahn und Fahrrad. Mehr oder minder schroff fiel die Ablehnung aus. Das muss nicht immer so sein. Christen haben keinen Pakt mit der Vergangenheit geschlossen, der sie zu Kritik am Fortschritt zwingt.
Allerdings steckte wohl hin und wieder ein gesunder Realismus hinter der Entscheidung, nicht mit auf den Wogen des Fortschrittsenthusiasmus zu schwimmen. Man wollte nicht so recht glauben, dass von den jeweiligen Favoriten eine heilende Wirkung ausgehe. Sicher verbessert sich etwas. Doch in aller Regel erwachsen daraus bisher nicht gekannte Probleme. Da stöhnt einer: "Mit dem Computer lösen wir Probleme, die wir ohne ihn nicht hätten!" Wohl noch nachdenklicher stimmt das mancherorts anzutreffende fast grenzenlos wirkende Vertrauen in die faszinierenden Möglichkeiten eines schnellen PCs. Man könnte es auch Vertrauen nennen.
Wie gerne wir doch vertrauen, wenn es nicht Gott ist.
Selbstverständlich bejahen auch Jehovas Zeugen, was in Apostelgeschichte 4,12 geschrieben steht: "Überdies gibt es in keinem anderen Rettung, denn es gibt keinen anderen Namen unter dem Himmel, durch den wir gerettet werden sollen." (NW-Übersetzung)
Doch sollte sich jeder Zeuge ehrlich fragen: Zeigt sich diese Zustimmung auch in meinem alltäglichen Leben oder hat nicht vielmehr die Organisation längst Jesu Platz eingenommen? Habe ich überhaupt ein persönliches Verhältnis zu Jesus oder habe ich nicht auch dies auf die Organisation übertragen, wie es eine Zeugin ausdrückte: "Wir nennen die Organisation "Mama". Wir fühlen uns eng mit ihr verbunden. Es ist etwas Wunderbares, etwas unvergleichlich Schönes" (Wachtturm vom 01.04.94, S.32)
Ein weiteres schlimmes Beispiel, wie Jesus entehrt wird, ist in dem Wachtturmbuch " Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt" nachzulesen. Dieses Buch wird von der Wachtturmgesellschaft selbst als eines der meistverkauften Bücher der Welt bezeichnet und war jahrelang eines der Hauptlehrbücher der Wachtturmorganisation. Unter anderem wird von den Befugnissen der sogenannten 144000 Mitkönige Jesu berichtet. Auf S. 106 heißt es: "Die Menschen, die die Vernichtung des Bösen überlebt haben, werden zufolge der von Adam ererbten Sünde immer noch unvollkommen sein. Die unrechten Wünsche ihres unvollkommenen Fleisches werden immer noch gegen die rechten Wünsche des Sinnes und Herzens streiten (Röm. 7:21-23). Sie bedürfen daher zuerst der Dienste der himmlischen Priester Gottes, um als vollwertige Glieder, als Söhne, in Gottes Familie aufgenommen zu werden. Was werden diese Priester Gottes tun? Sie werden eine Macht besitzen, die bis jetzt keine menschliche Regierung besessen hat; die Macht, die Menschen von Sünde und Unvollkommenheit zu befreien. Diese Macht besitzt Gottes himmlische Priesterschaft zufolge des Loskaufsopfers Jesu (Hervorhebungen von mir).
Hier werden die "144000" zu Miterlösern! Es ist bemerkenswert, dass Jehovas Zeugen, die die Heiligenverehrung der katholischen Kirche unverhohlen als Götzendienst bezeichnen, hier sogar 144000 weitere Mittler zu Gott eingeführt haben, die von Sünde und Schuld befreien können.
Jehovas Zeugen sollten sich warnen lassen, einer Organisation zu folgen, die sich als Kanal Gottes bezeichnet und die doch das alleinige Mittel zur Sündenvergebung durch das Blut Jesu Christi durch solche Lehren leugnet.
