1998-2 | Buchbesprechungen |
center>Alle sechs in diesem achten Band des christlich-muslimischen Korankommentars des bekannten Münsteraner Professors für Religionswissenschaft Adel Th. Khoury behandelten Suren (10-15) stammen zum überwiegenden Teil aus der "zweiten und dritten mekkanischen Periode" (ca. 615 bis Anfang 622 n. Chr.), also aus der Zeit kurz vor der heimlichen, fluchtartigen Übersiedlung der ersten Anhänger Muhammads nach Medina, da Muhammad in seiner Geburtsstadt Mekka nach Verkündigung des Islam harter Verfolgung ausgesetzt war. Die Suren 10-15 behandeln außer Auferstehung und Gericht, Monotheismus und der Wahrheit des Korans insbesondere etliche Prophetenerzählungen alttestamentlicher (Abraham, Mose, Noah) sowie außerbiblischer Propheten (Hud, Salih, Shu'aib). Gerade in einer Zeit, in der Muhammad unter seinen Landsleuten seit Jahren verzweifelt um Anerkennung rang, war die Berufung auf die göttliche Sendung der genannten Propheten als Vorläufer Muhammads Weg und Mittel zu Muhammads eigener Legitimation.
Bedauerlicherweise enthält der Band im Gegensatz zu vorhergehenden Bänden keine Exkurse mehr zu einzelnen, in den Korantexten angeschnittenen Themen. Solch ein Exkurs hätte sich etwa zum "Verständnis des Propheten im Islam" angeboten. Auch die Zahl der Querverweise innerhalb des Korantextes ist leider stark zurückgegangen, da der Autor mittlerweile mit der Bearbeitung einer vollständigen Konkordanz begonnen hat. Die Kommentare zu den einzelnen Versen fallen in diesem Band sehr knapp, z. T. fast dürftig aus. Gleichzeitig finden sich so gut wie keine Vergleiche mehr zu biblischen Parallelberichten wie in früheren Bänden, die sich im Falle der Josefssure (Sure 12) durchaus angeboten hätten.
Wenn Adel Khoury der Ansicht ist, die koranische Josefserzählung verlaufe "im Großen und Ganzen parallel zu den Angaben der Bibel" (199), so gilt das allenfalls für einige äußerliche Umstände der Erzählung: Gerade bei Sure 12 wird deutlich, wie Muhammad das Gerüst biblischer Erzählungen zwar übernommen hat, es dann aber mit islamischen Inhalten gefüllt und dem Bericht damit eine völlig neue Stoßrichtung, Grundaussage und Intention verliehen hat. Auch die Erwähnung Abrahams in Sure 14 hätte einige Hinweise auf die Rolle Abrahams im Islam als Verkünder des islamischen Monotheismus im Vergleich zu jüdisch-christlichen Auffassungen verdient gehabt.
Die zahlreichen Kürzungen vermitteln fast den Eindruck, als ob hier ein auf zehn Bände geplanter Kommentar nun unter großem Druck zu Ende geführt werden müßte. Dem späteren Gebrauch des Kommentars weitaus dienlicher wäre allerdings eine Fortführung im selben Stil und Tempo wie bisher.
Da ist es erfreulich, daß die Freie Theologische Akademie (FTA) in Gießen mit gutem Beispiel vorangeht und ihren ersten Sammelband mit verschiedenen Beiträgen aus der Feder ihres Lehrkörpers dem Thema Mission widmet und damit den Beweis erbringt, daß die zwölf mitwirkenden Dozenten alle etwas zur Mission zu sagen haben, natürlich aus dem Blickwinkel ihres jeweiligen eigenen Faches. Dadurch wird auch unterstrichen, daß die Fächeraufteilung nicht zu einer Zersplitterung des Glaubens führen darf, sondern die Fächer am Ende immer wieder ganzheitlich zusammengeführt werden müssen.
