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1999-2
| Editorial |
Mit diesem Aufsatz setzen wir die Reihe von Artikeln über Fragen und Prinzipien der Übersetzung von biblischen Texten aus Heft 3/98 ("Originaltreue und die sogenannte Dabhar-Übersetzung") und 1/99 ("Der Eigenname Gottes in Bibelübersetzungen") fort. KHV
Hinter diesem vielleicht etwas fremd anmutenden, im zweiten Teil suspekt klingenden Thema verbergen sich fast alle Fragen, die uns im Zusammenhang mit Bibelübersetzungen immer wieder beschäftigen, gleichgültig, ob als Bibelleser oder als solche, die an dem komplexen Vorgang der Übersetzung eines Bibeltextes direkt beteiligt sind. Zunächst möchte ich deshalb die Fragen, um die es im Grunde immer geht, klar in den Raum stellen:
Aber bevor man einen Katalog von Anforderungen aufstellt, an dem man Bibelübersetzungen zu messen beansprucht, täte man gut, sich über die Frage, was Übersetzung eigentlich ist, aus der Sicht der biblischen Offenbarung selbst ein paar Gedanken zu machen. Dies läge umso näher, als es uns ja vorrangig um die Übersetzung der Bibel geht. Viele Missverständnisse entstehen deshalb, weil wir uns nie klar gemacht haben, was Übersetzung eigentlich ist.
Lassen Sie mich auf das Wortspiel vom ÜberSETZEN und ÜBERsetzen zurückgreifen. Es vergleicht den Vorgang des Übersetzens mit dem des ÜBERsetzens von einem Ufer zum anderen. Der ausgangssprachliche Text wäre das eine Ufer, der zielsprachliche Text das andere, und was dazwischen liegt - nun das ist eben das Betätigungsfeld des Übersetzers. Der Übersetzer ist dann der Bootsführer, der den Fluss, seine Untiefen und Stromschnellen und sonstigen Gefahren kennt und seine Kunden sicher daran vorbei ans Ziel, nämlich ans andere Ufer, führt. Aber was ist, bezogen auf den Übersetzungsvorgang, das "andere Ufer"?
Man könnte hier kritisch anmerken: Viele, vielleicht die meisten "Übersetzungen" landen gar nicht auf der anderen Seite. Sie tun nur den halben Job und lassen die andere Hälfte dem Adressaten, dem Empfänger. Die Übersetzer sind dann wie Bootsführer, die ihre Fahrgäste mitten in den Strom führen und sie dann der Strömung überlassen.
Wie weit geht die Verantwortung des Übersetzers? Vom Bootsführer wird erwartet, dass er seine Fahrgäste nicht nur vom Herkunftsufer wegführt, sondern sich versichert, dass sie auch drüben ankommen und zwar genau an der richtigen Stelle. Dafür wird er bezahlt.
Das Bild deutet an, worum es in der Frage nach der impliziten Information in der Bibel geht. Wie weit muss eine Übersetzung, die diesen Namen verdient, der impliziten Information Rechnung tragen?
Freilich darf auch die Gefahr nicht verschwiegen werden, dass der Übersetzer/ÜBERsetzer die Grenzen seiner Verantwortung überschreitet. Dem am anderen Ufer an der richtigen Stelle Abgesetzten steht unter Umständen mehr als ein Weg offen, auf dem er von dort weitergehen kann. Auch das gemeinsame Grundverständnis der biblischen Texte, von dem wir ausgehen, lässt ja der Auslegung im einzelnen noch einen sehr großen Spielraum. Damit sei grundsätzlich auf die nicht immer leicht zu erkennende Grenze zwischen Übersetzung und Auslegung hingewiesen. Im Bild gesprochen: Der ÜBERsetzer steht dann in Gefahr, die Grenzen seiner Zuständigkeit zu überschreiten, wenn er gewissermaßen den Fahrgästen vorschreiben will, in welche Richtung sie nach der Überfahrt ihre Reise fortsetzen müssen.
