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04"So spricht der Herr von dir, Baruch: Und du, du trachtest nach großen Dingen für dich? Trachte nicht danach! Denn ich bringe Unglück über alle Menschen, spricht der Herr, aber ich gebe dir deine Seele zur Beute an allen Orten, wohin du ziehen wirst" (Jer 45,2.5). Da stand er nun, Baruch, der Schreiber und persönliche Sekretär des Propheten Jeremia und wäre nirgends so gerne gewesen wie in den vertrauten Gassen seines heimatlichen Jerusalem. Stattdessen war er in Tachpanches, im fernen Ägypten. Wider seinen Willen hatte man ihn dahin geschleppt (Jer 43,5-7), und da musste er nun bleiben, auf fremder Erde!
Wir können es den Menschen des Altertums nur schwerlich nachfühlen, was es für ihn bedeuten musste, fern der Heimat zu leben und - was noch schlimmer war - dort zu sterben. Unsere Sprache hat dem früher selbstverständlichen Empfinden ein Denkmal gesetzt: Das Wort "elend", das die Alten gebrauchten, wenn sie sagen wollten, jemand sei über die Maßen zu bedauern; denn niemand war so bemitleidenswert wie der "E-lende", wörtlich der "außer Landes Seiende". In die Fremde ging tatsächlich nur, wen die nackte Not dazu trieb, wie etwa Jakob und seine Söhne, oder Jahrhunderte später Elimelech und Naomi, denen als einziger und letzter Ausweg vor dem drohenden Hungertod das ägyptische und moabitische Exil blieb. Und wen hätten nicht die ergreifenden Worte aus Psalm 137 schon bewegt, jenes Klagelied der Juden im garstigen babylonischen Exil: "An den Flüssen Babels, da saßen wir und weinten gar, sooft wir an Zion dachten. Unsere Lauten hängten wir an die Weiden"; denn: "Wie sollten wir ein Lied des Herrn singen auf fremder Erde?"
Ans Singen dachte auch Baruch nicht. Er hatte schließlich Jerusalem in schwelenden Trümmern hinter sich gelassen. Jerusalem, die Stadt, die einem jüdischen Herzen so teuer ist, als wärs ein Stück von ihm, wurde von babylonischen, ja, von heidnischen Heeren zertreten! Und auch seine geliebte Schreibstube mit dem Pult, den Schreibrohren, den Tintenfässern und Pergamenten, das heißt, seine ganze Welt, hatte er in Rauch aufgehen sehen. Er hatte alles verloren, wirklich alles - doch hatte er eigentlich nichts verloren, seit er etwas besaß, das ihm nichts und niemand mehr rauben konnte: seine Seele, sein Leben, das wahre Leben. Das hatte er gewonnen. "Ich gebe dir deine Seele zur Beute an allen Orten, wohin du ziehen wirst." Das hatte Gott vor vielen Jahren einem zutiefst aufgewühlten Baruch gesagt (siehe 45,3); und wie damals so war auch jetzt dieses Wort kühlender Balsam für die wunde Seele.
Alles hatte an jenem denkwürdigen Tag während des vierten Regierungsjahres Jojakims (Jer 36,1) begonnen: Der Prophet Jeremia hatte von Gott den Auftrag bekommen, alle Worte, die Gott zu ihm redete, in eine Buchrolle zu schreiben. Da rief Jeremia Baruch Ben-Nerija (= Sohn des Nerija) zu sich und bat ihn, diesen Schreiberdienst zu tun; denn Baruch war, wie Jer 36,26 ausdrücklich betont, von Beruf Schreiber. Als solcher war er gewohnt, eher harmlose Texte wie Kaufbriefe und ähnliches zu schreiben (wie in Kap 33,12). Jetzt aber wurde Baruch gerufen, Aussprüche Gottes auf das Diktat Jeremias hin niederzuschreiben. Hätte er geahnt, in welche Schwierigkeiten er sich damit stürzte, wer weiß, ob er Jeremia zur Verfügung gestanden hätte? Nach getaner Arbeit bat Jeremia den Schreiber nämlich, die ganze Botschaft "im Haus des Herrn am Tag des Fastens" laut vorzulesen (36,6). Baruchs Mut ist bewundernswert, denn "Baruch, der Sohn Nerijas, tat nach allem, was der Prophet Jeremia ihm geboten hatte, indem er aus dem Buch die Worte des Herrn im Hause des Herrn vorlas" (36,8). Es brauchte tatsächlich Mut, die schonungslos alle Sünden des Volkes aufdeckenden Strafpredigten Jeremias in der Öffentlichkeit zu rezitieren. Das erste Mal schien alles reibungslos abgelaufen zu sein, denn wir lesen, dass Baruch die gleichen Worte ein Jahr später, nämlich "im fünften Jahre Jojakims" (36,9) vorlas. Wie hatte er nur den Mut dazu aufgebracht?
Das Geheimnis war wohl seine inzwischen geschehene entscheidende Begegnung mit dem Herrn. Im "vierten Jahre Jojakims" (45,1) nämlich redete Gott zu Baruchs Gewissen und gab seinem Leben eine ganz neue Richtung und damit einen ganz neuen Inhalt: Er begriff, dass hoch hinaus wollen nicht alles war, dass es höhere, aber bleibende Werte gab, denn: "Die Welt vergeht und ihre Lust, wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit" (1Joh 2,17). So war er bereit, Jeremias Strafpredigt erneut zu lesen. Diesmal kam die Botschaft auch König Jojakim zu Ohren (Jer 36,10-21). In beispielloser Arroganz verschloss sich der Monarch wie gehabt der Botschaft Gottes und ließ die ganze Buchrolle Abschnitt für Abschnitt, nachdem sie vorgelesen worden war, in seiner Zimmerheizung verbrennen (36,22-24). Seine ungezügelte Willkür kannte jetzt keine Grenzen mehr: Er erließ gegen Jeremia und seinen Schreiber Baruch einen Haftbefehl, der nur das Schlimmste bedeuten konnte. Doch Gott wusste seine unerschrockenen Zeugen zu bewahren: "Der Herr hatte sie verborgen" (V. 26). Hier erlebte Baruch wahrscheinlich zum ersten Mal, dass es in einer Welt des Unglaubens, der Willkür und der Arroganz nicht leicht ist, gegen den Strom zu schwimmen, aber auch, dass Gott zu seinem Wort steht. Wie verheißen entzog er ihn dem Zugriff der Menschen, um ihm das Leben zu erhalten.