Da finden sich zunächst einige Beiträge der beiden das Buch herausgebenden Missionswissenschaftler Hans Kasdorf und Friedemann Walldorf, und zwar zum Missionsverständnis überhaupt, zum Missionsverständnis der Täufer im 16. Jh. und zum Aufbruch der evangelikalen Missionsbewegung in der 2/3-Welt. Der Alttestamentler Richard Schultz schreibt über Mission im Alten Testament, besonders bei Jesaja, die Neutestamentler Armin D. Baum und Eckhard Schnabel über die Bedeutung der Mission bei Jesus und in den Evangelien, besonders bei Lukas. Der Dogmatiker Bernhard Kaiser stellt die Aufgabe des Heiligen Geistes in der Mission dar, sein Kollege Lothar Gassmann beleuchtet das Verhältnis von Mission und Eschatologie. Der Kirchenhistoriker Lutz E. von Padberg untersucht das Missionsverständnis der Germanenmissionare im Frühmittelalter und sein Kollege Stephan Holthaus die Rolle der Bibel und das Bekenntnis zu ihrer Unfehlbarkeit für die im 19. Jahrhundert entstandenen Missionsgesellschaften hatte. Der praktische Theologe Helge Stadelmann belegt, daß Gemeindebau das Ziel aller Missionsarbeit ist, sein Kollege James Anderson beschreibt das Verhältnis von Jesus und seinen Jüngern als Muster für jede missionarische Schulung - ein ausgezeichneter Beitrag, an dessen Forderungen (s. bes. S. 161: "In christlichen Ausbildungsstätten sollte die breitgefächterte Ausbildung mit Jüngerschaftsschulung verbunden sein") sich alle theologische Ausbildung messen sollte.
Es wird deutlich, daß der Band sich insgesamt mehr mit der theoretischen Grundlegung der Mission beschäftigt, weniger mit der praktischen Umsetzung der Mission im Missionsland und deswegen die überall gleiche lehrmäßige Begründung der Mission anspricht, nicht die von Land zu Land, Kultur zu Kultur und Missionsgesellschaft zu Missionsgesellschaft verschiedene Art der Verkündigung des Evangeliums. Aber kein Band zur Mission kann auch nur annähernd alle wichtigen Themen ansprechen. In unserer theologischen Landschaft in Deutschland muß angesichts der liberalen Verneinung des Missionsauftrages die Grundsatzdebatte zuerst geführt werden. Die Bibelkritik ist nicht nur an sich abzulehnen, sondern auch wegen ihrer verheerenden Konsequenzen, die sie für Evangelisation und Weltmission hat. Oft wird der schleichende Einfluß bibelkritischer Ideen auch in evangelikalen Ausbildungsstätten zuerst daran deutlich, daß der missionarische Schwung verlorengeht. Die FTA hat mit ihrem Sammelband gezeigt, daß im Umkehrschluß wirklich bibeltreue Ausbildung automatisch auf Mission hin drängt, denn wer könnte der Bibel `treu' gegenüber sein, der ihr eigentliches Zentrum zurückdrängt, daß der Messias Jesus Christus am Kreuz zur Vergebung der Sünden starb und diese frohe Botschaft allen Menschen und Völkern verkündigt werden muß?
G.A.Pritchard hat längere Zeit in der Willow Creek Gemeinde gelebt und im Rahmen einer umfangreichen sozialwissenschaftlichen Doktorarbeit ihr Konzept, ihre Geschichte und ihre Realität untersucht. In einem 1994 erschienenen Buch, dessen deutsche Übersetzung hier angezeigt wird, hat er seine Ergebnisse einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Vieles an Willow Creek wertet er sehr positiv; aber gerade wegen seiner Wertschätzung dieser Gemeinde macht er eindringlich auf eine Reihe von Schwachpunkten aufmerksam, die korrigiert werden sollten.
