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1998-4
| Buchbesprechungen |
Klaus Berger, Im Anfang war Johannes. Datierung und Theologie des vierten Evangeliums. Stuttgart: Quell, 1997. 312 S. DM 48,--
Das Mißverständnis, Berger könnte vielleicht tatsächlich evangelikal sein oder auch nur mit dieser Richtung sympatisieren, wird durch die Lektüre seiner Bücher umgehend ausgeräumt. In einer Hinsicht berührt sich sein Anliegen aber mit dem der Evangelikalen. Er betrachtet es als eines seiner Hauptanliegen, für "wirkliche Neuerungen in der Exegese" zu arbeiten, die das Johannesevangelium letztlich "ungenießbar gemacht" habe (9). Aus dieser Motivation heraus unternimmt Berger es, in vielen seiner Publikationen weithin anerkannten Ergebnissen der modernen Bibelwissenschaft radikal zu widersprechen. Die entscheidende Voraussetzung, die ein deutscher Neutestamentler dafür braucht, besteht darin, "daß er vor nichts Irdischem mehr Angst hat" (9).
Worum geht es im Buch über das Johannesevangelium? Berger möchte einer breiten Forschungsmehrheit zum Trotz zeigen, daß das Jesusbild des Johannesevangeliums dem synoptischen historisch gleichwertig ist (12.292). Zu diesem Zweck entwickelt er einerseits eine neue Antwort auf die klassischen Einleitungsfragen (54-127) und ordnet andererseits die johannische Theologie in den Gesamtverlauf der urchristlichen Theologiegeschichte ein (128-258). Nebenbei bezeichnet Berger manche vertraute Fragestellung der neutestamentlichen Forschung als sinnlos bzw. unbeantwortbar. So erklärt er eine literarkritische Analyse des Johannesevangeliums für undurchführbar (29) und wiederholt seine schon mehrfach geäußerte Meinung, eine Unterscheidung zwischen dem echten und unechten Jesusgut der Evangelien sei grundsätzlich unmöglich, da die bekannten Authentizitätskriterien sich allesamt als unzureichend erwiesen hätten. Die einzige Möglichkeit bestehe darin, zur Rekonstruktion des Lebens Jesu alles aus dem ersten Jahrhundert stammende Quellenmaterial, auch das außerkanonische, heranzuziehen (37.40-41.292). In diesem Zusammenhang versäumt Berger es nicht, sich in aller Deutlichkeit von den betreffenden Forschungsergebnissen seines Heidelberger Kollegen Gerd Theissen zu distanzieren (41-45.49).
Zu welchen positiven Ergebnissen gelangt Berger im einzelnen? Seiner Ansicht nach ist das Johannesevangelium Ende der 60er Jahre des ersten Jahrhunderts entstanden (11). Dafür spreche, daß einerseits die im Jahre 70 erfolgte Tempelzerstörung nicht erwähnt werde, während die gegen eine Frühdatierung angeführten Argumente (z. B. Joh 21,15-23) sich nicht als stichhaltig erwiesen (79-95). Das scheint mir nicht unmöglich, solange man berücksichtigt, daß unseren ältesten Quellen zufolge das Johannesevangelium nach den in den 60er Jahren verfaßten synoptischen Evangelien verfaßt wurde (vgl. JETh 11 [1997] 77-92), was Berger bestreitet. Auffälliger ist, daß Berger im Apostel Andreas den Lieblingsjünger des Johannesevangeliums erkennt und seinen Verfasser nicht nur aus Alexandrien stammen läßt, sondern (vorsichtig) für eine Identifizierung mit Philippus plädiert (54-127). Der Titel seines Buches könnte also zutreffender lauten: Im Anfang war Philippus. Als Gründe für diese meines Wissens singuläre Position nennt Berger neben der frühen ägyptischen Bezeugung des Evangeliums durch den Papyrus 52 unter anderem seinen urbanen Charakter, religionsgeschichtliche Anklänge an alexandrinische Autoren und Gruppen wie Philo und die Hermetik sowie die Erwähnung der Diasporajuden in 11,52. Mich haben diese Argumente nicht überzeugt. Viel schwerer wiegen aber die Gegenargumente, auf die Berger mit keiner Silbe eingeht. Sämtliche altkirchliche Nachrichten stimmen ausnahmslos darin überein, daß der Verfasser des vierten Evangeliums aus Palästina stammte, ein Apostel Jesu war, den Namen Johannes trug und sein Evangelium in Ephesus verfaßt hat. Berger hat sorgfältig darauf verzichtet, seine (mit der altkirchlichen Literatur teilweise nicht vertrauten) Leser auch nur auf eine einzige dieser Quellenangaben hinzuweisen oder diesen Verzicht wenigstens zu begründen.
