Bibel und Gemeinde
2001-1
Buchbesprechungen

Buchbesprechungen


Fischer, Hans Conrad. Johann Sebastian Bach: Sein Leben in Bildern und Dokumenten . Buch und CD. überarbeitete Neuauflage Holzgerlingen: Hänssler, 2000. 191 S. (Buch) und ca. 70 min (CD). DEM/CHF 29,95, ATS 219,--. ISBN 3-7751-3437-9.

Das Bachjubiläum 2000 ist auch an den evangelikalen Verlagen nicht spurlos vorübergegangen. Anlässlich der 250. Jährung von Bachs Todestag hat der Hänssler-Verlag unter anderem diese überarbeitete Neuauflage des 1985 zuerst erschienenen "Musikbuchs" vorgelegt. Es ist eigentlich ein Bildband in Hardcover-Ausführung, der Portraits, Stadtansichten und Stiche aus der Zeit ebenso wiedergibt wie Abbildungen Bachscher Autographen und moderne schwarz-weiß- und Farbfotos. Auf 191 Seiten zeichnet der Text die Lebensstationen des Kantors nach und stellt die familiären, musikalischen, weltlichen und geistlichen Bezüge her, die dem modernen Leser einen ziemlich vielgestaltigen Ersteindruck vom Leben und Wirken Bachs vermitteln. Auch der Kenner wird die unterhaltsame Zusammenstellung von Wort und Bild dankbar aufnehmen.

In dieser Zeitschrift interessieren uns im Blick auf Johann Sebastian Bach vor allem seine Einstellungen zu Bibel und Gemeinde. Verstreut über die Kapitel lesen wir dazu nur wenig und das ist altbekannt. Wir finden den theologischen Streit in Mühlhausen, der nebst anderen Faktoren den Musiker aus der Stadt vertrieben habe. Der direkte Vorgesetzte Bachs und Vertreter der "kirchenmusikfeindlichen pietistischen Richtung," Superintendent Johann Adolph Frohne von der St. Blasius-Kirche, stritt gegen den "altlutherischen orthodoxen" Christian Eilmar, Pastor der benachbarten St. Marien-Kirche, um den rechten Stellenwert der Kirchenmusik (S. 42). In diesem Klima konnte Bach seiner Berufung für "eine regulirte kirchen music zu Gottes Ehren" (S. 44) nicht letztlich nachkommen.

Dass ihn eine persönliche Freundschaft mit dem orthodoxen Eilmar verband, der auch Pate des erstgeborenen Bach-Kinds wurde, mehr aber noch sein weiterer Schaffensweg, legen es nach meiner Überzeugung nahe, dass der denkende Christ Bach ein pietistisch-frommes Leben ohne ein klares rechtgläubiges Glaubensbekenntnis nicht hatte leben wollen. Seine - als Pflichtprogramm! - entstandenen Kantaten wie auch die tiefgründigen Oratorienwerke geben beredtes Zeugnis davon.

Leider lässt sich genau diese These aus dem vorliegenden Buch weder erhärten noch verwerfen. Wohl widmet sich Fischer im vorletzten Kapitel dem Kirchenmusiker Bach. Er betont die - schon quantitativ - vorgeordnete Bedeutung der geistlichen Kompositionen Bachs gegenüber den säkularen Werken (S. 154-157). Im letzten Kapitel "SDG: Soli Deo Gloria" wird des Komponisten formschaffende "gläubige Demut" der "atheistischen Selbstüberheblichkeit" gegenübergestellt, die die Form "perveritert und zerstört" (S. 176). Bach, der in der großen ‚Aufklärung' "geistig nichts bewegt"(!) habe, erscheint gar als Hoffnungsträger für eine junge Generation (S. 176-177). Jedoch bleibt sein eigentliches Glaubensleben weithin unbeleuchtet. Ganz im Dienst des Bibelwortes vermittelt Bach der Gemeinde den Inhalt des evangelischen Glaubens auf eine derart eindrückliche Weise, dass man ihm den Beinamen "der fünfte Evangelist" gegeben hat.