Dies ist ein anderes Evangelium, über das Paulus in seinem Brief an die Galater schreibt: "Wenn jemand euch etwas als Evangelium verkündigt entgegen dem, was ihr empfangen habt: er sei verflucht." (Gal. 1.9)
Die Wachtturmgesellschaft verlangt von den Zeugen einen sehr weitgehenden Gehorsam und warnt vor sogenanntem unabhängigem Denken: "Satan zog schon zu Beginn seiner Auflehnung Gottes Handlungsweise in Frage. Er trat für unabhängiges Denken ein. 'Du kannst selbst entscheiden, was gut und böse ist', sagte er zu Eva. 'Du musst nicht auf Gott hören. Er sagt dir in Wirklichkeit gar nicht die Wahrheit' (1.Mose 3:1-5). Bis auf den heutigen Tag besteht einer der heimtückischen Anschläge Satans darin, Gottes Volk mit dieser Art des Denkens zu infizieren (2. Tim. 3:1, 13). Wie macht sich dieses unabhängige Denken bemerkbar? Im allgemeinen dadurch, dass der Rat, den Gottes sichtbare Organisation gibt, in Frage gestellt wird." (Wachtturm vom 15.04.83, S.22). Als Folge dieses unabhängigen Denkens wird dann Unsittlichkeit genannt.
Auffällig ist, dass auch hier die Auflehnung gegen Gottes Gebot an Adam und Eva, nicht von der verbotenen Frucht zu essen, mit der Auflehnung gegen die Organisation gleichgesetzt wird. Auch hier wird behauptet: Wer der Organisation nicht gehorcht, gehorcht Gott nicht.
Es ist bemerkenswert, wie die Wachtturmgesellschaft, die schon viele gerichtliche Prozesse zur Durchsetzung der Religionsfreiheit durchgefochten hat und die in ihren Zeitschriften regelmäßig auf den Machtmißbrauch und die Intoleranz der Großkirchen hinweisen, innerhalb der eigenen Organisation kein selbständiges Denken zulassen will. So heißt es im Wachtturm vom 01.09.89 auf S. 3 über das geistliche Klima unter dem Papsttum im 11. Jahrhundert: "Niemand war frei, Gott so zu dienen, wie er wollte, oder eine Meinung zu äußern, die derjenigen der Geistlichkeit widersprach. Diese klerikale Intoleranz schuf in ganz Europa ein Klima der Furcht. Die Kirche rief die Inquisition ins Leben, um einzelne, die unerschütterlich an ihrer abweichenden Anschauung festhielten, auszurotten. Sie wurden als Ketzer betrachtet und vor die Inquisitoren geschleppt, die von ihnen mit der Folter ein Schuldbekenntnis erzwingen wollten."
Selbstverständlich stellen Jehovas Zeugen niemanden vor eine Inquisition, die sie dann zum Tode verurteilt; aber haben nicht die Rechtskommitees, vor denen sich Personen verantworten müssen, die gegen bestimmte Lehren verstoßen haben, eine Macht, die durchaus ähnlich ist? Wer sich von Jehovas Zeugen abwendet, ist damit ihrer Lehre gemäß auch vom ewigen Leben " abgeschnitten ". Und darf ein Zeuge Jehovas Gott so dienen, wie er will ? Ist er frei, eine Meinung zu äußern, die derjenigen der Gesellschaft widerspricht ? Was geschieht mit Einzelnen, die unerschütterlich an ihrer abweichenden Ansicht festhalten?
Verhandlungen vor den Rechtskommitees sind außerdem grundsätzlich nichtöffentlich, so dass die Versammlung Ausschlußgründe nicht nachprüfen kann. So sind den wildesten Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Mit dem Ausgeschlossenen darf nicht mehr geredet werden, so dass auch dieser seine Gründe nicht darlegen kann. Wie oft wurden Ausgeschlossene schon der unmoralischsten Handlungen verdächtigt, während sie in Wirklichkeit die Lehren der Organisation bezweifelten.