| Das Vertrauen ist für die Akzeptanz einer Bibelübersetzung entscheidend |
Wir haben uns daran gewöhnt, über die Problematik der Übersetzungsmethode mit Hilfe eines bestimmten Vokabulars zu reden, das genau so übersetzungsbedürftig ist, wie das, wovon sie handeln: Auf der einen Seite verwenden wir zwei Gruppen von Gegensatzpaaren, zum einen wörtlich oder kommunikativ, formal oder dynamisch, streng wörtlich oder idiomatisch; auf der anderen Seite die Gegensatzpaare Übersetzung oder Übertragung bzw. Paraphrase. Diese zwei Arten von Begriffspaaren werden oft so verwendet, als ob sie beliebig austauschbar wären; in Wirklichkeit beziehen sie sich aber nicht auf dasselbe. Die erste Gruppe von Gegensätzen hat mehr mit der Methode zu tun, die zweite mehr mit dem Ergebnis.
Aber Methode und Ziel sind natürlich untrennbar aufeinander bezogen. Das Ziel bestimmt die Methode, und die Methode bestimmt das Ergebnis. Deshalb müssen wir uns, bevor wir von der Methode sprechen, nochmals klar werden darüber, welches das wichtigste Ziel einer Übersetzung ist. Soll sie einfach den Wortlaut des Originals in der Zielsprache möglichst getreu abbilden, bzw. den Hörer oder Leser möglichst nahe an diesen Wortlaut heranführen? Wozu dann aber überhaupt übersetzen? Oder geht es darum, dem Leser oder Hörer, der keinen unmittelbaren Zugang zum Original hat, in erster Linie dessen Bedeutung zu vermitteln? Falls ein Konflikt zwischen diesen beiden Zielsetzungen entsteht, welche der beiden hat Vorrang?
Es besteht kein Zweifel, dass zumindest in der literarischen Prosaübersetzung im Konfliktfall die Vermittlung der intendierten Bedeutung den Vorrang hat. Kein Buch, das mit kommerziellen Absichten aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wird, könnte ohne Beachtung dieses Grundsatzes verkauft werden.
Sprachliche Alltagstheorien wollen alle Bedeutung am Wortlaut allein festmachen. Aber keine Übersetzung funktioniert so. Kein Buch, das so übersetzt wird, könnte verkauft werden. Ein Wechsel der Perspektive hilft hier weiter: Nehmen wir den Empfänger als Fixpunkt, dann lässt sich dieselbe Frage anders formulieren: Kommt das hinüber, was hinüber kommen soll?
| Kommunikat = Explikat + Implikat |
| Soll eine Übersetzung den Wortlaut des Originals oder seine Bedeutung vermitteln? |
Zum Beispiel sage ich jemand, der in die Ferien fährt: "Schreib mal!" Ich hätte auch sagen können: "Schreib mir einmal einen Brief!" Das ginge auch noch. "Schreib mir einmal einen Brief, tue ihn in ein Kuvert, klebe es zu, bringe ihn zur Post und schicke ihn mir." All das ist gemeint, aber in den allermeisten Fällen, würde der so Angesprochene sich zumindest wundern, für wen ihn der Gesprächspartner eigentlich hält.
Nebenbei gesagt: Sprachen haben sehr unterschiedliche Regeln hinsichtlich dessen, was im Normalfall ausdrücklich gemacht werden muss und was nicht. In vielen westafrikanischen Sprachen müsste die obige Aufforderung unbedingt lauten: "Wenn du dort angekommen bist, schreib einen Brief, nimm und sende (ihn) für mich."
So ist es auch mit dem Griechischen, z.B. mit essen und trinken. Lukas 14,15: das Brot essen im Reich Gottes. Schon in Lukas 14,1 heißt es, dass ein Pharisäer Jesus eingeladen habe, bei ihm Brot zu essen. "Welche Unverschämtheit!" würden wir sagen. Und - isst man im Reich Gottes wirklich nur Brot? Es ist klar, dass es sich hier ganz einfach um eine Einladung zu einem Essen, und zwar wahrscheinlich zu einem guten, reichhaltigen Essen handelt. Natürlich spielt hier außer dem Bedürfnis, das Objekt der Tätigkeit "essen" mit auszudrücken, auch die synekdochetische[2] Verwendung des griechischen Wortes "Brot" für Nahrung schlechthin mit eine Rolle. Der Übersetzer muss alles gleichzeitig berücksichtigen. Ähnlich verhält es sich mit den entsprechenden Ausdrücken für das Trinken. Zwei Beispiele: (1) "Er trinkt." (2) "Er trinkt Wein."