Warum konnte er das tun? Wie führte Bach sein Christenleben? Welche Stellung hatte er zur Heiligen Schrift, zum Heilswerk Jesu Christi? Davon erfährt man fast nichts. Schade. Gerade ein solches Kapitel hätte ich in einer Bachpublikation aus geschätztem und verdienten evangelikalen Hause erwartet. Man kann wohl eine kleine Beschreibung des Glaubens Bachs liefern, ohne dem Vorwurf (gegenüber manchen anderen konfessionellen Veröffentlichungen zurecht erhoben) ausgesetzt sein zu müssen, sich "seinen" Bach zurechtschreiben zu wollen.

Eine mehr als einstündige CD mit exemplarischen Ausschnitten aus der geistlichen und weltlichen Tonsetzerei des Künstlers runden die vorliegende Lebensschau ab und verkürzt uns einstweilen versöhnlich das Warten auf eine "zeitgenössische Darstellung der Theologie J.S. Bachs aus bibeltreuer Perspektive."

Steffen Denker
CH-Basel


Anton, Helga. Beten wirkt Wunder: Erfahrungen einer hauptberuflichen Beterin. Basel, Gießen: Brunnen, 1999. 138 Seiten. ISBN 3-7655-3623-7

Helga Anton ist von Beruf "Beterin" und arbeitet als solche in einer Itzehoer Kirchengemeinde. Das vorliegende Buch, das in der neuen Reihe "brunnen powerline" erschien, berichtet von ihren Erfahrungen im Zusammenhang mit diesem Gebetsdienst.

Was Helga Anton mit ihren Berichten auf rund 130 Seiten an Verwirrung stiftet, kann der Verlag mit einem zweiseitigen Nachwort nicht mehr klarstellen. Dabei nennt der Verlag auch den positiven Aspekt des Buches: "Lassen wir uns von Helga Antons Erfahrungen ermutigen, viel mehr und viel erwartungsvoller zu beten! Gott vorbehaltlos zu vertrauen macht das Leben reich und lebenswert" (137). An dieser Stelle darf der an Gottes Wort geschulte Leser zustimmen und sich aufrütteln lassen, denn das vertrauensvolle Gebet für Kranke und Belastete kommt wahrlich in vielen Gemeinde zu kurz.

Ob es dem biblischen Weg entspricht, eine hauptamtliche Beterin anzustellen und ein Inserat in der Zeitung aufzugeben: "Gebet für Kranke und Hilfesuchende - täglich um 18.00 Uhr in der Kirche" ist allerdings zu bezweifeln. Eigentlich müsste das Buch "Gott wirkt Wunder" und nicht "Gebet wirkt Wunder" heißen, meint der Verlag. Warum heißt es dann nicht so? Wahrscheinlich, weil trotz gegenteiliger Beteuerungen Helga Anton eben genau diese Botschaft vermittelt: "Gebet wirkt Wunder" und besonders das Gebet einer so begnadeten Beterin, wie sie selbst es ist, die Gottes Signale über ihre pochende Halsschlagader und Worte der Erkenntnis über Krankheiten und Situationen empfängt.

Die meisten Passagen der ersten 40 Seiten des Buches spiegeln noch ein einigermaßen ausgewogenes Verständnis von Gottes Wirken wieder. Das Buch wolle kein "theologisches Lehrbuch" sein, meint der Verlag. Warum darf Helga Anton dann seitenlang nicht nur ihre Erfahrungen schildern, sondern uns auch ihre abstrusen Vorstellungen über die Ursachen von Krankheiten und ihre Heilung lehren? Einige Beispiele: Brauchen wir medizinisches Wissen, um Gott in unseren Gebeten zu sagen, dass er z.B. einen Tumor abkapseln soll, damit er heilt? Ist ein solches Gebet wirksamer? Ist das Gottes "Lektion zum Thema Gehorsam", dass er jemand von einer Allergie heilt, dann aber weil die Person nicht bald im Gottesdienst von ihrer Heilung berichten will, die Krankheit erneut ausbrechen lässt und erst wieder heilt, nachdem das Zeugnis abgelegt wird (46-47)? Stimmt es wirklich, dass die Schuld eines Verstorbenen aus dem 3. Reich einen Bauernhof so "belastet", dass dieser erst freigebetet werden muss, damit Gott den Erben helfen kann (49-51) oder dass eine neu bezogene Wohnung "Zimmer für Zimmer" von den Einflüssen der früheren Bewohner freigebetet werden soll (59-60)?