Gibt es eine Stelle in der Bibel, in der Gott eine Bevollmächtigung für die Zeugen Jehovas ausspricht? Die Leitung der Zeugen Jehovas sagt: "Ja, Matthäus 24,45ff". Dort heißt es: "Wer ist demnach der treue und kluge Knecht, den sein Herr über seine Dienerschaft gesetzt hat, damit er ihnen die Speise zu rechter Zeit gebe? Selig ist ein solcher Knecht, den sein Herr bei seiner Rückkehr in solcher Tätigkeit antrifft. Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine sämtlichen Güter setzen. Wenn aber ein solcher Knecht schlecht ist und in seinem Herzen denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht! und wenn er sein seine Mitknechte zu schlagen beginnt, und mit den Trunkenen ißt und trinkt, so wird der Herr eines solches Knechts an einem Tage kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt...."
Nach der Auslegung der Zeugen Jehovas ist hier eine sogenannte " Klasse des klugen und getreuen Knechtes " (heute: "treuer und verständiger Sklave") gemeint. Man schreibt hierzu: "Bibelkommentatoren betrachten das Gleichnis häufig als eine allgemeine Ermahnung an jeden, der eine verantwortungsvolle Stellung in der Christenversammlung bekleidet ... Doch es ist natürlich klar, dass nicht jede dieser Personen zur gleichen Zeit, nämlich bei der Ankunft des Herrn, über die "ganze" Habe gesetzt werden kann. Dies erfordert jedoch nicht, dass der "Sklave" nur eine bestimmte Person mit großen Vorrechten darstellt." (Hilfe zum Verständnis der Bibel, S. 1436)
Es ist interessant, einen Blick in die Geschichte zu werfen und herauszufinden, wie dieses Gleichnis früher ausgelegt worden war. Im Jahrbuch der Zeugen Jehovas von 1975 heißt es hierzu auf S. 86: "Man war damals sehr daran interessiert zu wissen, wer der kluge und verständige Sklave ... sei." Lange zuvor, im Jahre 1881, hatte C.T. Russell geschrieben: "Wir glauben, dass jedes Glied dieses Leibes Christi entweder direkt oder indirekt an dem gesegneten Werk teilhat, dem Haushalt des Glaubens Speise zur rechten Zeit auszuteilen. Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat, um ihnen Speise zu geben zur rechten Zeit? Ist es nicht diese kleine Herde geweihter Diener, die ihre Weihegelübde treu erfüllen - der Leib Christi - , und ist es nicht der ganze Leib, als einzelne und als Gesamtheit, der dem Haushalt des Glaubens - der großen Menge der Gläubigen - Speise zur rechten Zeit austeilt? Demnach verstand man, dass der Knecht, den Gott gebrauchte, um geistige Speise auszuteilen, eine Gruppe war. Im Laufe der Zeit jedoch vertraten viele die Ansicht, dass C.T. Russell selbst der treue und kluge Knecht sei. Dadurch gerieten einige in die Schlinge der Menschenverehrung ... Mit der verkehrten Ansicht, dass Russell selbst der kluge und treue Knecht sei, wurde im Februar 1927 aufgeräumt."
Wer waren denn diese, die sich in der 'Schlinge der Menschenverehrung' fangen ließen? In der heutigen Literatur von Jehovas Zeugen wird der Eindruck erweckt, es seien einige übereifrige Menschen gewesen, die C. Russell als den "treuen und klugen Knecht" bezeichnet hätten, doch die Tatsachen sehen anders aus.
In seiner engl. Ausgabe vom 01.01.1917 heißt es, der Wachtturm 'erkläre ohne Zögern, dass Bruder Russell der kluge und treue Knecht sei'. Und wer war zum damaligen Zeitpunkt alleiniger Herausgeber des Wachtturms? Es war Charles Russell. (Beweist dies im übrigen die Demut, die ein Diener Gottes haben sollte, oder zeigt sich hier nicht vielmehr eine Selbsterhöhung?)