Auf der Ebene der Sekundärliteratur entspricht diesem Mangel, daß weder die mehrseitige Bibliographie, noch die Fußnoten den geringsten Hinweis auf Martin Hengels grundlegendes Werk über Die johanneische Frage enthalten, in dem die verfügbaren Quellen in aller Gründlichkeit diskutiert werden. Es ist ganz und gar unvorstellbar, daß ein so versierter Forscher wie Berger die altkirchlichen Primärquellen und die wichtigste Sekundärliteratur nicht kennt. Aber natürlich wäre es ziemlich mühsam, in direkter Konfrontation mit der historischen Evidenz an der Zuschreibung des Johannesevangeliums an einen Alexandriner (names Philippus) festzuhalten.
Was kann man von Berger für die Erneuerung der Exegese lernen? Daß man den Mut zum Widerspruch haben muß. Und daß der Hebel an den richtigen Stellen angesetzt werden muß.
Stephan Holthaus. Trends 2000 - Der Zeitgeist und die Christen. Basel: Brunnen-Verlag, 2. Aufl. 1998, 220 S. 26.80 DM/sFr, ISBN 3-7655-1141-2.
Dr. Stephan Holthaus, Dekan an der FTA und Dozent für Kirchengeschichte und Konfessionskunde analysiert zwar die moderne Kultur und ihren Einfluß auf die Christen und zieht dabei auch neueste Untersuchungen von Soziologie und Trendforschung zu Rate, aber er bleibt dort nicht stehen.
Wer die pointiert geschilderten Trends der postmodernen Gesellschaft in jedem der neun Kapitel auf sich wirken läßt und ihren Einfluß auf die evangelikale Christenheit gezeigt bekommt, fühlt sich freilich nicht besonders "erbaut". Stichworte wie Pluralismus und Relativismus, Selbstverliebtheit und Werteverfall, Genußsucht und Technisierung, Informationsüberflutung, Harmoniesucht und Erlebnisbesessenheit machen deutlich, wohin es geht.
Doch der Verfasser versucht in jedem Kapitel von der Bibel her zu zeigen, wo und wie man den gesellschaftlichen und den von da beeinflußten gemeindlichen Trends entgegensteuern müßte: Wahrheit gegen Relativismus, Gemeinschaft statt Individualismus, Biblisches Ethos gegen Moralrevolution, Verzicht statt Konsum, Christusorientierung statt Erlebnisorientierung.
Stephan Holthaus zeigt deutlich, daß die Antwort auf die postmoderne Welt gerade nicht in der von vielen Christen propagierten Absonderung und dem Rückzug in eine eigene Subkultur besteht, denn dieser Weg kann einerseits gar nicht konsequent durchgehalten werden und ist andererseits sogar selbst Teil der modernen Lebenskultur. "Nach außen poliert man die fromme Fassade, innen schlägt man sich jedoch die Köpfe ein. Sonntags spricht man die Sprache Kanaans, montags die Sprache der Gosse." (S. 100)
Selbstverständlich aber kann eine Anpassung an den Zeitgeist auch nicht die Antwort sein, obwohl große Teile des Protestantismus genau in diese Richtung marschieren. Aber wer das versucht, muß die Schrift relativieren und ihre Wahrheiten verleugnen. Holthaus schlägt einen dritten Weg vor, den er "konstruktive Ablehnung" nennt. Er selbst hält ihn zwar für nicht ungefährlich, sieht darin aber die einzige Möglichkeit, der Moderne zu begegnen und nicht durch Passivität oder Fatalismus schuldig zu werden. Weiterhin rät er, unbedingt die von der Bibel geforderten Verhaltensweisen im Blick auf unsere Mitmenschen zusammen mit Gelassenheit und Gottvertrauen neu einzuüben.