Helga Anton vermittelt immer wieder, dass es notwendig sei, über verborgenes Wissen aus der Vergangenheit eines Erkrankten zu verfügen, bevor der geheilt werden kann, sei es nun der Wassermangel im Kleinkindalter (72f) oder der Selbstmord eines Menschen auf dem Dachboden des eigenen Hauses (81f). Solche Dinge werden mit rätselhaften Bildern und plötzlichen Eingebungen aufgedeckt, dann erst wird ein Gebet erhört.

Es mischen sich Theorien aus der Tiefenpsychologie und sogar aus dem Spiritismus zwischen biblische Lehre, ähnlich wie man es in den Lehren von der "Inneren Heilung" vorfindet. Mit diesen Anmerkungen wird nicht bestritten, dass auch vieles Richtige im Buch zu lesen ist. So wird die Notwendigkeit der Umkehr zu Jesus immer wieder betont und die Errettung deutlich über eine Krankenheilung gestellt. Was nützt das aber bei einer derartigen Verwirrung? Die vorliegende Vermengung von Wahrheit und Lüge sollte besser nicht den Weg in unsere Gemeinden finden.

Thomas Jeising
D-Homberg/Efze


Spangler, Ann. Ich hatte einen Traum...: wenn Gott im Schlaf zu uns spricht, Erfahrungsberichte . Übersetzung aus dem Amerikanischen. Basel, Gießen: Brunnen, 1999. 179 S. DEM/CHF 24,80, ATS 181. ISBN 3-7655-1660-0.

Ahnungslosigkeit scheint kein Hindernis zu sein, ein Buch zu schreiben. So möchte man resümieren. Nein, sie kann sogar zu dieser erfrischenden Unbekümmertheit führen, mit der über Dinge philosophiert wird, über die der Kundige lieber schweigt.

Unter Auslandskorrespondenten heißt es: "Wer 6 Wochen in einem fremden Land war, schreibt ein Buch. Wer 6 Monate dort war, schreibt einen Artikel. Wer 6 Jahre mit den Menschen gelebt hat, schreibt nichts mehr."

Ann Spangler war vom Thema "Träumen" und ihrem "geistlichen Wesen" fasziniert; und "so habe ich mich denn entschlossen, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und ein Buch über Träume zu schreiben, obwohl ich auf diesem Gebiet keine Expertin bin" (13). Sie beginnt alles zu sammeln, was mit dem Thema zu tun hat: Bibelstellen, Traumgeschichten aus der Vergangenheit und schließlich systematisch über Zeitungsanzeigen aktuelle Traumgeschichten von Menschen, die berichten können, ein Traum habe "eine ungewöhnliche geistliche Bedeutung" (16) für sie gehabt.

Herausgekommen ist ein leicht lesbares Buch in einer sehr ansprechenden Aufmachung, das auf der Nachtkonsole liegen und häppchenweise vor dem Einschlafen und Träumen aufgesogen werden will. Der Körper des Buches besteht aus 32 nach - nicht immer einsichtigen - Kriterien geordneten neueren Traumgeschichten (Die Zukunft träumen; Träume, die uns leiten; Heilende Träume; Träume, die Weisheit vermitteln; Abschiedsträume; Einladende Träume), die mit einer kurzen Einleitung aus Bibelstellen, Anekdoten und Tipps zum Umgang mit eigenen Träumen versehen sind. Im Anhang des Brunnen Verlags Basel teilen uns Geschäftführer und Lektorin noch ein paar von ihren Träumen mit. Schließlich findet sich der präzise und erhellende Artikel "Traum" aus dem wertvollen Lexikon zur Bibel von Fritz Rienecker von 1960.

Würde der vorliegende Titel einfach nur Traumerlebnisse aus Vergangenheit und Gegenwart erzählen, könnte man es hier gut sein lassen. Aber der Anspruch ist - wie sollte es bei einem christlichen Buch anders sein - viel höher gesteckt. Wir sollen in unseren Träumen entdecken, wie Gott zu uns spricht, ja wir sollen "ein Gespür dafür entwickeln, wie Gott in eigenen Träumen am Werk ist" (15). Ann Spangler möchte dabei "die Heilige Schrift ernst nehmen" und von "diesem sicheren Fundament die Geschichten ... berichten und nicht interpretieren" und den Leser mit auf eine "Entdeckungsreise" nehmen. Tut sie es wirklich?