Auch in seiner Ausgabe vom 01.03.1896 erklärt der engl. Wachtturm , man habe in der Zeitschrift vom 01.04.1895 den treuen Sklaven auf alle Sklaven Gottes bezogen, aber weitere Untersuchungen deuteten auf eine einzelne Person hin. Diese Einzelperson sei eindeutig und unmißverständlich C.T. Russell, der erste Präsident der Gesellschaft ( Watchtower vom 01.03. 1917). War dies nicht auch "helleres Licht"?
Auch mit dem Tod von Russell endete diese Lehre nicht. In dem Buch ' Das vollendete Geheimnis ', das auch als 7. Band der ' Schriftstudien' bezeichnet wird, heißt es im Kommentar zu Hes. 3,1: "Und er sprach zu mir: Menschensohn, iß, was du findest; iß diese Wort und gehe hin, rede zu dem Haus Israel. - Der Prophet sollte etwas finden. Wie Hesekiel das Buch aß, das in der Hand Gottes war, so "der treue und kluge Knecht" dieser Zeit: er nahm den göttlichen Plan der Zeitalter, der in der Macht (Hand) des Allmächtigen war, in sich auf und machte ihn sich zu eigen."
Doch wie ist es nun mit der " Menschenverehrung, in deren Schlinge sich einige fangen ließen"? Lassen wir dazu Joseph Rutherford, den zweiten Präsidenten der Wachtturmgesellschaft und Nachfolger Russells zu Wort kommen, der nach dem Tode Russells das Buch " Das vollendete Geheimnis " veröffentlichte. In einer Wort-für-Wort-Auslegung des Buches Hesekiel heißt u.a.: "Ich habe niemals jemand gekannt, der so willig war, den Willen Gottes zu tun, sagte der Privatsekretär und Reisegefährte von Pastor Russell ... Nicht aus sich selbst heraus lernte und lehrte er den göttlichen Plan, sondern Gott ließ ihn lernen, glauben und lehren ... Den Hesekiel und den größten Prediger der Neuzeit überkam eine Redegewandtheit ohnegleichen, wenn Jehova selbst ihnen seinen Geist gab ... Der Geist von Pastor Russell war mit der Wahrheit erfüllt. Kristallklar, mit zwingender unwiderstehlicher Logik, war die gegenwärtige Wahrheit, die seine Weisheit und sein Verständnis bildete, das Härteste, mit dem das Kirchentum jemals zu tun bekam". Alle diese Aussagen über Hesekiel wurden auf Russell angewandt und gipfelten in dem Ausspruch: "Er sagte, dass er seine Bücher niemals selbst geschrieben haben könnte. Alles kam von Gott durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes." (Das vollendete Geheimnis, Auslegung zu Hes. 3,17).
Resümieren wir: Im Jahre 1881 hatte C.T. Russell geschrieben, der kluge und treue Knecht sei der ' ganze Leib Christi '. Zu Anfang des Jahrhunderts schrieb der Wachtturm , dessen Herausgeber Russell selbst war, Russell sei der kluge und treue Knecht . Interessanterweise wurden Personen, die die Lehre vertraten, der kluge und treue Knecht sei die ganze Gemeinde gesalbter Christen, im englischen Watchtower als bittere und sarkastische Gegner eingestuft. Auch nach Russells Tod wurde diese Lehre im Buch Das vollendet Geheimnis aufrechterhalten, und im Jahre 1927 ' räumte man mit dieser verkehrten Ansicht' dann wieder auf.
Ein Zeuge mag jetzt einwenden, die damaligen Lehren seien für ihn nicht mehr interessant, das Verständnis vieler Dinge habe sich verbessert, und heute habe man helleres Licht. In den heutigen Büchern und Zeitschriften werden frühere Lehren meist mit Bemerkungen wie " Damals wurde allerdings nicht genau verstanden.. ." oder "Eine Zeitlang glaubten Jehovas Diener..." abgetan.