Der Spagat zwischen einer sorgfältigen Zeitanalyse und einem Aufruf zu einer biblisch orientierten Gegenkultur scheint dem Verfasser gelungen zu sein, wenn er auch an Vorschlägen nicht mehr bringen kann, als Christen, die sich wirklich an der Bibel orientierten, schon immer bekannt waren. Andererseits müssen wir die Trends dieser Welt (auch die in der frommen Welt) kennen, damit wir auf dem Fundament der Heiligen Schrift Alternativen für die Praxis unseres Glaubens anbieten können.
Rick Warren. Der Zweck heiligt die Kirche: Gemeinde, die den Auftrag Gottes lebt. Asslar: Verlag Projektion J, 1998. 380 S. 34,80 DM. ISBN 3-89490-245-0
Dieses Buch ist randvoll mit übertragbaren Einsichten für gesundes Gemeindewachstum. Der Entwurf der Saddleback-Gemeinde hat alle Stärken des Willow-Creek-Ansatzes, führt aber in seiner Ausgewogenheit darüber hinaus. Was hier vorgestellt wird, ist das Modell einer Gemeinde für Kirchendistanzierte, die nicht in den Kinderschuhen des Glaubens stecken bleibt. Sicher wird das Buch bei manchen auch Widerspruch hervorrufen, wenn es sich für eher zeitgemäße musikalische Ausdrucksformen ausspricht. Eine Schwäche des Ansatzes von Warren ist, daß er sein Modell von Gemeinde mehr von den Evangelien her begründet, als von der Gemeindelehre der neutestamentlichen Briefe her. Dies müßte und könnte ergänzt werden. Zudem ist ab und zu die deutsche Übersetzung ärgerlich: so, wenn zum Beispiel 'Worship service' statt mit "Gottesdienst" immer wieder mit dem einseitigen Begriff "Lobpreisgottesdienst" übersetzt wird; oder auch, wenn (S.333) bzgl. der Bibel statt von der "irrtumslosen Richtlinie" (inerrant guidebook) nur von dem "unfehlbaren Leitfaden für das Leben" gesprochen wird. (Rick Warren ist ein Schüler des unermüdlichen Kämpfers für die Biblische Irrtumslosigkeit, Pastor W.A.Crisswell!).
Insgesamt verbindet Rick Warren biblisch-konservative Inhalte mit eher modernen Formen. Bleibt zu hoffen, daß man auf dem deutschen Markt nicht nur letzteres, sondern zunächst einmal ersteres aufnimmt. Sonst wird es doch wieder nur um 'Gemeindewachstum', und eben nicht um 'Gemeindegesundheit' gehen. Zweifellos wird dies für die nächsten Jahre das wichtigste Buch zum Thema des evangelistischen Gemeindeaufbaus in Deutschland werden.
Alfred Kuen. Die Frau in der Gemeinde. R. Brockhaus Verlag: Wuppertal 1988. 318 S. 34,80 DM ISBN: 3-417-21414-9
Der Autor erklärt zu Beginn seine Vorgehensweise: Er will zunächst prüfen, welchen Platz die Frau im Alten Testament, in der Welt des 1. Jahrhunderts, in den Evangelien und in der Urkirche hatte, um sich dann mit den vier Textstellen auseinanderzusetzen, die kontrovers diskutiert werden, um "daraus die für alle Zeiten gültigen Prinzipien freizulegen" (S. 19). Er ist sich dabei bewußt, daß selbst eine so wichtige Grundregel der Auslegung, nämlich unverständliche Texte im Licht von verständlichen auszulegen bei diesem Thema sehr schwierig anzuwenden ist, weil jede Partei den "verständlichen Text" verschieden auswählt.