Es stellen sich eine ganze Reihe von Fragen an Vorgehensweise und Endergebnis des Traumbuches. Schnell wird deutlich, dass an den Träumen selbst relativ wenig Interesse besteht. Wir erfahren sie nur aus einer Perspektive lange nach dem Traum. Dann erst wurden sie aufgezeichnet und literarisch aufgearbeitet (der größte Teil der Traumerzähler sind Autoren, Journalisten, Lektoren). Die Träume sind so verwoben mit den Bedeutungen, die ihnen ihre Träumer und Autoren gegeben haben, dass es offenbar gar nicht darum gehen kann, dass Gott eine bestimmte Mitteilung durch einen bestimmten Traum gemacht hat und so Menschen gewarnt, geholfen oder ermutigt hätte. Dann wäre wenigstens erfüllt, was Elihu in Hiob 33,14-22 über Gottes Warnen durch Alpträume und Schmerzen ankündigt. Bei Ann Spangler aber will Gott z.B. jemanden durch jahrelange Alpträume auf einen sexuellen Missbrauch in seiner Kindheit aufmerksam machen und dann darauf: "Was auch geschieht, ich sorge für dich".

Tatsächlich sind diese und andere Geschichten von tiefenpsychologischen und nicht von geistlichen Deutungsmustern durchzogen. Wenn der Leser also feststellt, dass er selbst solche Träume nicht hat, hat das nichts damit zu tun, dass Gott etwa weniger zu ihm reden würde, sondern mehr damit, dass die meisten Menschen keine Buchautoren sind, sondern ihre Träume bald vergessen. Sie legen ihnen keine geistliche Bedeutung bei. Das ist auch in aller Regel das Beste, was man tun kann.

Spangler meint zwar: "Ich weiß nicht, warum Gott uns manchmal nachts Dinge klarmacht, die uns tagsüber völlig verworren erscheinen. Ich weiß nur, dass er unsere Träume benutzen kann, um uns durch Situationen hindurchzuführen, mit denen wir nicht fertig werden und die uns Angst einflößen" (46). Bei genauer Betrachtung sind aber die meisten nächtlichen Traumgeschichten völlig verworren. Hätte Gott ihren Autoren nicht am Tag ein bisschen Verstand und Bibelwissen gegeben, dann hätten sie daraus keine einigermaßen plausiblen Geschichten machen können.

Die Traumgeschichten enthalten Elemente, die so und ähnlich in jedem Buch über experimentelle Traumforschung nachzulesen sind. Nichts Besonderes eigentlich und schon gar nicht wert, auf eine Stufe gestellt zu werden mit den konkreten Traumberichten der Bibel. Geistliche Erkenntnisse lassen sich daraus auch nicht ableiten, es sei denn man hat sie vorher hineingelegt.

Gott macht uns Dinge allein durch sein konkretes Reden klar. Er hat das auch immer mal wieder im Traum getan. Aber wenn der Traum nur Bilder und keine Wörter enthielt, dann konnte nur die Deutung Gottes den Bildern den wahren Sinn geben (1Mo 40,8). Auf einen solchen wahren Sinn scheint es Spangler gar nicht anzukommen, sondern nur auf den Sinn, den der Träumende selbst seinem Traum beilegt (15). Selbst der scheinbar so klare Traum Josefs von den Garben, die sich vor seiner Garbe verneigen, wurde weder von Josef, noch von seinem Vater oder seinen Brüdern richtig gedeutet. Erst als Josef in Ägypten seine Brüder empfing, erhielt der Traum seine Deutung. Wenn Gott nicht redet, dann stehen wir im Dunkeln.