Doch überlegen wir einmal, was eigentlich dahintersteckt! War denn nicht die Lehre, die in dem Buch Das vollendet Geheimnis veröffentlicht wurde, die "geistige Speise", die ausgeteilt wurde, nachdem Jesus Christus angeblich unsichtbar wiedergekommen war, die christlichen Kirchen begutachtet und dann die Wachtturmgesellschaft auserwählt hatte? War nicht zu diesem Zeitpunkt die Wachtturmgesellschaft schon Gottes Kanal?
Kann dieses Licht also von Jehova stammen, bei dem "keine Veränderung noch eines Wechsels Schatten." ist (Jak.1,17)? Nein, und so erweist sich auch hier das angeblich hellere Licht von Jehova als Wechsellicht.
Heute heißt es also, der kluge und treue Knecht (treuer und verständiger Sklave, wie man sich jetzt ausdrückt) sei der Überrest gesalbter Christen, die sich heute noch auf der Erde befinden. Diese befänden sich nur in den Reihen der Zeugen Jehovas. Ihre Zahl beläuft sich auf etwa 8500 Personen. Weiter spricht man davon, dass diese gesalbten Christen sich der " Gesellschaft " bedienten, die ihrerseits wieder eine sogenannte " leitende Körperschaft " habe.
Es gibt nur noch einige Tausend"gesalbter Christen" , die hoch in den 70ern und 80ern sind und meist keinerlei Einfluß mehr haben. Sie leben verstreut in den verschiedensten Versammlungen der Zeugen Jehovas auf der ganzen Welt und werden nie zusammengerufen, um Lehren auszuarbeiten oder ähnliches. Die sogenannte " geistige Speise " wird zentral in Brooklyn herausgegeben, erarbeitet von den dortigen Mitarbeitern - heute nach eigenem Bekenntnis in den meisten Fällen selbst keine Mitglieder der ' Gesalbten' - und beschlossen von der " Leitenden Körperschaft" der Zeugen Jehovas, zwischen 10 und 15 Männern, solchen, die sich zu den Gesalbten zählen. Der sogenannte " Überrest ", der den treuen und verständigen Sklaven bilden soll, ist in keiner Weise an der Ausarbeitung neuen Lichtes, neuer Anweisungen etc. beteiligt und doch sind sie angeblich der Kanal, durch den Jehova sein Licht vermittelt.
Das einzige Mal, wo diese Männer und Frauen in Erscheinung treten, ist beim jährlichen Gedächtnismahl, wo sie als einzige das Recht haben, Brot und Wein zu nehmen, während alle anderen es an sich vorbeigehen lassen müssen. Diese Männer und Frauen empfangen also die'geistige Speise ', neue Erkenntnisse etc., wie jeder andere Zeuge auch, der zu den 'anderen Schafen', den Nichtgesalbten, zählt.
Wir sehen also: Den " treuen und verständigen Sklaven" , der aus allen Gesalbten bestehen soll, es gibt ihn eigentlich gar nicht!
Doch nicht nur diese Betrachtung läßt Zweifel daran aufkommen, ob denn die Auslegung der Wachtturmorganisation so richtig ist, auch ein genauer Blick in den Text zeigt, dass sie nicht stimmen kann. Wie sein Zusammenhang klar zeigt; ist es keine Prophetie , sondern ein Gleichnis (Seltsamerweise werden diese Bibelstellen im Wachtturmbuch " Hilfe zum Verständnis der Bibel " auch von Jehovas Zeugen als Gleichnis bezeichnet, s.o.). Diese Geschichte von einem Knecht, den der Herr mit der Verwaltung seines Betriebes und der Versorgung der Mitknechte betraut hat, gibt es in vielen Abwandlungen (Mk. 13.33,34; Luk.12.35-38; Matth.25.14ff). Es gibt verschiedene Gleichnisse im Zusammenhang mit Jesu Wiederkunft; er warnt dort vor Terminberechnungen und ermahnt seine Jünger, immer wachsam zu sein. Dann folgen nacheinander:
Diese Gleichnisse haben alle eine ähnliche Bedeutung; durch die Wiederholung soll die Warnung Jesu verstärkt werden. So, wie wir wissen, dass bei dem Knecht mit den anvertrauten Geldern der Umgang mit den Gaben, die Gott uns gab, verdeutlicht werden soll, so ist bei dem Gleichnis mit dem treuen bzw. untreuen Verwalter Ähnliches gemeint. Wer Gottes Wort austeilt, - die Speise - ist der nicht eigentlich über "die ganze Habe" gesetzt?