| Wer wörtlich übersetzt, riskiert, ein "falsches Zeugnis" abzulegen |
"Berauscht euch nicht mit Wein!", übersetzt die Einheitsübersetzung Eph 5,18. Man würde im Deutschen normalerweise fortfahren: "sondern lieber mit ..." Genauer wäre hier so etwas wie: "Betrinkt euch nicht!" Was in solchen Fällen mit der wörtlichen Wiedergabe des Grundtextes verletzt wird, ist die sogenannte Quantitätsmaxime. Der Hörer oder Leser erwartet, dass gerade das, und nicht mehr, ausgedrückt wird, was seinen Sprachgewohnheiten entsprechend zum Verständnis der Sache notwendig ist.
Meine Frau meinte kürzlich zu diesem Thema: "Der Übersetzer sollte nicht meinen, dem Leser oder Hörer die Arbeit der Verständnissicherung dort abnehmen zu müssen, wo dieser selbst sie natürlicherweise tun würde. Indem der Übersetzer alles detailliert expliziert, verringert er damit den Arbeitsaufwand des Hörers/Lesers nicht, sondern verdoppelt ihn, denn der Hörer/Leser muss aus der überexplizierten Version wieder eine natürlich kohärente Version herstellen."[3]
Das Problem mit der maschinellen Kommunikation ist genau das: die Maschine versteht nur, was explizit ausgedrückt ist. Es wäre doch schön, wenn mein PC eines Tages ausrufen würde: "Ach so hast du das gemeint!" Doch so weit wird auch die modernste Computertechnik nie kommen. Wahre menschliche Kommunikation funktioniert eben gerade nicht so wie der Computer, sondern sie funktioniert nur richtig unter dem Vorzeichen des Zusammenspiels von Explikat und Implikat. Es besteht kein Grund, anzunehmen, dass es sich mit dem biblischen Grundtext anders verhält.
Jeder biblische Text ist in einer bestimmten Kommunikationssituation entstanden und damit auf den Wissens- und Verstehenshintergrund einer Erstadressatengruppe ausgerichtet. Dabei bleibt vieles implizit. Der erste Korintherbrief ist besonders reich an Auslegungsfragen, die sich aus implizit enthaltener Information ergeben. Dieser Brief ist in der direkten Auseinandersetzung mit gewissen in der Gemeinde herrschenden Auffassungen entstanden. Die Erstadressaten wussten natürlich, wovon Paulus sprach, als er in 1Kor 6,12 die Meinung zitierte: "Alles ist erlaubt." Für uns ist es nötig, deutlich zu markieren, wie es neuere Übersetzungen meist tun, dass das nicht die Lehre des Paulus ist, sondern eine bei Christen in Korinth zirkulierende Meinung, die er aufgreift, um ihr ein anderes Prinzip entgegenzuhalten: "Nicht alles ist nützlich." Gleich ein paar Sätze weiter folgt die Aussage über den Bauch und die Speisen. Hier hilft es natürlich, etwas über den gnostischen Dualismus zu wissen, der mit der Geringschätzung des Leibes die sexuelle Sünde verbinden konnte und damit sogar rechtfertigte.
| Was berechtigt den Übersetzer, den biblischen Wortlaut um entsprechende Hinweise zu erweitern? |
Man unterscheidet deshalb zwischen konventionellen und konversationellen Implikaten.
A: "Warst du auch im Gottesdienst gestern?" B: "Ja, natürlich." A: "Ich nicht."