Etliche Jahre später - Jojakim war inzwischen gestorben (2Kö 24,6) und Zedekia, der letzte König der Juden, schmachtete schon in Babylons Kerkern (Jer 39,1-14) - warnte Jeremia seine Zeitgenossen im Namen des Herrn davor, nach Ägypten auszuwandern. Abermals schlug er mit seiner Predigt seinen Zuhörern und dem herrschenden Zeitgeist direkt ins Gesicht. Inzwischen hatte sich Baruch schon so unmissverständlich mit Jeremia und seiner Botschaft identifiziert, dass das unwillige Volk seinen Unmut an ihm ausließ: "Baruch, der Sohn des Nerija, hetzt dich wider uns auf, um uns in die Hand der Babylonier zu liefern, damit sie uns töten und uns nach Babel wegführen" (43,3). Das waren bösartige Angriffe auf seine Person, denn es tut nichts so weh, als missverstanden und verleumdet zu werden. Aber Baruch blieb bei seiner Überzeugung, auch wenn er damit allein auf weiter Flur stand. In den Jahren seit seiner Wende hatte er gelernt, dass in dieser Welt nichts so wichtig ist, wie Gott und sein Wort ernst zu nehmen. Er hatte einst, wie seine Altersgenossen, auch an Karriere gedacht. Vielleicht wäre er gerne Vorsteher der Jerusalemer Schreiberzunft geworden, bis sein Gewissen von Gottes Wort getroffen wurde: "Trachtest du nach großen Dingen für dich? Trachte nicht danach!"
Und jetzt stand er in Tachpanches und hatte alles, hatte seine Welt verloren; dafür hatte er aber seine Seele, das wahre Leben, gewonnen. Ja, "was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert?", mag Baruch schon damals gedacht haben; und etwa 600 Jahre später hat ihm der Sohn Gottes Recht gegeben (Matth 16,24).
Damit nun niemand auf den Gedanken kommt, einen Mann solchen Zuschnitts habe es nie gegeben, darf ich auf eine kleine Entdeckung aufmerksam machen, welche jüdische Archäologen im Jahre 1978 machten, als sie mit Ausgrabungen in Jerusalem beschäftigt waren: Sie fanden einen Abdruck des persönlichen Siegels eines gewissen Berachja Ben-Nerija [1] . Die vollständige Inschrift lautet:
lbrkjhwBaruch ist nichts anderes als die Kurzform des Namens Berachja. Wir haben also tatsächlich das persönliche Namenssiegel unseres Baruch, des Schreibers Jeremias vor uns. Wörtlich den gleichen Text, also Name, Vatername (die Historiker nennen das Patronym) und Berufsbezeichnung, finden wir auch in Jer 36,32: "Und Jeremia nahm eine andere Rolle und gab sie Baruch Ben-Nerija, dem Schreiber." Um jegliche Gedanken an einen Zufall auszuräumen sei noch erwähnt, dass am gleichen Ort das persönliche Siegel Serajas, des Bruders Baruchs - der in Jer 51,59 erwähnt ist - gefunden wurde. Die Inschrift lautet folgendermaßen:
lsrjhw nrjhw Vokalisiert muss das etwa so gelesen werden: lisarjahu = dem Seraja nerijahu = (dem Sohn des) Nerija (gehörig)Um das Maß voll zu machen, fand sich in der gleichen archäologischen Schicht (die auf die Zerstörung Jerusalems unter dem babylonischen König Nebukadnezar zurückgeht) der Siegelabdruck eines dritten Mannes, der im Buch Jeremia erwähnt wird, nämlich Jerachme`els, des Prinzen, der von Jojakim, zusammen mit anderen den Befehl erhielt, Jeremia und Baruch zu greifen (36,22):
ljrhm`l bnhmlkDas müssen wir wie folgt lesen:
lirachme`el = dem Jerachme`el ben hammäläk = Sohn des Königs (gehörig)Als Baruch seiner Schreibstube für immer den Rücken zukehren musste, wusste er, dass alles früher oder später in Flammen und Trümmern versinken würde. Was er nicht ahnen konnte, war, dass gerade diese Flammen, die alle Pergamente schonungslos und ohne Unterschied auffraßen, wenigstens diesen einen, in weichen Lehm gepressten Abdruck seines Siegels steinhart backen und so der Nachwelt erhalten würden.
Benedict Peters (1)Veröffentlicht und vorgestellt von N. AVIGAD im Artikel "Baruch the Scribe" im Israel Exploration Journal 28 (1978) 52-56, Tafel 15B.So lautete der Titel eines Vortrages, den der Jude Prof. Dr. Pinchas Lapide Anfang 1985 in Basel/ Schweiz gehalten hat. Beim Zuhören gewann man den Eindruck, er vertrete die Ansicht, dass man es nicht könne, denn er legte ausführlich dar, wieviel bei der Übersetzung - hauptsächlich aus dem Hebräischen - verlorengehe. Er kam aber dann doch zu dem Schluss, dass man es könne, aber keine Übersetzung als endgültig - also in Zweifelsfällen allein maßgeblich, fehlerfrei - ansehen solle. Dieses Urteil kann ich nur unterstreichen. Man wird in jeder Übersetzung Schwachstellen und Fehler finden. Das kommt daher, dass Bibelübersetzungen von Menschen gemacht werden, Menschen, denen bei all ihrer sprachwissenschaftlichen Kompetenz und bei dem größten Verlangen, sich vom Geist Gottes leiten zu lassen, doch Fehler unterlaufen.