Wenn wir den Text genauer untersuchen und dabei voraussetzten, die Wachtturmgesellschaft hätte recht, diese Bibelstelle sei tatsächlich eine Prophetie, so treten weitere Probleme auf.
Nach dem Bibeltext setzte der Herr ja einen Sklaven ein, der Speise austeilen sollte, als er außer Landes ging. Im Buch "Einsichten über die heilige Schrift", Bd II, heißt es hierzu auf S.1159: "Somit sollte die ganze Versammlung von gesalbten Christen gemeinsam als Verwalter dienen und diese Wahrheiten austeilen. Gleichzeitig wären die einzelnen Glieder, aus denen sich dieser Leib zusammensetzt, oder die Hausknechte, die das Haus Gottes bilden.., auch Empfänger der ausgeteilten Speise."
Das erste Problem ergibt sich dadurch, dass im Jahre 1919, als nach Lehre der Wachtturmgesellschaft dieser treue und verständige Sklave eingesetzt worden ist, die ganze Versammlung nur aus sogenannten " Gesalbten " bestand; dass daher in dieser Prophetie die gesalbten Christen gleichzeitig Austeilende und Empfänger der Speise wären. Dieses Bild wäre zumindest sehr ungewöhnlich, gerade weil Jesus für die Einfachheit seiner Gleichnisse bekannt war.
Doch selbst wenn wir dies als richtig voraussetzten, ergäbe sich ein weiteres Problem dadurch, dass dieser Sklave, wenn es sich denn tatsächlich um eine Prophetie handeln sollte, ja schon beim Weggang des Herrn Jesus, also seiner Himmelfahrt, eingesetzt wurde.
Von dieser Sklavenklasse heißt es: " Offenbar nahm jede Generation der "Sklavenklasse nicht nur selbst Speise zu sich, sondern reichte sie auch der nachfolgenden Generation weiter." (Wachtturm vom 15.04.75, S.238). Weiter schreibt man: "Wir stellen also fest, dass Jesus Christus selbst die Aufmerksamkeit darauf lenkte, wie die Glieder seines Volkes geistige Speise erhalten - nicht als voneinander unabhängige Einzelpersonen, sondern als eine Gruppe eng miteinander verbundener Christen, die echte Liebe hatten und umeinander besorgt sind." (a.a.O., S.239).
Es hätte also durch die Jahrhunderte hindurch eine Gemeinschaft geben müssen, die Gottes Wort bewahrte. Nach der Lehre der Zeugen Jehovas sind die Christen nach dem Tod der Apostel jedoch recht schnell vom Glauben abgefallen. Akzeptiert werden durch die Jahrhunderte hindurch allenfalls Einzelpersönlichkeiten, die durch die damaligen herrschenden Organisationen trotz Verfolgung ihren Glauben bewahrt hätten. Die christlichen Kirchen sind nach Aussage der Wachtturmgesellschaft alle von Jehova Gott abgefallen. Wo blieb also diese Sklavenklasse durch die Jahrhunderte hindurch? Zwar gab es in jeder Gemeinschaft Gott hingegebene und treue Christen, aber sie waren überall verstreut, und das ist es ja gerade nicht, was Jehovas Zeugen lehren.
In vielen Wachtturm und Erwachet werden treue Einzelpersonen über die Jahrhunderte angeführt. Wie sehr wird der Mut dieser Menschen gelobt, die gegen den Widerstand der damals herrschenden Organisationen das vertraten, was sie bei ihrem Bibelstudium gelernt hatten! (Bemerkenswert dabei ist übrigens, dass fast alle diese Menschen Lehren vertraten, die von der Wachtturmgesellschaft heute als babylonisch gebrandmarkt werden.)