Nun hat er überaus klar geredet, und das ist in der Heiligen Schrift aufgezeichnet. Warum will man nun wieder geistliche Leitung aus seinen Träumen erlangen? Ann Spangler meint "natürlich nicht, dass wir das Zeugnis unserer Träume gleichberechtigt neben das Zeugnis der Heiligen Schrift stellen dürfen". Sie tut es aber faktisch, wenn sie behauptet, dass "unsere Träume uns Einsichten vermitteln können ... uns vor Gefahren warnen; von falschen Wegen zurückrufen; zum Beten anleiten; uns einen Spiegel vorhalten ... heilende Kräfte haben" (12-13) oder "uns in die tiefere Gemeinschaft mit dem rufen, der uns als Träumende erschaffen hat" (21). Das aber ist keine Spielerei, sondern richtet sich gegen Gott. Obwohl man mit der Beachtung der eigenen Träume aufmerksamer auf Gott hören wollte, hört man weniger auf ihn.

Wir träumen aber alle und manchmal können wir uns an unsere Träume erinnern. Manche wiederholen sich und sind sehr eindrücklich. Wie soll der Christ damit umgehen? Unter den zahlreichen Hinweisen in Spanglers Buch finden sich leider nur ein paar brauchbare. Das meiste ist irreführend und verunsichernd. Wer sich für das Thema interessiert, sollte lieber ein Buch aus der experimentellen Traumforschung lesen (z.B. Barbara Maier und Inge Strauch, Den Träumen auf der Spur: Ergebnisse der experimentellen Traumforschung , Bern: Huber, 1992). Dann sollte er seine Träume genauso behandeln wie jedes andere Erleben: Er sollte es mit dem Maßstab des Wortes Gottes messen. Man kann seine eigenen Träume nämlich sehr gut von dort aus beurteilen und erkennen, wo einem im Traum gute Gedanken gekommen sind und wo man in die Irre geführt wird. Geistlich mit Träumen umgehen heißt, auf Gottes Wort zu vertrauen, "das lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert ist, und durchdringt, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens" (Heb 4,12).

Thomas Jeising
D-Homberg/Efze


Ruthe, Reinhold. Ich mag mich: Wege zum Selbstvertrauen. Brendow impuls. Moers: Brendow, 2000. 64 S. DEM/CHF 9,80. ATS 72,--. ISBN 3-87067-812-7.

Er schreibt und schreibt. In jedem Jahr erscheinen mehrere Titel des Psychotherapeuten und Eheberaters Reinhold Ruthe. Diesmal soll das Thema "Selbstannahme" griffig, praktisch und in geeigneten Häppchen für die Fast-Food-Gesellschaft aufbereitet werden. Das Büchlein will Menschen mit Minderwertigkeitsgefühlen "Wege zum Selbstvertrauen" zeigen. "Das Ziel der Gesinnungsänderung muss heißen: Freiwerden von Minderwertigkeitsgefühlen, Überwindung von Geltungsstreben und persönlicher Überlegenheit ... Selbstachtung und Selbstvertrauen gewinnen" (43).

Das Ziel "Selbstvertrauen" erscheint Reinhold Ruthe über jeden Zweifel erhaben. Deswegen sind ihm auch beinahe alle Mittel recht, um dort anzukommen. Auf der Speisekarte stehen "Positives Denken" á la Norman Vicent Peale, "Gestalttherapie" á la Frederick S. Perls, "Adlers Individualpsychologie" "Frankls Logotherapie", "Mitmenschlichkeit" und last but not least "Christlicher Glaube mit Bibel und Gebet".

Das Kernproblem des Menschen scheinen seine Minderwertigkeitsgefühle zu sein, darum erklärt uns R. Ruthe, wie es nach den von ihm bevorzugten psychotherapeutischen Konzepten zu ihnen gekommen sei und wie wir sie wieder los werden. Da angeblich alles von unserem "Selbstbild" abhängt, "unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, unsere Arbeitsleistung und unser Engagement in Kirche und Gemeinde" (27), muss dieses Selbstporträt nun aufpoliert werden. Dahinter steht die Angst vor psychischer Erkrankung, denn "der Minderwertigkeitskomplex findet sich in allen Formen psychischer Erkrankung" (35). Und außerdem scheint er der Wurzelboden für alles Schlechte (Aggression, Alkoholismus, Psychosen).