Die Prägung einer Übersetzung hängt natürlich in erster Linie von dem grundsätzlichen Übersetzungsprinzip ab, das der Übersetzer wählt. Unser Thema heißt zwar "Bibelübersetzungen" und nicht Bibelübersetzung, trotzdem müssen uns aber die Vor- und Nachteile der verschiedenen Prinzipen in ihren Grundzügen klar sein, sonst können wir die einzelnen Übersetzungen nicht angemessen bewerten.
Davon gibt es zwei: formbetonend (1) und inhaltsbetonend.[2] Jeder, der schon einmal einen fremdsprachigen Text übersetzt hat, weiß etwa, was damit gemeint ist.
Ziel dieser Methode ist es, den Urtext möglichst exakt wiederzugeben, indem auch Eigenheiten der Ursprachen beibehalten werden. Das hat den Vorteil, dass man ohne subjektive Umschreibungen auskommt, denn eine Umschreibung kann schon eine Auslegung sein (2). Die extremste Richtung innerhalb dieser Methode ist die sogenannte "konkordante" Methode, deren Grundsatz es ist, ein Wort der Ursprache auch immer durch dasselbe deutsche Wort wiederzugeben. Hier sind auch die Übersetzungen zu nennen, die die Gewalt und die Eindrücklichkeit der hebräischen Sprache im Deutschen zu vermitteln suchen (Buber/ Rosenzweig).
Wenn man aber die Form zu bewahren sucht, muss man notwendigerweise Einbußen am Inhalt in Kauf nehmen, was eben in den Eigenheiten der Ursprachen begründet ist; wer dann nur die Übersetzung bietet, die dem Urtext formal am nächsten kommt, unterschlägt dem Leser die anderen Übersetzungsmöglichkeiten und damit vielleicht auch den gemeinten Sinn.
Das formbetonende Prinzip stößt irgendwann an natürliche Grenzen: wenn es ganz konsequent angewendet wird, entstehen nicht selten unverständliche und direkt sinnwidrige Übersetzungen. So könnte man in Lk 18,6 wörtlich übersetzen: "der Richter der Ungerechtigkeit", wobei "Ungerechtigkeit" wie im Griechischen im Genitiv steht. Aber der Zusammenhang macht deutlich, dass es sich hier um einen besonderen Genitiv handelt, den man ohne weiteres mit einem schlichten Adjektiv übersetzt: "der ungerechte Richter". Oder: in Apg 23,10 steht wörtlich: "fürchtete der Oberste, Paulus möchte von ihnen nicht zerrissen werden." Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall: der Oberste griff ein, damit Paulus eben nicht verletzt würde. Im Griechischen ist die Verneinung richtig, würde sie aber ins Deutsche übernommen, käme Unfug heraus. In solchen Fällen muss man auf die Form verzichten, damit der Inhalt erhalten bleibt.
Es ist - wenn einem der Grundtext selbst nicht zugänglich ist - für das exakte, intensive Bibelstudium unumgänglich, eine Übersetzung zu benutzen, die den Urtext möglichst genau wiedergibt. Nur sollte man nicht meinen, dass eine Übersetzung um so besser ist, je mehr sie formal mit dem Urtext übereinstimmt. Ein Leser, der mit den Eigenheiten der Ursprachen nicht vertraut ist, steht vielmehr in der Gefahr, dass er in Ausdrücke oder Satzkonstruktionen, die ihm sprachlich fremd sind, Dinge hineinliest, die gar nicht drinstehen. Was soll der Leser z.B. in Apg 28,26 mit der Übersetzung: "Hörend werdet ihr hören und nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und nicht wahrnehmen?" Zwar ist damit die griechische Konstruktion wiedergegeben, aber welcher Leser weiß schon, dass diese Konstruktion vom Hebräischen beeinflusst ist und dort dazu verwendet wird, um die Tatsächlichkeit einer Aussage zu betonen? In unserem Beispiel hieße das: "Ihr werdet wohl hören, aber nicht verstehen, und ihr werdet wohl hinschauen, aber nicht sehen".
Ziel dieser Methode ist es, den Sinn des Urtextes möglichst exakt und für den zeitgenössischen Leser unmittelbar verständlich wiederzugeben. Denn es ist tatsächlich der Inhalt, auf den es ankommt, nicht die Form. Es war die Methode Luthers: "denn man mus nicht die buchstaben jnn der Lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deudsch reden, wie die Esel thun, Sondern man mus die mutter ihm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, vnd den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen, so verstehen sie es denn, und mercken, das man Deudsch mit ihn redet" [3]. Wie sein NT 1522 "eingeschlagen" hat, berichtet ein katholischer Zeitgenosse Luthers: "Luthers Neues Testament wurde durch die Buchdrucker dermaßen gemehrt und in so großer Anzahl ausgesprengt, also dass auch Schneider und Schuster, ja Weiber und andere einfältige Laien ... wenn sie nur ein wenig Deutsch auf einem Pfefferkuchen lesen gelernt hatten, dieses gleich als einen Brunnen aller Wahrheit mit höchster Begierde lasen. Etliche trugen dasselbe mit sich im Busen herum und lernten es auswendig".[4] Luthers Methode hatte offensichtlich Erfolg.