Warum ist die letzte Äußerung von A unstimmig? A hatte doch gar nicht behauptet, er sei im Gottesdienst gewesen! Er hat es aber zu verstehen gegeben, ohne es zu behaupten. Anders gesagt, es folgt aus einer konventionellen Implikatur, die mit dem Wörtlein auch verbunden ist, dass B verstehen muss, A sei im Gottesdienst gewesen, ohne dass dies von A ausdrücklich in Worte gefasst wird. Der Unterschied zwischen den beiden Äußerungen "Warst du im Gottesdienst?" und "Warst du auch im Gottesdienst?" liegt nicht in dem, was sie explizit aussagen, sondern in dem, was sie implizieren.
| Kommunikat = ((Präsupposition * Explikat) =< implikat) |
Präsuppositionen sind Vorstellungen, Annahmen, Wissen, die für den Adressaten selbstverständlich sind und die der Autor oder Sprecher deshalb beim Adressaten voraussetzt. Aus der Verbindung des Wortlauts des Textes mit den Präsuppositionen ergibt sich für den Adressaten die Bedeutung des Textes. Auch das ist eine allgemeine Gesetzmäßigkeit der Verwendung von Sprache.
| Erst die Verbindung von Wortlaut und Vorwissen ergibt die Bedeutung |
Es gibt aber auch weniger direkt ableitbare Präsuppositionen. Diese sind meist ganz außerordentlich wirksam. Zum Beispiel setzt die ganze Bibel den Satz voraus: "Gott existiert", obwohl er in dieser Form einer lehrhaften Aussage nirgendwo vorkommt. Ich vermute, dass das ein Grund ist, warum manche Leute die Bibel scheuen. Unterschiedliche Präsuppositionen können also für die Übersetzung sehr relevant sein.
Gott verwirrte die Sprache der Menschen (1Mo 11,7). Wenige Abschnitte vorher lesen wir, dass die Erde - gemeint ist offensichtlich die Menschheit - sich teilte. Gott verwirrte die Sprache der Menschen. Es heißt nicht: Er teilte sie. Hinter der Verschiedenheit der Sprachen steht ein Prinzip der Inkompatibilität, das die Verständigung nicht nur erschweren, sondern verunmöglichen sollte, ein Prinzip, das wir eigentlich lieber nicht wahrhaben möchten. Ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung: "Lasst uns herab fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass sie einer des anderen Sprache nicht mehr verstehen" (1Mo 11,7).
Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt: Es geht darum, vom Kode-Modell Abschied zu nehmen, das unserer technisierten Kommunikation, ja unserem technologisch-mechanistischen Verständnis von Kommunikation als Informationsvermittlung zugrundeliegt. Das Modell, das der technologischen Revolution der Kommunikation in den letzten 50 Jahren zugrundeliegt, stammt von Shannon und Weaver:
Fig. 1. Das lineare Kommunikations-Modell von Shannon und Weaver (1949)
Die Art und Weise, wie mit Hilfe der menschlichen Sprache Sachverhalte und Inhalte vermittelt werden, läßt sich nicht mit der Funktionsweise des Kodes im Shannon/Weaverschen Modell gleichsetzen. Wenn der Verstehensprozess nicht mehr wäre als Dekodierung, wäre z.B. Übersetzen ein Kinderspiel - reduzierbar auf die Ersetzung eines Originalkodes durch einen korrespondierenden Zweitkode. Wie unzulänglich das naive Transkodierungsmodell ist, läßt sich zum Ärger oder Amüsement des Benutzers oft schon an mehrsprachigen Publikumshinweisen ablesen. In ihrer ganzen Vielschichtigkeit wird diese Problematik in der aktuellen Diskussion um die zeitgemäße Sprache der Bibelübersetzung exemplarisch deutlich.[4] Aber selbst wenn man vom Sonderfall der Übersetzung absieht, muß man, um selbst die einfachste, alltäglichste Äußerung so zu verstehen, wie sie vom Sprecher gemeint ist, im allgemeinen mehr wissen, als der Kode - oder das Wörterbuch - hergibt. Wenn ich mit jemand ins Gespräch vertieft bin und er mir unvermittelt sagt: "Um 20 Uhr fährt mein Zug", würde ich das normalerweise als höflichen Hinweis interpretieren, daß er das Gespräch zu beenden wünscht - obwohl er davon eigentlich gar nichts gesagt hat. Die Dekodierung der Äußerung als Fahrplaninformation, obwohl dem Wortlaut gemäß korrekt, würde mein Gegenüber mir als kommunikative Inkompetenz anlasten. Die der Absicht des Senders gemäße Interpretation setzt ein bei genauem Zusehen komplexes Zusammenspiel von "Kode-Wissen" und implizitem, nicht aus dem Wortlaut des Gesagten ableitbarem Wissen voraus.
