1998-2 | Wort & Wissen(schaft) |
Das Thema "Informationsgesellschaft" hat sich zu einem Top-Thema der 90er Jahre entwickelt. Stichworte wie "Multimedia" und "Telematik", "digitale Revolution" oder "Cyberspace" sind in aller Munde. Dahinter steckt mehr als nur Mode und Marketing. Es geht um harte Fakten - wirtschaftlich und technologisch, gesellschaftlich und auch politisch. Sie werden unsere Welt prägen und verändern. Bei aller Vorsicht im Umgang mit Prognosen läßt sich nach heutigem Wissensstand doch sagen: Die Gesellschaft der Zukunft wird ganz wesentlich eine "Informationsgesellschaft" sein.
Grund genug für Christen, sich für dieses Thema zu interessieren. Im folgenden sollen in knapper Form Begriffe geklärt, Voraussetzungen erläutert und einige praktische Anwendungen vorgestellt werden. Danach geht es um gesellschaftliche Folgewirkungen und schließlich um eine vorsichtige Einschätzung aus christlicher Sicht. Letzteres ist das eigentliche Anliegen. Um ihm entsprechen zu können, ist es allerdings notwendig, die Fakten zu kennen[ 1 ].
Am Anfang des Nachdenkens über die Informationsgesellschaft steht die Beobachtung technologischer und wirtschaftlicher Entwicklungen. Sie geben Anlaß zu der Vermutung, daß neue oder neuartig verknüpfte Formen von Information und Kommunikation die Gesellschaft der Zukunft - in Wirtschaft und Arbeit, in Kultur und Alltagsleben - entscheidend bestimmen werden. In diesem Sinne definiert der von der deutschen Bundesregierung berufene Rat für Forschung, Technologie und Innovation die Informationsgesellschaft als "eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform, in der die Gewinnung, Speicherung, Verarbeitung, Vermittlung, Verbreitung und Nutzung von Informationen und Wissen einschließlich wachsender technischer Möglichkeiten der interaktiven Kommunikation eine entscheidende Rolle spielen".
Aufgrund dieser Prägung, so die inzwischen weit verbreitete Annahme, entwickelt sich aus unserer heutigen Industriegesellschaft eine neue Form von Gesellschaft: die Informationsgesellschaft. Zentrales Merkmal dieser neuen Gesellschaft sind vernetzte kommunikationstechnologische Systeme. Sie betreffen (im Prinzip) alle Lebensbereiche. Räumliche und zeitliche Distanzen spielen keine Rolle mehr. Grenzen und kulturelle Barrieren spielen keine Rolle mehr. Informationsmengen spielen keine Rolle mehr. Die Bürger der Informationsgesellschaft kommunizieren permanent und global miteinander.
Drei Merkmale sind es vor allem, die das Wesen der zukünftigen Informationsgesellschaft ausmachen sollen, die "drei großen I":
Information:
Sie ist in jeder Beziehung die Basis erfolgreichen Lebens in der neuen Gesellschaft. Vor allem: Nicht mehr Kapital, Rohstoffe oder körperliche Arbeit, sondern Informationen, Ideen und Wissen sind die entscheidenden Faktoren zukünftigen Wirtschaftens. Man spricht bereits von "Ideenökonomie". Tragende Schicht der neuen Gesellschaft werden die "Wissensarbeiter" sein.
Integration:
Unterschiedliche technologische Welten wachsen durch die gemeinsame digitale Technik zusammen. Unterschiedliche Kommunikations-Infrastrukturen integrieren sich weltweit zu großen Netzwerken. Dies hat weitgehende Folgen: Massen- und Individualkommunikation wachsen zusammen; bisher getrennte Märkte vereinigen sich; Branchen wachsen zusammen; nationale und kulturelle Trennlinien verlieren an Bedeutung; eine Vielzahl neuer Optionen in Technik und Ökonomie, Bildung und Kultur, Staat und Gesellschaft werden vorstellbar.
Interaktion:
Die Bürger der Informationsgesellschaft sind Empfänger und Anbieter von Informationen zugleich. Sie wählen Informationen bewußt aus, steuern sie und reagieren darauf. Die bisherige Unterscheidung zwischen Anbietern und Nutzern wird zugunsten eines gleichberechtigten Verhältnisses aufgelöst.
| Hauptmerkmal der neuen Gesellschaft: vernetzte Systeme zur Kommunikation |
Das sind natürlich ideale Zielvorstellungen. Wie die Informationsgesellschaft im einzelnen wirklich aussehen wird, wieviel vor allem von dem umgesetzt werden kann, was heute vorstellbar erscheint, das weiß bislang niemand. Entsprechend viel wird spekuliert. Große Hoffnungen, aber auch Fragen und Befürchtungen stehen im Raum.