Viele verkennen leider den Wert einer vermeintlich "freieren" Übersetzung. Der Irrtum, dass es besonders schwierig sei, eine sehr wörtliche Übersetzung herzustellen, ist weit verbreitet. Das Gegenteil aber ist der Fall: wesentlich schwieriger als wortwörtlich zu übersetzen ist es, zuerst den exakten Sinn des Originaltextes festzustellen und dann diesen Sinn in verständliche, flüssige deutsche Sprache zu übertragen.[5]
Ein Beispiel: Man kann 1Mo 37,15 wörtlich übersetzen: "Und ein Mann fand ihn, und siehe, er irrte auf dem Felde umher; und der Mann fragte ihn und sprach: was suchst du?" Die hebräische Satzkonstruktion weist aber auf einen Umstandssatz hin, außerdem entspricht der hebräische Ausdruck, der hier mit "und sprach" übersetzt ist, dem deutschen Doppelpunkt. Daher kann man den Vers treffend übersetzen: "Während er nun dort auf dem Felde umherirrte, traf ihn ein Mann; der fragte ihn: Was suchst du?" (Menge). Oder: wenn man Stellen wie 1Mo 42,15b wörtlich übersetzt ("Beim Leben des Pharao! wenn ihr von hier weggeht, es sei denn dass euer jüngster Bruder hierher komme!"), kommt der Leser früher oder später wohl dahinter, dass dieses "wenn ..." eine Schwurformel sein muss. Um ihm aber das Rätselraten zu ersparen, kann man nur etwas weniger formbetonend, aber treffender übersetzen: "So wahr der Pharao lebt, ihr sollt nicht von hinnen ziehen, es komme denn euer jüngster Bruder her" (Zürcher). So kommt der Inhalt wesentlich klarer zum Ausdruck.[6]
Es ist für diesen Zweck unerlässlich, sich einer flüssigen, zeitgemäßen Sprache zu bedienen. Wohlgemerkt: eine Übersetzung wird dadurch nicht schlechter oder "verwässert", wenn sie dabei den Sinn des Originaltextes treu wiedergibt und nicht schon eine Auslegung enthält. Genau das ist das Problem bei dieser Methode: so wie eine formbetonte Übersetzung den Leser mitunter überfordert, so enthalten ihm inhaltsbetonende Übersetzungen mitunter andere Übersetzungsmöglichkeiten vor oder führen ihn gedanklich in eine falsche Richtung, je nachdem welche theologische Richtung der betreffende Übersetzer vertritt.
Manche tun auch des Guten zu viel. Sie legen besonderen Wert auf besonders moderne, flüssige Sprache und verlieren so teilweise die biblische Botschaft. Als Extrembeispiel in dieser Richtung kann man die "Gute Nachricht" ansehen, oder - gemäßigter - die "Hoffnung für alle".
Das Falscheste, was man tun könnte, wäre, die beste Übersetzung einfach in der Mitte zwischen Extremen zu suchen, denn "die beste" Übersetzung gibt es ebenso wenig wie es ein "Eier legendes Woll-Milch-Schwein" gibt. Verschiedene Verwendungszwecke oder Lesergruppen erfordern verschiedene Übersetzungen: Einen der Bibel Fernstehenden mit der unrevidierten "Elberfelder" gewinnen zu wollen, ist genauso widersinnig, wie eine theologische Exegese auf Grund der "Hoffnung für alle" zu machen.
Es ist daher schade, dass viele sich einmal für eine bestimmte Übersetzung entschieden haben und dann alle anderen ignorieren. Natürlich sollte man eine Übersetzung haben, in der man zu Hause ist, aber man beschränkt sich selbst, wenn man die Vielfalt der Übersetzungen nicht sinnvoll nutzt.
In der gleich folgenden Übersicht will ich bewusst nicht differenziert klassifizieren und werten, sondern das Charakteristische jeder Übersetzung herausstellen. Zwar werde ich Verwendungsmöglichkeiten angeben, möchte aber eher dazu anregen, die Übersetzungen selber in die Hand zu nehmen und auf ihre Verwendungsmöglichkeiten zu prüfen.
Die Angabe "bibeltreu" besagt, dass der Übersetzer oder Herausgeber die Bibel als Wort Gottes anerkennt; "bibelkritisch", dass menschliche Meinungen größere Autorität haben, insbesondere die höchst fragwürdigen "Ergebnisse" der historisch-kritischen Theologie.
Wer eine neue Übersetzung kennen lernen möchte, sollte zuerst aufmerksam das Vorwort lesen. Das Vorwort ist sozusagen die "Visitenkarte" einer Übersetzung, wo der Verfasser oder die Herausgeber Stellung beziehen zu Wesen und Absicht der Übersetzung und Hinweise zur Benutzung geben. Zu diesem Thema ist auch die "Vorrede" Bengels zu seinem NT lesenswert.
Zum Schluss muss ich mich noch korrigieren: Ich habe - wie ich hoffe - überzeugend ausgeführt, dass es "die beste" Bibelübersetzung nicht gibt. Nun, das ist nicht richtig, es gibt sie: es ist die Übersetzung des Wortes Gottes ins tägliche Leben.
extrem formbewahrend, geprägt von jüdischer Religionsphilosophie
Hauptziel: Nachahmung der hebräischen Sprachgewalt, daher z. T. Wortneuschöpfungen. Die Bücher folgen der hebräischen Anordnung (Tora, Propheten, Schriften) ohne durchgehende Verszählung, ohne Anmerkungen. Nur sehr schwer mit Gewinn zu lesen.
Wenig Rücksicht auf den deutschen Sprachgebrauch, bis hin zu Neuschöpfungen. Soll laut Vorwort eine Übersetzung sein, die alles enthält, "was der Laie benötigt, um erkennen zu können, was der Urtext buchstäblich aussagt". Es wird angestrebt, "keine menschlichen Mängel und Irrtümer" zur göttlichen Offenbarung treten zu lassen, es sollen "private Meinungen über die Bedeutung jeder beliebigen Stelle weitgehend ausgeschlossen werden". Diese Ziele werden durch die "konkordante" Methodik zu erreichen versucht, d. h: für jeweils ein Grundtextwort wird anhand einer Konkordanz ein deutsches Normwort festgelegt, das immer dafür gebraucht wird, wenn es nur irgendwie möglich ist: Abweichungen werden möglichst eindeutig gekennzeichnet. Darüber hinaus lässt sich durch ein ausgeklügeltes System von Fett- und Schwachdruck, von Zeichen und Buchstaben im Text rekonstruieren, welche Wörter und Konstruktionen an jeder Stelle im Grundtext stehen. Wer aber nicht weiß, welche Bedeutungsspielräume die Grundtextwörter haben und was die hebräischen und griechischen Konstruktionen bedeuten, weil er eben kein Hebräisch und Griechisch kann, hat davon überhaupt nichts. Die entsprechenden Erläuterungen sind völlig unzureichend und z. T. zumindest missverständlich. Auf Anmerkungen wurde im NT ganz und im AT weitgehend verzichtet; oft wären sie aber bitter nötig. Zwar ist die Übersetzung durch ihre extrem formbewahrende Methode ein nützliches Hilfsmittel zum exakten Studium, aber sie ist weit davon entfernt, halten zu können, was sie dem Laien verspricht (so.)