| Mehrdeutigkeit ist Voraussetzung für die grenzenlose Verwendbarkeit der Sprache |
Jene Kapitel der Bibel zeigen aus der Vogelschau, wie von einem einheitlichen Ursprung her die Vielzahl und Verschiedenheit der Völker entstanden ist. Es ist - insgesamt gesehen - in gewissem Sinn ein organischer, natürlicher Prozess.
| Zu unserem Schaden verharmlosen wir den Fall von Babel |
| Es war Gottes Wille, die direkte Wort-für-Wort- Übersetzung unmöglich zu machen |
Deshalb können wir nicht einfach den Finger auf den griechischen Text legen und sagen: Hier steht es so, und dann den Finger auf den deutschen Text legen und sagen: "Aber hier steht es so! Und warum habt Ihr ... ? Und warum tut Ihr ... ?" Wenn wir Übersetzungen auf diese Weise beurteilen, dann sagen wir nicht etwas über die Übersetzung aus, sondern über unseren eigenen Dilettantismus, indem wir an Stelle der biblischen Aussage über die Verschiedenheit der Sprachen unsere eigene Wunschvorstellung von der Bewahrung der direkten Transkodierbarkeit der Sprachen setzen. Damit zeigen wir, dass wir die Aussage der Bibel über Babel gar nicht ernst nehmen.
| Wer 1:1 übersetzen will, nimmt die Aussage der Bibel nicht ernst |
Die Bibel enthält viele Hinweise über ihre Entstehung. Wir sehen daraus sehr deutlich, dass sie, im Gegensatz zur muslimischen Auffassung von der Entstehung des Korans, kein vom Himmel gefallenes Buch ist, sondern unter den Bedingungen der normalen menschlichen Kommunikation ihre besondere von Gott gegebene Qualität erhielt.
Gerade weil der Wortlaut inspiriert ist, wie wir glauben, sind die Übersetzer gehalten, dem Sinn ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Nun ist Sinn, Bedeutung, etwas Komplexes. Ich erinnere nochmals an das Schema:
| Kommunikat = Explikat + Implikat |
| Auch die Implikate sind von der Sprachverwirrung erfasst worden |
| Gerade weil der Wortlaut inspiriert ist, müssen die Übersetzer dem Sinn die volle Aufmerksamkeit widmen |
Ich sehe eine geschichtliche Bestätigung dieses unmodernen Glaubens in der einzigartigen Überlieferungsgeschichte des biblischen Textes, die sich zum Teil als Folge des besonderen Umgangs mit heiligen Texten erklären lässt.
| Die Übersetzung kann niemals beanspruchen, selbst der "inspirierte Text" zu sein |
Die Sprache, der Grundton, wird dem potentiellen Leser mitteilen, ob das etwas für ihn ist oder nicht. Kaum ein Leser hat Interesse für einen Text in der Sprache seiner Ururgroßväter.
Für wen übersetzen wir: Für unsere Großeltern oder für unsere Enkel? Wenn wir so übersetzen, dass unsere Kinder daran Freude haben und fragen: Papi, wann liest Du wieder aus der NGÜ vor, dann haben wir gute Chancen, dass wir in der Linie der Apostelgeschichte (Kap. 2,39) liegen: "Die Verheißung ist für euch und eure Kinder und alle, die fern sind." Noch schärfer gefragt: Soll unsere Übersetzung den Toten dienen oder den Lebenden?
| Soll unsere Übersetzung den Toten dienen oder den Lebenden? |
| Aufgabe des Übersetzers ist es, sprachliche Verständnishürden abzubauen und nicht aufzubauen |
Luther musste sich gegen heftige Vorwürfe verteidigen, er habe das Wörtlein "allein" zum biblischen Text hinzu gedichtet und darauf die gesamte reformatorische Rechtfertigungslehre gegründet.
Zur Rechtfertigung seiner Übersetzung lässt Luther in seiner Schrift Sendschreiben vom Dolmetscher den Leser die ihr zugrunde liegende Argumentationsweise des Paulus Schritt für Schritt nachvollziehen: Mit Gott in Ordnung kommen via x. X bezeichnet den Weg, den der Mensch beschreiten muss, um mit Gott in Ordnung zu kommen.