Woher weiß Ruthe eigentlich, dass Minderwertigkeitsgefühle so schlecht sind und Selbstvertrauen besser? Die Bibel fördert nüchterne Selbsterkenntnis, die bei den meisten Zeitgenossen wohl eher zu Minderwertigkeits gefühlen führen wird. Und vor allem will sie Christuserkenntnis hervorbringen, die zu Vertrauen auf Gott führt.

Das Beste, was man zur vorliegenden Mischung aus richtigen Beobachtungen des verdrehten menschlichen Denkens, Psychotipps und Lebensbewältigungsratschlägen sagen kann ist: Sie sei einfach überflüssig. Aber es ist schlimmer, weil Christus und sein Erlösungswerk missbraucht wird, um das menschliche Selbstbewusstsein zu stärken: "Der lebendige Glaube ist der Schlüssel dazu, ohne Kampf und Krampf frei von Minderwertigkeitsgefühlen zu werden. ... Der echte Glaube an Christus, ... der sich auf ihn rückhaltlos verlässt, ist die beste Garantie gegen Minderwertigkeitsgefühle" (57).

Es stimmt einfach nicht, dass "Gott ja zu mir gesagt hat" und "mich so recht sein lässt". Es ist falsch, dass ich jetzt "mit mir einverstanden" sein soll "mit meinen Fehlern" usw (50-51). Als Christus elendig starb, hat Gott nämlich "Nein" zu mir gesagt?! Er hat mein Leben durchgestrichen. Es ist nicht nur nutzlos. Mein Leben ist geeignet, den gerechten Christus ans Kreuz zu bringen. Ich bin nach Gottes Urteil nicht nur "minderwertig", vielmehr bin ich Gegner Gottes, der in dieser Welt nichts Gutes zustande bringt. Das einzig richtige Urteil über mich ist an Jesus vollzogen worden: "Weg mit ihm! Ans Kreuz mit ihm!"

Das Wunder des Glaubens besteht doch gerade darin, dass ich das "Nein" akzeptiere und dann in Christus die Vergebung und Annahme bei Gott glaubend empfange. Der Glaube klebt an Christus, der meine Schuld trägt und kommt nie zum "Selbstvertrauen".

Übrigens redet auch Psalm 139 nicht von der Selbstannahme, sondern von dem unbegreiflichen Wunderwirken Gottes. Dass ich wunderbar gemacht bin, erkennt meine Seele daran, dass Gott mich verfolgt und mich nicht frei gibt. Ich kann nicht vor ihm fliehen. In diesem Psalm schreibt Gott alle Tage meines Lebens in sein Buch. Am Ende spricht er sein Urteil. Das ist das Wunderbare und Unbegreifliche, nicht aber die simple Selbstannahme-Theologie.

Der zusammen gewebte Mix psychologischer Schulen, garniert mit ein paar frommen Worten, hat darum nach meiner Überzeugung auf den Büchertischen unserer Gemeinden nichts zu suchen, selbst wenn er sich gut verkauft.

Thomas Jeising
D-Homberg/Efze


Chantry, Walter. Die Verkündigung des Evangeliums heute: Jesus im Gespräch mit dem reichen Jüngling. 2. vollständig überarbeitete Auflage. Friedberg: Wartburg, 2000. 96 S. DEM/CHF 14,90. ATS 105,-- ISBN 3-9805973-9-3.

In den vergangenen Monaten entbrannte eine hitzige Debatte zum Thema "Evangeliumsverkündigung und Missionsstrategien." "ProChrist" und "Willow Creek" sind zu Reizworten geworden; mancherorts zu heiligen Kühen, die man nicht antasten darf. Sind die mutigen Gegner dieser Entwicklung tatsächlich "gegen Evangelisation", wie ihnen manchmal vorgeworfen wird?

Dass dem nicht so ist, belegt das nun neu aufgelegte Buch " Die Verkündigung des Evangeliums heute ", das im Englischen bereits 1970 erschienen ist. In Deutsch erschien es erstmals 1978 unter dem Titel " Evangelium heute: Ursprünglich oder angepasst? " beim Bundesverlag in Witten. Der reformiert-baptistische Pastor Walter Chantry - er hat bereits in Bibel und Gemeinde publiziert (1986 und 1991) - legt in profunder Weise dar, worin sich biblische Evangeliumsverkündigung von den modernen "P(e)lagiaten" unterscheidet.