Als wir im Fach Griechisch zum ersten Mal NT-Texte übersetzen mussten, sagte der Professor, weil er wollte, dass wir die Aufgaben wirklich selber machen: "Schreiben Sie aber nicht einfach aus der Elberfelder Übersetzung ab!" Damit dürfte sie prägnant charakterisiert sein. Mit anderen Worten: extrem formbewahrend, bibeltreu
Der Konzeption entsprechend wenig Rücksicht auf deutschen Sprachstil. Hilfsmittel zum exakten Studium kürzerer Abschnitte, zum Lesen längerer Abschnitte um des Zusammenhangs willen wegen der holprigen Sprache weniger geeignet. Wenig Anmerkungen, meist Hinweise auf wörtliche oder andere Übersetzungen, auch kurze sachliche Erläuterungen und Parallelstellen. Keine Abschnittsüberschriften. Enthält veraltete Ausdrücke und manchmal zu genaue Übersetzungen (z. B. 3Mo 13,47-59; wer versteht heute noch "Kette" und "Einschlag"?). Gelegentlich stehen offensichtlich falsche Lesarten im Text, die richtigen in einer Anmerkung (z. B. 2Sam 21,8; 2Sam 21,19) - umgekehrt wäre es besser.
weniger formbewahrend als die unrevidierte Fassung, bibeltreu
Ziele der Revision waren: Berücksichtigung eines besseren Grundtextes als derjenige, der 1850 zur erstmaligen Übersetzung vorlag, sprachliche Glättung, Ersetzen veralteter Ausdrücke (geschah leider nicht ganz konsequent). Die oben bei der unrevidierten Fassung genannten Mängel wurden beseitigt, doch stehen immer noch bessere Textfassungen in einer Anmerkung anstatt im Text. Als Werk einer Übersetzungskommission gibt sich diese Ausgabe durch gewisse Inkonsistenzen zu erkennen, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen. Die revidierte Fassung liest sich deutlich leichter als die unrevidierte, trotzdem blieb noch manches dem Deutschen Fremde übrig (Idiome werden noch weitgehend wörtlich übersetzt anstatt ins Deutsche übertragen). Dazu trägt auch der einspaltige Druck mit Abschnittsüberschriften bei, die es früher nicht gab. Äußerst positiv ist zu bemerken, dass der nachweislich falsche Gottesname "Jehova" durch "HERR" ersetzt wurde. Zahlreiche Anmerkungen und außergewöhnlich viele Parallelstellen in getrennten Apparaten vervollständigen die Revidierte ELBERFELDER zu einem wichtigen und nützlichen Hilfsmittel zum intensiven Studium.
nicht formbewahrend, grundtextnah, bibeltreu
In sprachwissenschaftlicher Hinsicht die wohl interessanteste Übersetzung. Menge war bemüht, so nahe wie möglich am Grundtext zu bleiben; trotzdem ist es ihm gelungen, ein flüssiges, leicht verständliches Deutsch zu schreiben. Zum Verständnis tragen hilfreiche Zusätze in Klammern bei, die das fortlaufende Lesen allerdings erschweren. Jedes Buch wird durch eine Gliederung eingeleitet, die im Buch selber wieder auftaucht, ergänzt durch noch ausführlichere Abschnittsüberschriften. Wenige sachliche Anmerkungen, auch Hinweise auf wörtliche oder andere Übersetzung. Im Anhang interessant: "Heilsgeschichtlicher Wegweiser" (umfangreiche Schlagwortkonkordanz zu theologisch oder anderweitig wichtigen Begriffen) und eine Zeittafel vom Auszug aus Ägypten bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. Die relativ geringe Verbreitung hat wahrscheinlich in der bis heute beibehaltenen Frakturschrift ihren Grund. Man sollte sich aber dadurch nicht abhalten lassen, mit dieser wirklich guten Übersetzung zu arbeiten, insbesondere in der stillen Zeit und zu Studienzwecken.
nicht formbewahrend, grundtextnah, Übersetzung an sich im Allgemeinen bibeltreu
Erstmals im 16. Jahrhundert erschienen. Die Revisoren waren seither bemüht, den Grundtext in flüssiger Sprache immer genauer wiederzugeben. Obwohl sie noch veraltete Ausdrücke enthält, ist sie gut zu lesen (besonders gefällt mir, dass hebräische Poesie z. T. nachempfunden wird; im Buch Hiob sind die Reden in ausgeprägtem Sprachrhythmus wiedergegeben, jeder Halbvers mit 4 Hebungen; in Spr 31,10-31 folgen die Anfangsbuchstaben jedes Verses wie im hebräischen Alphabet). Der Text als solcher ist weitgehend zuverlässig, stellenweise aber von der historisch-kritischen Theologie beeinflusst; im AT wird öfters ohne Kennzeichnung vom hebräischen Standardtext abgewichen. Wovor ich aber ganz eindringlich warnen muss, sind irreführende und kritische Anmerkungen. Besonders im NT wird respektlos und nach Gutdünken am Text manipuliert. Hinweise auf Handschriften, auf die solche Manipulationen oft gestützt sind, mögen den Laien beeindrucken, aber sie helfen ihm nicht, weil er sie nicht beurteilen kann. Noch weiter geht der "Anhang zum Neuen Testament": Im Prinzip eine nützliche Beigabe, aber er ist dermaßen von bibelkritischer Theologie durchsetzt, dass ihn derjenige, der damit nicht vertraut ist, lieber gar nicht erst lesen sollte. Es wimmelt nur so von Ausdrücken wie "Irrtümer", "Hörensagen", "ungenaue Erinnerung". Das ist plumpe Irreführung. Wer sich die Mühe macht, solche Anmerkungen nachzuprüfen, der stellt fest, dass sie oft an den Haaren herbeigezogen sind. Folgende Beispiele können erwiesenermaßen ersatzlos gestrichen werden: Anm. zu Lk 4,25, Nr. 122 und 142 im Anhang III. In Spr 17,8 zeigt schon der Zusammenhang, dass die Anmerkung absolut fehl am Platze ist. So wird systematisch das Vertrauen auf das Wort Gottes untergraben. Traurig, dass das in einer Bibel geschieht, deren Text eigentlich gut ist.