Nicholas Negroponte, Professor am berühmten Massachusetts Institute of Technology und ein Prophet des neuen Zeitalters, malt sich die Zukunft beispielsweise so aus:
"Zu Beginn des nächsten Jahrtausends werden unsere linken und rechten Armbänder oder Ohrringe auf dem Umweg über erdnahe Satelliten miteinander kommunizieren... Ein Telefon wird nicht mehr aufdringlich klingeln, sondern wie ein gut ausgebildeter englischer Butler Anrufe entgegennehmen, sortieren und gegebenenfalls auch beantworten. Neuartige Systeme zur Übertragung und zum Empfang individueller Informationen und Unterhaltungsprogramme werden die Massenmedien völlig umkrempeln. Schulen werden sich zu einer Kombination aus Museum und Spielplatz entwickeln, in der Kinder sich treffen, um ihre Ideen zu sammeln und mit anderen Kindern auf der Welt in Kontakt zu treten. ... Wir werden uns in digitalen
| Schulen werden sich zu einer Kombination aus Museum und Spielplatz entwickeln |
Was ist die sachliche Basis für solche Erwartungen?
| Wer viel Geld verdienen möchte, engagiert sich heute auf dem Gebiet der "Informationswirtschaft" |
| Alles wird integriert: Rundfunk, Kabelnetze, Telefonfestnetze, Satellitenübertragung, Mobilfunk |
Jahr 2000 alle öffentlichen Einrichtungen, Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser, Verwaltungen und Museen in den USA miteinander kommunizieren können.
Die G 7-Staaten haben diese Impulse aufgegriffen und sich 1995 auf eine GII (Global Information Infrastructure) -Initiative verständigt. Weitere Staaten, insbesondere in Südostasien, unternehmen große Anstrengungen in dieser Richtung. Als Musterland gilt Singapur, das bis zum Jahr 2007 eine "intelligente Insel" mit umfassender digitaler Vernetzung sein möchte. Die Volksrepublik China strebt den direkten Sprung in die Informationsgesellschaft an. Bis 2010 sollen alle Kommunen des riesigen Landes über ihre öffentlichen Bibliotheken direkt an das Internet angeschlossen sein.
Innerhalb der Europäischen Union ist die Europäische Kommission die treibende Kraft. Seit 1994 setzt sie mit großen Förderprogrammen auf die Durchsetzung moderner Informationstechnologien. Fast ein Drittel der EU-Mittel für Forschung und Entwicklung fließen inzwischen in diese Richtung.
| Binäre Codes entwickeln sich zur einzig gültigen Währung für Information und Kommunikation |
Deutschland gehört zwar infrastrukturell zu den bestversorgten Regionen der Welt, hat aber ansonsten Nachholbedarf. 1994 hat die Bundesregierung eine "Initiative Informationsgesellschaft Deutschland" gestartet und 1996 einen Aktionsplan "Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft" aufgelegt, aus dem insbesondere die Initiative "Schulen ans Netz" bekanntgeworden ist. Einzelne Bundesländer, vor allem Bayern und Nordrhein-Westfalen, haben eigene Programme gestartet. In jüngster Zeit sind in Deutschland umfangreiche Gesetzeswerke in Kraft getreten (ein dritter Rundfunkänderungsstaatsvertrag zum 1. Januar 1997, das Informations- und Kommunikationsdienste-Gesetz des Bundes und der Mediendienste-Staatsvertrag der Länder zum 1. August 1997, das Telekommunikationsgesetz des Bundes zum 1. Januar 1998; ein weiterer Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist in Vorbereitung), die den Regulierungsrahmen für die weitere Entwicklung bilden sollen. Im Oktober 1997 haben die Ministerpräsidenten der Länder, in Anlehnung an einen Beschluß der US-Regierung, einen Zeitraum von zehn Jahren als zeitlichen Rahmen vorgegeben, in dem sie mit allen Beteiligten auf eine Durchsetzung von digitalem Hörfunk und Fernsehen in Deutschland hinwirken wollen.