Am Beispiel von Jesu Gespräch mit dem reichen Jüngling (Mk 10,17-27) demonstriert er, was zum Wesen biblischer Evangeliumsverkündigung gehört. Hierin liegt die große Stärke dieses Buches.

Doch zwingen ihn diese Einsichten dann zu einer niederschmetternden Bewertung der aufgeklärt-humanistischen Evangelisationsmethoden und dem romantischen Einheitsgebaren unserer Tage: "Die Unterschiede zwischen vielen evangelistischen Predigten von heute und der Verkündigung Jesu sind nicht geringfügig, sondern gravierend. Der Hauptfehler liegt nicht in der Betonung oder im Vorgehen, sondern im Kern der Evangeliumsbotschaft selbst. Gäbe es nur in einem der Bereiche, die in diesem Buch angesprochen wurden, einen Mangel, wäre die Lage schon ernst genug. Aber alle diese Bereiche zu ignorieren - die Eigenschaften Gottes, sein heiliges Gesetz, die Buße, den Aufruf, sich der Herrschaft Christi zu unterwerfen, die biblische Lehre von der Heilsgewissheit - ist ein tödlicher Fehler. In der Heiligen Schrift gibt es keine wichtigeren Wahrheiten als diese (S. 91)."

Chantry stellt unmissverständlich klar, dass es in der ganzen Diskussion nicht nur um die Frage nach Methoden geht, sondern um den Inhalt der Evangeliumsbotschaft! Es kommt eben nicht darauf an, dass die gefallenen Menschen mit dem Evangelium umworben werden, auf dass sie sich nach langem Zögern dafür "entscheiden", Christ zu werden, indem sie sich über den bettelnden Gott erbarmen, der klopfend vor der Tür steht und darum bittet, das ewige Heil verschenken zu dürfen. Es geht vielmehr darum, dass Gottes Heilsbotschaft ohne Kürzung, unverfälscht und klar nach Gesetz und Evangelium verkündigt wird.

Dieses kleine Buch will eine Hilfe sein, das biblische Evangelium kennen zu lernen und zu ergreifen. Es appelliert an die Leser, die Botschaft von der Versöhnung nicht durch eine "humanistisch-evangelikale Entscheidungstheologie" zu ersetzen. Vor allem soll es auch dazu dienen, dass das Evangelium von Jesus Christus in unserem Land neu und klar biblisch-reformatorisch verkündigt wird, zur Ehre Gottes und zum Heil für viele.

Leider haben sich in diesem exzellenten Büchlein auch ein paar Druckfehler eingeschlichen. Auf S. 16 muss es heißen "dass geistliche Leiter sich weigern" und auf S. 73 (Anm. 18): "simul iustus et peccator". Vor allem aber sollte in einer neuen Auflage das Bild von Ernest Reisinger auf der Rückseite durch ein Bild von Autor Walter Chantry ersetzt werden... Eine neue (und hoffentlich günstigere) Auflage und eine weite Verbreitung ist diesem sehr aktuellen, wichtigen und hervorragend geschriebenen Buch zu wünschen.

Robert Kunstmann
D-Pohlheim-Holzheim


Jochums, Heinrich: Die Bibel ist Gottes Wort: Orientierung für die Gemeinde. Eingeleitet und neu herausgegeben von Lothar Gassmann. Wuppertal: Verlag für Reformatorische Erneuerung, 2000. 136 S. DEM/CHF 9,80, ATS 73,--. [Nachdruck der 2. Auflage, erschienen unter Bekenntnis: Gottes Wort bleibt Gottes Wort . Wuppertal: Verlag EGfD, 1965]. ISBN 3-87857-304-9.

Dieses Buch ist ein Beitrag zur Definition von "Bibeltreue." Heinrich Jochums hat sein "Bekenntnis" in der Zeit der großen Auseinandersetzung insbesondere mit dem Entmythologisierungsprogramm Bultmanns abgelegt. Es ist seinerzeit von zahlreichen Persönlichkeiten aus den verschiedenen Kirchen unterzeichnet worden. Dem kurzen Bekenntnistext folgt eine Sammlung von Aussagen der Reformatoren und der Bekenntnisschriften zur Bibelfrage sowie kurze wertvolle Beiträge neuerer Theologen/Gemeindeführer (z.B. Herm. Friedr. Kohlbrügge, Fr. Heitmüller, Friedrich Vogel).