Zu den Stärken von Willow Creek gehören Punkte wie ihr voller Einsatz für Evangelisation, ein exzellentes Programm, eine starke Hingabe an Jesus, geistliche Glaubwürdigkeit der Mitarbeiter, Verteidigung des biblischen Glaubens einschließlich der Unfehlbarkeit der Bibel, echte Liebesmühe um den entkirchlichten Zeitgenossen sowie der Versuch, die zum Glauben Gekommenen zu verbindlicher Nachfolge anzuleiten. Zugleich zeigen sich aber auch Schwächen: ein Marketing-Ansatz, der in der Gefahr steht, die Botschaft den Bedürfnissen der Hörer anzupassen, eine Überbewertung von Image und äußerlicher Wirkung, die Gefahr von Manipulation durch starke Betonung von Gefühlen, ein Übergewicht des Psychologischen, eine unkritische Anpassung an die umgebende Kultur sowie eine gewisse Einseitigkeit in der Betonung der Liebe Gottes auf Kosten seiner Heiligkeit und Ehre, weiter eine Unterbetonung biblischer Lehre (kaum einer der 270 angestellten Mitarbeiter von Willow Creek hat eine theologische Ausbildung) und das Vorherrschen von Themapredigten statt Auslegung biblischer Texte - und das auch in den Gottesdiensten für Gläubige. Die Umsetzung des an sich guten Konzepts von Willow Creek gelingt nicht immer: während die evangelistischen Wochenendgottesdienste voll sind (mit 85 - 90% gläubiger Besucher), werden die Wochengottesdienste für Christen deutlich weniger besucht - und noch weniger Besucher werden verbindliche Gemeindemitglieder.
Dem Verlag der Christliche(n) Literaturverbreitung ist zu danken, daß er dieses wichtige Buch auf deutsch herausgebracht hat. Die Übersetzung wirft einige Fragen auf. So werden manche amerikanischen Ausdrücke wie `unchurched Harry', `Christianity 101', `churched Larry' u.ä. nicht ins Deutsche übersetzt, und zwar aus der Voreingenommenheit heraus, daß letztlich das Willow Creek Konzept doch nicht auf Deutschland übertragen werden könne. Dem Autor des Buches, der Willow Creek zugleich mit Sympathie und gut begründeter Kritik gegenübersteht, sind Leser zu wünschen, die sich nicht nur negative Argumente daraus zusammensuchen, sondern sich um eine faire Beurteilung dieser evangelistischen Gemeinde anhand neutestamentlicher Gesichtspunkte bemühen. Und im übrigen gilt auch in diesem Fall: es ist leichter, eine Sache zu kritisieren, als es selbst (hinsichtlich der evangelistischen Wirkung sowie der Anleitung zur verbindlichen Nachfolge) besser zu machen. So bleibt Willow Creek eine Herausforderung, das Gute zu behalten und das Problematische durch biblischere Praktiken zu ersetzen.
Das Buch von Wolfgang Dünnebeil, Bundessekretär im Bund Freier evangelischer Gemeinden, ist ein "Highlight" in der Analyse unserer modernen Gesellschaft an der Schwelle ins dritte Jahrtausend. Illusionslos und messerscharf bringt er die wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen und Trends zur Sprache - und deckt die bestimmenden Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte des Menschen auf. In ihrer Nüchternheit ist diese Analyse streckenweise geradezu deprimierend. Aber sie hilft, die Gemeinde in ihrer oftmals heilen Innen-Welt aufzuschrecken und neu die Augen für eine verlorene Welt zu öffnen. Dünnebeil möchte der Gemeinde helfen, die Welt unserer Tage ganz neu mit den Augen der Liebe Jesu zu sehen. Das ist ihm sehr differenziert gelungen. Dabei spricht Dünnebeil zugleich liebevoll-kritisch viele Schwachpunkte im Leben der Gemeinde an, die für den Menschen unserer Zeit hinderlich sind, offen für Gottes Wort und die Gemeinde zu werden. Als Pastor mit 30jähriger Erfahrung im Gemeindedienst scheut sich Dünnebeil auch nicht, die Praxis der Predigt und Seelsorge der Gemeinde sowie ihrer Programme und Traditionen zu hinterfragen. Seine kritischen Beobachtungen verbindet er aber stets damit, daß er neue Perspektiven und praktikable Möglichkeiten aufzeigt.