nicht formbewahrend, grundtextnah, bibeltreu
Zwar nicht die erste, aber bedeutendste, die deutsche Übersetzung schlechthin. Sie ist allgemein bekannt und verbreitet, daher kein großer Kommentar meinerseits. Empfehlenswert sind die Textfassungen von 1964 (AT) und 1984 (AT und NT). In weniger wichtigen Fragen ist die Übersetzung oft ungenau (Luther hatte nicht den besten Grundtext zur Verfügung). Hierher gehören auch LUTHERBIBEL ERKLÄRT (trotz gegenteiligem Bemühen beeinflusst von bibelkritischer Theologie) und DIE NEUE SCOFIELD BIBEL: nützliches Werkzeug zum intensiven Studium. Textfassung von 1914. Einleitungen zu den biblischen Büchern, zahlreiche Anmerkungen und Parallelstellen (Besonderheit: Kettenangaben zum Verfolgen eines Themas durch die ganze Bibel). Etwas Vergleichbares, aber auf neuerem Stand, stellen die NEW INTERNATIONAL STUDY BIBLE und die THOMPSON CHAIN REFERENCE BIBLE dar (letztere gibt es inzwischen auch in Deutsch unter dem Namen THOMPSON STUDIENBIBEL).
extrem nicht-formbewahrend, nicht grundtextnah, bibelkritisch
Übersetzt von ev. und kath. Bibelwerken. Weder grundtext- noch sinngetreu, oft verflacht und ungenau. Geprägt von historisch-kritischer Theologie, besonders die Anmerkungen.
nicht formbewahrend, grundtextnah, bibelkritisch
AT katholisch, NT und Psalmen ökumenisch, daher auch geprägt von katholischer Theologie. Gehobene Sprache. Hilfreiche, sachliche Anmerkungen. Die kommentierte Ausgabe ist stark von der historisch-kritischen Theologie geprägt.
nicht formbewahrend, grundtextnah, bibelkritisch
Flüssige Sprache. Wichtiger als der eigentliche Text sind bei dieser Ausgabe aber die Einleitungen und Anmerkungen. Diese sind sehr stark geprägt von katholischer und vom ganzen Spektrum der historisch-kritischen Theologie. Die Apokryphen sind mit den AT-Büchern vermischt (was bei einer katholischen Übersetzung nicht verwundern wird). Die JERUSALEMER ist hervorragend geeignet, das Vertrauen auf den Bibeltext vollständig zu beseitigen. Darum sollte diese Ausgabe - die auch viele gute Informationen bietet - nur von dem benutzt werden, der einerseits die Bibel, andererseits das Wesen der historisch-kritischen Theologie gut kennt.
Manche mögen eine solche Frage für nebensächlich oder gar für absurd halten. Für andere aber ist sie von hoher Brisanz, hängt sie doch direkt mit der Frage nach der Herkunft des Menschen zusammen, die wiederum für unser ganzes Menschenbild und damit unserer Weltanschauung schlechthin von entscheidender Bedeutung ist. Es gibt für die Frage nach der Herkunft des Menschen nur zwei mögliche Antworten:
a) Alle Organismen einschließlich des Menschen stammen von einzelligen Urorganismen ab, die aus leblosen Stoffen entstanden sind. Die Höherentwicklung geschah durch Selektion von Zufallsänderungen im Erbgut, die bestimmte Formen begünstigte durch ein besseres Angepasstsein an die jeweiligen Umweltbedingungen. Diese Höherentwicklung nahm enorme Zeiträume - Hunderte von Jahrmillionen - in Anspruch und führte über die Reptilien (größte Vertreter waren die Saurier) zu den Säugetieren und schließlich über die Affen zum Menschen. Das ist die Auffassung des Evolutionsmodells, das heute in allen Schulen gelehrt wird.
b) Die zweite Antwort ist die Antwort der Bibel: Gott schuf ... Er schuf die Grundtypen aller Pflanzen und Tiere und den Menschen. Diese Grundtypen waren mit großer Variationsfähigkeit ausgestattet und spalteten sich im Lauf der Zeit zu der heutigen Fülle an Arten und Rassen auf. Dieses "Schöpfungsmodell" kommt ohne die enormen Zeiträume vieler Millionen Jahre aus; es rechnet im Gegenteil mit einer relativ jungen Erde. In den letzten Jahrzehnten wächst ständig die Zahl von Naturwissenschaftlern, die dieses Modell vertreten und wissenschaftlich ernst zu nehmende "Schöpfungsforschung" betreiben. Im deutschsprachigen Raum war es ein Markstein in dieser Entwicklung, als 1986 erstmals ein Schulbuch für den Biologie-Unterricht erschien, in dem auch das Schöpfungsmodell vorgestellt und besprochen wird. Es ist nur verständlich, dass die Vertreter beider Denkmodelle nach Fakten Ausschau halten, die geeignet sind, ihre jeweilige Überzeugung zu stützen oder gar ihre Richtigkeit zu beweisen. Ein solcher Fakt schien sich anzubieten, als BIRD in den Dreißigerjahren unseres Jahrhunderts im Flussbett des Paluxy, eines Nebenflusses des Brazos im USA-Staat Texas, neben eindeutigen Spuren von Dinosauriern andere Fußspuren fand, die menschlichen Spuren durchaus ähnelten. Sollten hier Menschen vor Sauriern davongelaufen sein oder diese sogar gejagt haben? In den Sechziger- und Siebzigerjahren sind weitere intensive Untersuchungen an den fraglichen Spuren gemacht worden. Warum fanden sie ein so großes Interesse?