Immer mehr Politiker, aber auch namhafte Unternehmer und Wissenschaftler in aller Welt sehen in den Möglichkeiten der Informationsgesellschaft die entscheidende, vielleicht auch die letzte Chance, um die Krise der industrialisierten Staaten zu überwinden. Die Entdeckung der Kommunikation als Produktionsfaktor, so prognostizieren sie, garantiert wieder eine Verstetigung des wirtschaftlichen Wachstums. Sie durchbricht die Dynamik von Ressourcenvernichtung und Umweltzerstörung. Und vor allem beseitigt sie das wichtigste gesellschaftliche Problem unserer Zeit, die Massenarbeitslosigkeit.
| Auf den höchsten politischen Ebenen wird weltweit versucht, der Informationsgesellschaft zum Durchbruch zu verhelfen |
Wer die politischen Erklärungen zur Informationsgesellschaft, insbesondere auf europäischer und internationaler Ebene, liest, der nimmt erstaunt zur Kenntnis, welche enormen Hoffnungen - gerade auch gesellschaftlicher Art - in die Informationsgesellschaft gesetzt werden:
Dabei knüpfen die optimistischsten Erwartungen an dem Merkmal der Interaktion an. Kommunikative, medienkompetente Bürger der Informationsgesellschaft, so die Erwartung, werden auf ganz neue Weise in einen internationalen Dialog eintre-ten. Wo weltweit der Meinungsaustausch gepflegt wird, wie heute schon ansatzweise in den Newsgroups des Internet, kommen sich Kulturen näher und werden Konflikte vermieden. Neue Impulse für das gesellschaftliche Miteinander und die politische Partizipation sind denkbar. Im Freizeitverhalten werden mehr Selbstbestimmung und Individualität möglich sein, etwa bei der Auswahl des Spiel- und Fernsehangebots. Die Aufnahme von Informationen aller Art ist stärker auf den persönlichen Bedarf zugeschnitten. Interaktives Lernen wird in Tempo und Inhalten besser auf persönliche Schwerpunkte ausgerichtet sein. Dazu noch einmal Negroponte:
"Während sich die Politiker mit der Altlast der Geschichte abmühen, entsteht aus der digitalen Landschaft eine neue Generation, die frei von alten Vorurteilen ist und sich von den Beschränkungen geographischer Nähe als einziger Basis für Freundschaft, Zusammenarbeit, Spiel und Nachbarschaft gelöst hat. Die digitale Technologie kann wie eine Naturgewalt wirken, die die Menschen zu größerer Weltharmonie bewegt."
| Es ist erstaunlich, welche enormen Hoffnungen in die Informations-gesellschaft gesetzt werden |
Natürlich gibt es auch viele kritische Stimmen. Im politischen Bereich setzt sich die Einsicht durch, daß man in der drängendsten Frage, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die Erwartungen nicht zu hoch schrauben darf. Wenn neue Arbeitsplätze in der Informationswirtschaft den weiteren Abbau in traditionellen Branchen kompensieren, so gilt dies inzwischen als ein gutes Ergebnis. Im ganzen hat sich allerdings - durchaus mit guten Gründen - die Ansicht durchgesetzt, daß hier eine Art neuer industrieller Revolution im Gange ist und daß alle, die daran nicht teilnehmen, den Anschluß an die Zukunft verpassen.
Internet und Intranets gehören heute in Wirtschaft und Wissenschaft zum Standard. Gegenwärtig können weltweit etwa 40 Mio. Menschen über das Internet miteinander kommunizieren. 3% der deutschen Haushalte haben eine Internet-Adresse, 7% nutzen die Möglichkeit von Online-Diensten. Neuartige Tele- und Mediendienste entstehen. Telebanking wird zunehmend von den Kunden angenommen. An der Entwicklung einer interna-tional gültigen elektronischen Währung wird gearbeitet. Ein erster Teleshopping-Fernsehka-nal ist in mehreren deutschen Ländern zugelassen. Telemedizin ermöglicht Ferndiagnosen bis hin zur ferngesteuerten Operation. Im Verkehrswesen etablieren sich neuartige Leitsysteme.
Telekooperation ist Zusammenarbeit über räumliche und zeitliche Distanzen hinweg mit Hilfe moderner Kommunikationstechniken, zunehmend auch über das Internet. Unternehmen, deren Arbeitseinheiten räumlich auseinanderliegen oder die mit anderen Unternehmen kooperieren, arbeiten auf diese Weise schnell, effizient und kostengünstig zusammen. Internationale Konzerne gehen dazu über, ihre Produkte unter Ausnutzung der Zeitzonen arbeitsteilig rund um die Welt entwickeln zu lassen.