Jansson und Lemmetyinen zitieren ausführlich aus bisher unbekannten internen Tonbandmitschriften von "Mutter" Basilea Schlink an ihre Marienschwestern. Die interne Lehre der Marienschwesternschaft stellt sich dabei als eine Mischung aus katholischen, charismatischen, apokalyptischen und mystischen Gedanken dar. Die Liste der behandelten Problempunkte ist lang: Die Erlösungslehre ist durchsetzt mit Bußleistungen und einer schwärmerischen Leidensmystik. Der Glaube wird synergistisch verstanden, d.h. die Taten des Menschen spielen bei der Erlösung eine wichtige Rolle. Schlink vertritt die Existenz eines Fegefeuers, fordert die Vermählung an den Bräutigam Christus, spricht autoritatives Gotteswort durch Prophetien und Visionen, fordert die Schwestern zu regelmäßigen öffentlichen Sündenbekenntnissen vor der gesamten Gruppe auf, betont ein Zwei-Stufen-Schema der Gläubigen usw. Die Marienschwestern und ihr Freundeskreis seien zudem Gottes auserwählte Endzeitgemeinde mit einem besonderen Auftrag nach dem bald kommenden Dritten Weltkrieg. Zur Sicherheit hat man dazu schon Bücher und anderes Material in der Erde vergraben, um damit später den Dienst tun zu können. Ihre Siedlung "Kanaan" in Darmstadt sei die Realisierung des Paradieses auf Erden.
Als evangelikaler Leser wundert man sich, welches Maß an Problematik diese internen Aussagen von Basilea Schlink enthalten. Eine Bewegung, die mit einer tiefen Liebe zu Christus und einer Sehnsucht nach Heiligung begann und weltweit manches Positive bewegt hat, kam bald unter unnüchterne Einflüsse. Nach Aussagen der Autorinnen trat das Bibelstudium in der Schwesternschaft in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend hinter die Vermittlung prophetischer Botschaften der Ordensgründerin zurück. Bedauerlich erscheint, daß sich nach innen und außen Abwehrmechanismen zeigen, durch die man sich gegenüber jeglicher Kritik und Korrektur abschottet. Die Autorinnen machen auch anhand der Lebenspraxis in der Schwesternschaft deutlich, daß sich hier manche Elemente finden (Kontaktabbruch zu Verwandten, Schlafentzug, autoritärer Führungsstil, Beichtzwang etc.), die man sonst zu Recht an Sekten kritisiert.
Kritisch anzumerken bleibt, daß die biblische Auseinandersetzung mit den Lehren Schlinks zu kurz kommt und in der Magisterarbeit zu einseitig von der lutherischen Theologie bestimmt ist. Zudem sollte man berücksichtigen, daß Bücher von "Aussteigern" auch dazu neigen, einseitig die negativen Aspekte zu betonen. Die Marienschwestern haben zwischenzeitlich eine Gegendarstellung veröffentlicht, die allerdings kaum neue Aspekte in die Diskussion einbringt (zu beziehen: Heidelberger Landstr. 107, 64297 Darmstadt).
Wer an einer sachlichen Darstellung und Beurteilung der Lehre interessiert ist, greife zur Magisterschrift. Der persönliche Lebensweg der Verfasserinnen wird dagegen in der populären Fassung herausgearbeitet. Fazit: zwei lesenswerte Bücher zu einem brisanten Thema, geeignet für alle, die mit den Marienschwestern in Berührung gekommen sind und sich für die Gefahren einer zwar hingegebenen, aber schwärmerischen Frömmigkeit interessieren.
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