Die Schichten der Kreide-Formation, in denen sich das Paluxy-Flussbett befindet, sind nach Meinung der Vertreter des Evolutionsmodells mehr als 100 Millionen Jahre alt. In solchen Schichten dürfen wohl Saurierfährten, nie aber menschliche Fußspuren vorkommen, da der Mensch sich erst vor wenigen (höchstens 15) Millionen Jahren "entwickelt" haben soll. Andererseits wären die Saurier zu Beginn des Tertiärs (vor 65 Millionen Jahren) ausgestorben, so dass ein gleichzeitiges Vorkommen von Sauriern und Menschen schlechthin undenkbar sei. Wer jedoch nach dem biblischen Bericht an eine göttliche Schöpfung glaubt, hält ein gleichzeitiges Auftreten von heute ausgestorbenen Tierarten und von Menschen durchaus für möglich, ja sogar für wahrscheinlich. Den Vertretern des Schöpfungsmodells kamen die Fußspuren im Flussbett des Paluxy sehr gelegen, fanden sie hier doch offenbar ein beweiskräftiges Argument gegen den üblichen Evolutionismus. In Amerika waren es die Mitarbeiter des Instituts für Schöpfungsforschung, die diese Entdeckungen nach Kräften publizierten, in Europa war es in erster Linie A. E. Wilder-Smith.
In der Tat wäre der Evolutionismus ein für alle Mal "erledigt" gewesen, wenn es sich bei den fraglichen länglichen Fußabdrücken tatsächlich um Menschenspuren gehandelt hätte. Nun hat sich aber herausgestellt, hauptsächlich durch die Arbeiten des Biologen Glen J. Kuban zu Beginn der Achtzigerjahre, dass es sich um Spuren eines bisher unbekannten Sauriers handelt. Wie kam die irrtümliche Deutung als Menschenspuren zustande? Und wie konnte der Irrtum aufgeklärt werden?
G. J. Kuban hat folgende Erklärung vorgeschlagen: Die fraglichen Spuren stammen von Sauriern, die auf 2 Beinen liefen und zwar normalerweise als Zehengänger. Manche dieser Tiere müssen aber - möglicherweise nur zeitweise - auch Sohlengänger gewesen sein, wodurch entsprechend längere Abdrücke entstanden. Dass zunächst bei den länglichen Spuren kaum Zehenabdrücke erkennbar waren, könnte daran liegen, dass über die gerade entstandenen Spuren das schlammige Material des Untergrundes teilweise zurückfloss, bevor es erhärtete. Tatsache ist jedenfalls, dass die früher für menschlich gehaltenen Abdrücke im Laufe weniger Jahrzehnte durch Erosion (Abtragung der obersten Schichten) ihr Aussehen veränderten und deshalb heute ganz eindeutig einer Art von dreizehigen Sauriern zugeordnet werden müssen.
Was lehrt uns nun dieser ganze Vorgang um die berühmt gewordenen Spuren am Paluxy? Auf zwei Dinge sei an dieser Stelle besonders hingewiesen:
1. Wissenschaftler - ob nun Christen oder nicht - sind stets Menschen, die irren können. Die von ihnen beobachteten Fakten bedürfen stets einer Deutung, in die aber bereits die bisherigen Vorstellungen bzw. die Wünsche des jeweiligen Forschers eingehen! Sehr oft mussten erste Hypothesen (Annahme des Forschers) auf Grund späteren Erkenntnisfortschrittes revidiert werden. Christen wären schlecht beraten, wenn sie mit wissenschaftlichen Hypothesen - die gut in das Schöpfungsmodell zu passen scheinen - ihren Glauben an Gottes Schöpfung untermauern wollten.
2. Wenn Menschen auch irren können, Gott irrt sich nicht. Wir glauben, dass Gottes Wort wahr ist - nicht nur in den Heilsaussagen - sondern auch in Natur- und Geschichtsaussagen. Wir glauben an die Erschaffung der Welt, aller Tiere und Pflanzen und des Menschen auf Grund der Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift, nicht auf Grund von Ergebnissen der Naturwissenschaft.
Kehren wir zum Schluss zu der Frage der Überschrift zurück: Lebten Saurier und Menschen zu gleicher Zeit? Der biblische Schöpfungsbericht teilt uns mit, dass Wasser- und Landtiere am 5. und 6. Tag, der Mensch ebenfalls am 6. Tag der Schöpfungswoche geschaffen wurden. Wer die Heilige Schrift ernst nimmt, wird die Frage daher unbedingt bejahen. Es ist wohl nicht abwegig, in dem Behemoth und Leviathan des Buches Hiob (Kap. 40,10.20) einen großen Land- bzw. Wasser-Saurier zu vermuten. Uns Christen würde es jedenfalls nicht überraschen, wenn die Forschung eines Tages wirklich unwiderlegbare Hinweise auf die gleichzeitige Existenz von Sauriern und Menschen liefern würde - auch wenn sich der scheinbare "Beweis" vom Paluxy-Fluss als Irrtum herausgestellt hat.
R. Junker und S. Scherer, Entstehung und Geschichte der Lebewesen, Gießen, 1986
S. Scherer und R. Wiskin, "Menschliche" Fußabdrücke in der Kreide?, factum 9/1986
A. E. Wilder-Smith, Herkunft und Zukunft des Menschen, Stuttgart, 1972
Am 5. Mai dieses Jahres jährte sich zum 100. Male der Todestag eines Mannes, der, obwohl heute viel zu wenig bekannt, sicherlich zu den größten Schriftauslegern gehörte, die dem Deutschland des 19. Jahrhunderts geschenkt wurden: Johann Carl Friedrich Keil.