In dieser Rezension richten wir unser Augenmerk jedoch vor allem auf die vom Neuherausgeber hinzugefügten Texte. Umrahmt wird der "alte Text" zuerst von der Einleitung von Gassmann. Unerschocken bezeichnet er den Einzug der "gemäßigten Kritik" in "einstmals bibeltreue" Seminare als "traurige Tatsache" und Anlass zur Wiederauflage des Jochumsschen Bekenntnisses. Der Herausgeber will ausdrücklich den Text als Orientierung in der aktuellen Auseinandersetzung verstanden wissen.

Als Anhänge folgen sodann eine Stellungnahme von Johannes Pflaum über "die neue ‚evangelikale Correctness'" und die "Chicago-Erklärung" zur biblischen Irrtumslosigkeit."

Leider sind Einleitung und Anhänge typographisch nicht vom Jochums-Text unterschieden. Wer die Einleitung nicht genau liest, kann auf den ersten Blick die Ergänzungen des Neuherausgebers nicht vom ursprünglichen Text unterscheiden.

Um bei der Chicago-Erklärung zu beginnen: Die insgesamt drei Erklärungen haben die hervorragende Arbeit geleistet, den Begriff der "Bibeltreue" im modernen Kontext auszudeutschen. Hieran sollten sich die Seminare, Akademien, Fakultäten, Kirchen und Gemeindeverbände messen lassen, wenn sie "Bibeltreue" für sich reklamieren. Gern wiederhole ich hiermit den "Aufruf zur Verwendung der Chicago-Erklärungen als Bekenntnistext für bibeltreue Organisationen," den Thomas Schirrmacher 1993 deren Publikation voranstellte ( Bibeltreue in der Offensive: die drei Chicago-Erklärungen . Bonn: VKW, 1993). - Leider fehlen in dem hier zu besprechenden Buch die Kommentare zu den Erklärungen; es ist auch nur die erste der drei abgedruckt. Nicht jeder Leser wird sich ohne Weiteres mit der dichten Sprache eines Bekenntnistextes vertraut machen können. Beschäftigen Sie sich also, liebe Leserinnen und Leser des Gassmann-Buchs, auch mit der genannten vollständigen Chicago-Ausgabe.

Johannes Pflaum stellt seinen Beitrag unter den Begriff der "neuen evangelikalen Correctness. (E.C.)" Er ist in Anlehnung an die zeitgeistige "Political Correctnes" gebildet worden. Der Schreiber sieht in der E.C. eine gefährliche Grundlage für eine neue Einheit der Charismatiker, Evangelikalen, Katholiken und anderen unter Hintanstellung der Wahrheitsfrage. Erkenntnis- und Bibelfrage gingen im Zug der Umwertung aller Begriffe zum Schlechteren unter. Wer sich im Sinn des Artikels "bibeltreu" positioniere, werde ausgegrenzt, weil er sich evangelikal-inkorrekt verhalte.

Pflaum nimmt kein Blatt vor den Mund. Er nennt die aktuellen Fragen: charismatisch-evangelikaler Schulterschluss, Ökumene, Frauenlehramt, gemäßigte Bibelkritik, psychologische Begriffsumdeutungen in der evangelikalen Theologie. Man spürt dem Text die persönliche Betroffenheit ab. Etwa wenn er am Schluss auf die neuen unabhängigen Gemeinden als Konsequenz des stillen Exodus' aus den bestehenden Kirchen zu sprechen kommt. Mancher Leser wird das eine oder andere allzu plakativ finden. Lothar Gassmann wollte laut Vorwort diese Stellungnahme denn auch "zur Diskussion stellen." Also: Lieber Johannes, ich denke, du hast recht. Und ich fürchte: Du hast nicht einmal übertrieben. Danke sehr.

In summa: Die Bibel ist Gottes Wort sollten Sie unbedingt lesen!

Steffen Denker
CH-Basel



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