Im ganzen vollzieht sich eine allmähliche Entkoppelung zwischen Unternehmen und Arbeitsplatz, bis hin zur Entstehung virtueller Unternehmen. Der erwartete große Durchbruch bei der Telearbeit steht allerdings noch aus. Bei weiter Auslegung des Begriffs schätzt man in Deutschland zur Zeit etwa 800.000 Personen, die ganz oder teilweise am Telearbeitsplatz beschäftigt sind. In den USA sind es bereits 20 Millionen.
| An der Entwicklung einer international gültigen elektronischen Währung wird gearbeitet |
Multimediale Lernangebote gewinnen an Bedeutung. Schulbücher per CD-ROM, schuleigene Netze, Fortentwicklungen des Fernuniversitäten-Konzepts bis hin zum bereits existierenden virtuellen Campus, aber auch Aus- und Fortbildungsangebote für Unternehmen und Verbände - der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Ergänzend wird im Wissenschaftsbereich immer mehr (und teilweise bereits ausschließlich) elektronisch publiziert und stehen elektronische Bibliotheken, Museen, Galerien, Archive und anderes mehr zur Verfügung.
Die Übergänge zu virtuellen Realitäten aller Art sind fließend: Fahr- und Flugsimulation in den entsprechenden Ausbildungsgängen, virtuelle Animationen in Film- und Fernsehproduktionen, der Nachbau verfallener Städte mit Hilfe der Computervisualistik und vieles mehr. Hinzu kommen Video- und Computerspiele, die sich zu Spielen im Netz entwickeln. Allein in Deutschland werden auf dem Spielemarkt jährlich 2 Mrd. DM umgesetzt.
Beim digitalen Fernsehen und Radio hat international und auch in Deutschland die Phase der Markterschließung begonnen. 1998 wird dabei ein wichtiges Jahr sein. Durch die Möglichkeiten der digitalen Technik entfallen beim Fernsehen die bisherigen Kapazitätsengpässe. Dadurch stehen in Zukunft viel mehr Kanäle zur Verfügung, in Deutschland in einem ersten Schritt demnächst 150. Soweit es den rundfunkrechtlichen Vorgaben entspricht, vor allem aber: soweit es sich rechnet, wird potentiell in Zukunft jeder das senden und empfangen können, was er möchte.
Weil sich neue Angebote finanzieren müssen, wird auch in Deutschland neben den bisherigen Angeboten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (gebühren- und werbefinanziert) und des privaten Rundfunks (ausschließlich werbefinanziert) ein dritter Bereich entstehen, bei dem gezielt nach Nutzung bezahlt und anschließend empfangen werden kann (pay-TV). Aus dem bisherigen dualen wird auf diese Weise ein triales System. Noch ist nicht sicher, in welchem Ausmaß sich pay-TV in Deutschland wird etablieren können, ob es vielleicht sogar zu einer existentiellen Bedrohung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird. Auch ist nicht sicher, was diese Entwicklung für Qualität, Meinungs-, Angebots- und Anbietervielfalt bedeuten wird.
Das Fernsehen der Zukunft wird sich in neuen Formen präsentieren, die sich bereits abzeichnen:
| Soweit es sich rechnet, wird in Zukunft jeder das senden und empfangen können, was er möchte |
| Das Fernsehen der Zukunft wird sich in neuen Formen präsentieren |
"Zeitungen werden nur noch in digitaler Form zum Frühstück per Multimedia-Home-Terminal heruntergeladen. Selbstverständlich sind zu den aktuellen Schlagzeilen auch Filmberichte abrufbar. Nach dem Frühstück, das ich am Abend zuvor noch schnell über den Datenhighway geordert habe, wähle ich mich über dasselbe Multimedia-Terminal in das Netz meines Arbeitgebers ein, der in Südamerika sitzt. Zunächst findet wie jeden Montag per Videokonferenz die wöchentliche Teambesprechung statt. Arbeitsunterlagen werden per Mausclick rund um den Globus verteilt und Teamergebnisse am Abend ... zusammengefaßt. Der abendliche Kinobesuch gehört schon längst der Vergangenheit an. Aktuelle Kinofilme lade ich ebenso selbstverständlich vom Server ins Wohnzimmer wie die letzte Lektion des Fremdsprachenkurses ..."
Welche gesellschaftlichen Chancen und Risiken sich aus einem solchen Szenario vor allem auch für uns als Christen ergeben, lesen Sie bitte im zweiten Teil des Aufsatzes in der nächsten Nummer von "Bibel und Gemeinde".