C. Fr. Keil wurde am 26. Februar 1807 in Lauterbach bei Oelsnitz/ Vogtland als einziger überlebender Sohn einfacher Landarbeiter geboren. Sein Wunsch war, das Tischlerhandwerk zu ergreifen. Darum ging er, den damaligen Gepflogenheiten folgend, auf die Wanderschaft. Sein Ziel war Petersburg, denn dort lebte ein Onkel Keils als Tischlermeister.
Am 7. Mai 1821 begab er sich gemeinsam mit einem Glauchauer Goldschmiedegesellen auf die Fußwanderung nach Lübeck. Von dort ging die Reise per Schiff weiter. Bei seinem Onkel eingetroffen, zeigte sich aber bald, dass er für die Hobelbank noch zu klein und zu schwach war. Darum beschloss der Onkel, ihn abermals auf die Schulbank zu setzen. Zunächst, um Russisch und Französisch zu lernen.
Hier in der deutschen Petrischule zu Petersburg zeichnete er sich aber durch Fleiß und Begabung so aus, dass er, dank der kräftigen Unterstützung durch die Kaiserin Maria Feodorowna (sie war die Schwester Wilhelms I.) zuerst in der deutsch-russischen Universität Dorpat und später in Berlin Theologie studieren durfte.
Sowohl in Dorpat wie in Berlin fand er Männer, durch die er zum lebendigen Glauben kam, und deren väterlicher Freundschaft er viel zu verdanken hatte. In Berlin war es besonders Ernst Wilhelm Hengstenberg, der ihm zu jenem konservativ-bibeltreuen Standpunkt verhalf, den Keil als Christ wie als Wissenschaftler bis zu seinem Lebensende vertrat. Gelegentlich redigierte er dessen einflussreiche, aber auch heftig befeindete "Evangelische Kirchenzeitung".
Alexander von Humboldt bemühte sich vergeblich, den jungen hochbegabten Gelehrten für die Orientalistik zu gewinnen. Keil folgte 1833 einem Ruf an die theologische Fakultät nach Dorpat. Dort wirkte er 25 Jahre lang als ein beliebter Lehrer der alt- und neutestamentlichen Exegese, sowie der orientalischen Sprachen. 1859 begab er sich dann nach Leipzig. Hier wurden ihm nahezu volle dreißig weitere Lebensjahre geschenkt, in denen er bei bester körperlicher und geistiger Frische als Privatgelehrter weiterarbeitete. Zugleich nahm er auch am praktischen kirchlichen Leben regen Anteil. Vor allem hatte er ein Herz für die Aufgaben der Mission. In dieser Zeit nahm er auch das Hauptwerk seines Lebens in Angriff, den gemeinsam mit seinem Freund Franz Delitzsch herausgegebenen "Biblischen Kommentar über das Alte Testament".
Keils Schriften sind noch heute ein Gewinn für einen jeden Christen, der ernsthaft an einer bibeltreuen und zugleich wissenschaftlichen Auslegung der Heiligen Schrift interessiert ist. "Er war", so sagt Franz Delitzsch, "ein langsam und bedächtig sich fortbewegender Forscher, nicht phantastisch, aber umso verständiger und verständlicher, nicht geistreich, aber umso gesünder in der Lehre und der Bezauberung durch blendende Theorien unzugänglich."
Unter seinen Schriften sind besonders zu erwähnen seine "Einleitung in die kanonischen und apokryphischen Schriften des Alten Testaments", die auch nach Gleason Archers "Einleitung" (Bad Liebenzell, 1987) noch nicht überflüssig wird; ferner "Biblische Archäologie" und dann natürlich die stattliche Reihe seiner Kommentare zu den einzelnen biblischen Büchern. Außer Jesaja, Prediger, Hohelied, Psalmen, Sprüche und Hiob, die Franz Delitzsch bearbeitete, schuf Keil in ungemein fleißiger Arbeit die Kommentare zu allen anderen alttestamentlichen Büchern. Auch I. und II. Makkabäer, alle vier Evangelien, die Petrus- und Judasbriefe und der Hebräerbrief sind von ihm kommentiert.
Keils Ideal von theologischer Arbeit war ein vom Glauben beherrschtes, aber gleichwohl mit allen Mitteln historischer und philologischer Wissenschaft ausgerüstetes Streben nach einem vollen Verständnis der biblischen Texte. So ist denn auch das Charakteristische an Keils Kommentaren die scharfe und entschiedene Betonung des Gotteswortcharakters aller Teile des Kanons, bei gleichzeitiger Zurückweisung der kritischen Hypothesen.
Antworten auf neuere Fragestellungen kann man in diesen Kommentaren natürlich noch nicht finden. Dennoch werden sie als eine noch immer erfrischende Quelle der uns von Gott geschenkten Schriftwahrheit empfunden. Die Erläuterung bleibt nicht einfach im Historischen und Altphilologischen hängen. Stets wird dem interessierten Leser auch die Tür zu Bibelstunde und Predigt aufgetan.
Franz Delitzsch bemerkt im Vorwort zu Keils "Kleinen Propheten" (3. Aufl. 1888), er habe aus dem Munde wissenschaftlich weiterarbeitender Geistlicher öfter gehört, dass sie Keils Kommentare allen anderen, auch den seinigen, vorziehen würden. Diesem Satz werden auch heute noch viele zustimmen wollen. Dem Theologischen Verlag Rolf Brockhaus/ Wuppertal ist jedenfalls zu danken, dass er durch die Neuherausgabe der Kommentare von Keil/ Delitzsch einem weiteren Kreis von Interessenten in unserer Zeit den Zugang zu diesen wertvollen Büchern wieder ermöglicht hat.
Schließlich möchte ich mit Dankbarkeit bekennen, dass Keils Jeremiakommentar vor Jahren das von Gott benutzte Mittel war, um mir aus einer tiefen geistlichen Krise, die ich damals durch die Beschäftigung mit moderner historisch-kritischer Einleitungsliteratur geriet, wieder herauszuhelfen. Gern erinnere ich daher an diesen gesegneten Ausleger der Heiligen Schrift. Wenn Gott unserer kaputten und glaubenslosen Zeit doch noch etliche solcher Bibelgelehrter schenken möchte!