Gab es eine Verwalterklasse, die Speise über die Generationen weitergereicht hätte? In den Lebensbeschreibungen Russells, des ersten Präsidenten der Wachtturmgesellschaft, wird immer wieder betont, dass er zwar durch den Kontakt mit dem Adventisten Barbour auf das Datum 1914 aufmerksam geworden sei, dass er aber unabhängig von irgendeiner damaligen Gesellschaft nach der Wahrheit gesucht und sich allein auf sein eigenes Studium der Bibel verlassen habe.
Etwas, was damals als lobenswert galt, ist für einen heutigen Zeugen fast gefährlich; ein unabhängiges Bibelstudium wäre ein Zeichen von unabhängigem Denken, das vom Teufel herrührt ! (s.o.).
Eine Verwalterklasse, die Speise ausgeteilt hat, ist also nicht zu finden gewesen. Hat Jesus da etwas Falsches prophezeit? Nein, das hat er nicht, denn diese Bibelstelle ist eben keine Prophetie, sondern ein Gleichnis!
Auch eine Betrachtung der folgenden Gleichnisse in Matthäus zeigt, dass mit dem klugen Knecht keine sogenannte Klasse gemeint sein kann. In Matthäus 25, 14ff ist wieder die Rede von einem'Menschen, der außer Landes ging' , womit also wieder Jesus gemeint ist. Dieser betraut drei Diener mit Talenten, einen mit fünf, den zweiten mit zwei und den dritten mit einem Talent. Während die ersten beiden ihre Talente verdoppeln, vergräbt der dritte das seine und wird bei der Wiederkunft des Herrn verworfen. Wir alle kennen die Geschichte. Wenn in Matthäus 24 mit dem 'klugen und treuen Knecht' eine sogenannte Klasse gemeint sein soll, dann wohl hier logischerweise auch. Doch wen stellen dann die Diener mit ihren Talenten dar? Bei dem Knecht, der sein Talent vergraben hat, wäre die Wachtturmgesellschaft sicherlich schnell mit der Deutung bei der Hand: 'Das ist die abtrünnige Christenheit!' Doch wen stellen dann die beiden anderen Knechte dar? Zwei Klassen können es nach der eigenen Lehre von Jehovas Zeugen nicht sein, denn nur ihre eigene Organisation wurde ja angeblich von Jehova auserwählt.
Eindeutig macht diese Geschichte klar, dass es sich eben nicht um eine Prophetie handelt, die verschiedene Klassen von Menschen betrifft, sondern um ein Gleichnis, das einzelne Menschen betrifft; jeder einzelne Mensch hat von Gott eine Gabe erhalten, und jeder kann und soll sie nutzen. So ausgelegt, macht die Geschichte Sinn.
Und ist nach alledem nicht genauso logisch und klar, dass es sich dann bei der Geschichte in Matthäus 24,45ff genauso wenig um eine Prophetie handelt?
Wer die Schriftstellen genau durchliest, wird außerdem feststellen, dass in dem o.g. Gleichnis nicht von zwei Knechten , sondern von zwei möglichen Verhaltensweisen des gleichen Knechts gesprochen wird. Auch dies zeigt, dass die Auslegung der Wachtturmgesellschaft falsch ist.
"Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat." (Joh 3,16)
Brüning,Erich, Sind Zeugen Jehovas Christen?, Lahr VLM, 3.Aufl. 1994
Franz,Raymond, Der Gewissenskonflikt, Claudius München, 2.Aufl. 1991
Gassmann,Lothar, Die Zeugen Jehovas. Geschichte, Lehre, Beurteilung, Hänssler Neuhausen-Stuttgart, 1996 (in Vorbereitung)
Twisselmann,Hans-Jürgen, Der Wachtturm-Konzern, Brunnen Gießen/Basel, 1995