Unterstellte Meinung: via nomos (d.h. dieser Weg ist das Gesetz).
Wahrer Sachverhalt, nach Paulus: via fides (d.h. dieser Weg ist der Glaube).
Fides ersetzt Nomos. Allein bezieht sich auf diesen im Griechischen impliziten Vorgang der Ersetzung eines Begriffs durch einen anderen, den das damalige Deutsche gern - so Luthers Begründung - explizit machte.
Inzwischen - das macht die Sache für uns schwierig - hat das Wort einen Bedeutungswandel durchgemacht. Allein hat in der Version der Lutherbibel von 1984 oder auch in der englischen Good News Bible ("only through faith") ein anderes Implikat als das, das Luther laut seinem eigenen Kommentar meinte. Diese Übersetzungen halten also an Luthers Wortlaut fest, aber nicht an seiner Intention!
Das heißt, das sola fides "der Glaube allein" gehört für Luther gar nicht zum Text, sondern zu der der Übersetzung nachgelagerten Exegese! Hier liegt methodisch gesehen der entscheidende, auch heute dringend zu beachtende, nicht immer leicht zu respektierende Unterschied.
Eindrückliche Beispiele für diese Problematik sind etwa die unterschiedliche Wiedergabe der Ausnahmeklausel in Matthäus 5 (Matthäus 5, 32) und des "Engels der Gemeinde" in den Sendschreiben der Offenbarung. Die Exegese ist ein Tummelfeld oft sehr gegensätzlicher Auffassungen. Soll und muss sich der Übersetzer damit einlassen? Gibt es eine klare Trennlinie zwischen der Exegesearbeit[6] *die dem Übersetzungstext vorgeordnet und derjenigen, die dem Übersetzungstext zwingend nachgeordnet ist?
| Die Flucht in die Scheinsicherheit und den Stumpfsinn der Wortwörtlichkeit ist keine Lösung |
Es bleibt die Frage der Akzeptanz für Gemeinde und Welt. Hier ist die Abkehr von der traditionellen Bibelsprachlichkeit ein guter Weg. Es wäre noch die Frage der Fremdwörter-Akzeptanz zu stellen. Weder in der französischen noch in der englischen Bibelübersetzungs-Tradition gibt es dieses radikale Tabu. Nur in deutschen Bibelübersetzungen werden sonst völlig eingebürgerte Fremdwörter wie "intelligent", "normal" usw. vom Gebrauch im Bibeltext ausgeschlossen.
Ich fasse kurz zusammen. Bibelübersetzung ist keine einfache Sache. Ich habe vier Prinzipien genannt, an denen sich diese Aufgabe orientieren muss: 1. Die Inspiration des biblischen Textes, 2. das babylonische Prinzip, das der Verschiedenheit der Sprachen zugrunde liegt und dem gegenüber sich das Ideal der unmittelbaren Übersetzbarkeit als Trugbild und das Kriterium der möglichst großen Wörtlichkeit als untauglicher Maßstab der "Bibeltreue" erweist, 3. das Prinzip der Verständlichkeit und schließlich 4. das der Adressatenorientiertheit.
Ich wollte zeigen, dass man nicht das eine behalten und das andere weglassen kann, sondern dass diese Prinzipien eine nüchterne Sicht darstellen, wie sie die Bibel in Aussagen über sich selbst und hinsichtlich der menschlichen Sprachen, ihrer Verschiedenheit und ihrer Funktionsweise vertritt. Wir fahren sicher nicht schlecht, wenn wir bereit sind, unsere hergebrachten Vorstellungen über die Übersetzung der Bibel an diesen Prinzipien zu messen und zu korrigieren.
Für die Methode der Bibelübersetzung folgt aus den genannten Prinzipien:
| Die wahre Demut vor dem Text ist nicht die sklavische Buchstabentreue, sondern die gründliche exegetische und linguistische Arbeit am Text |
Zum Schluss ein Wunsch: Wir sind inzwischen Großeltern geworden. Ich möchte meiner kleinen Enkeltochter, wenn sie anfängt zu lesen, das Neue Testament der Neuen Genfer Übersetzung schenken können.