Alfred Kuen arbeitet in seinen Büchern sehr viel mit Zitaten, die zwar seine Belesenheit dokumentieren, in der vorliegenden Schrift aber zur Klarheit wenig beitragen. Immer wieder fragt sich der Leser, ob der Verfasser wirklich der Meinung ist, die er zitiert. Dazu kommt, daß naturgemäß viele französischsprechende Autoren genannt werden, die dem interessierten Leser in Deutschland aber kaum bekannt sind. Der Verlag trägt das Seine zur (optischen) Verwirrung bei, indem er weitgehend auf Fußnoten verzichtet, angeblich, um "das Seitenende nicht mit zu vielen Fußnoten zu belasten", was keinesfalls der besseren Lesbarkeit dient. Das Schriftbild läßt streckenweise sehr zu wünschen übrig. Man vergleiche z.B. S. 41 und 70. Ein sachlicher Fehler ist auf S. 159: Dr. Werner de Boor (der auch einige Schriften im gleichen Verlag veröffentlicht hat) war kein Baptist, sondern ein Glied der Landeskirche (Kirchenrat) aus Schwerin.
Leider finden sich in diesem Buch auch inhaltlich eine ganze Anzahl Aussagen, die geeignet sind, den Leser, der eine biblisch gegründete Antwort sucht, zu verwirren. Sie sind entweder nur behauptet oder exegetisch durchaus nicht eindeutig, wie z.B. die Frage, ob es wirklich eine Apostolin Junia gegeben habe (S. 69f)[1] oder ob die Predigt mit der prophetischen Rede gleichgesetzt werden müsse und demzufolge auch Frauen diese "Freiheit" gewährt wäre (S. 111ff).
Die Grenze zur Spekulation wird überschritten, wenn z.B. Gründe aufgeführt werden, die es Jesus seinerzeit verwehrt hätten, weibliche Apostel zu benennen (S. 61) oder wenn mit Verweis auf Apg 1,14 behauptet wird, daß Frauen am Pfingsttag öffentlich weissagten (S. 91).
Am schwerwiegendsten ist wohl die Wiedergabe von 1Tim 2,12, wo Paulus einer Frau weder erlaubt zu lehren, noch über den Mann zu herrschen, was Kuen, obwohl "die Mehrzahl der griechischen Wörterbücher diese Wortbedeutung nicht aufgreift" (S. 193), dennoch in der Weise zu deuten versucht, daß Paulus den Frauen in der Gemeindeversammlung nur dann das Lehren verbietet, wenn sie es in herrschsüchtiger Art tun. Ansonsten hätte er es ihr erlaubt.[2] An dieser mit großem Aufwand erstellten Wiedergabe hängt praktisch das ganze letzte Drittel seines Buches. Aber es hängt anscheinend in der Luft.
Wiederholt zieht der Verfasser gegen den naiven Bibelleser zu Felde, dem man natürlich "keinen Vorwurf machen" darf, "wenn er weiterhin denkt, daß Paulus der Frau verbietet, in der Gemeinde zu lehren" (S. 214, vgl. auch S. 217f, 291 und vor allem S. 21ff, wo er die Folgen einer "einfachen" Methode der Schriftauslegung z.T. böse karikiert).
Man hätte sich bei diesem schwierigen und umstrittenen Thema gewünscht, daß der Verfasser deutlich zwischen klaren und sicheren Aussagen dem Bereich der Spekulation unterschieden hätte. Besonders wichtig wäre das auch bei den zeitgeschichtlichen Aussagen gewesen, die an manchen Stellen die Auslegung wesentlich beeinflussen. Wenn man sie schon eine so gewichtige Rolle spielen läßt, dann sollte man ihrer selbst wenigstens so sicher sein, daß man sich nicht nur auf andere Kommentare, sondern auf Primärtexte und eindeutig belegte Fakten stützt.
So verwirrt das Buch mehr, als daß es klärt, es verunsichert mehr, als daß es zum Vertrauen auf das Wort Gottes ermutigt.
[1] vgl. dazu Helge Stadelmann in »Bibel und Gemeinde« 3/95 S. 34.
[2] Es ist bemerkenswert, daß das Missionswerk Bibelschule Wiedenest, wo Kuen im Februar 1996 eine Reihe von Vorträgen zu dem Thema dieses Buches hielt, sich in einer fünfseitigen öffentlichen Stellungnahme unter anderem deutlich gegen diese Übersetzung und Deutung aussprach. Das fand in der deutschen Fassung des Buches aber praktisch keinen Niederschlag.