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2000-4 |
Leserbriefe |
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Unser zweites Heft von diesem Jahr - Bibeltreue zwischen Bindung und Freiheit - hat Leser zu unterschiedlichen Reaktionen veranlasst. Manche konnten es nicht fassen, dass wir uns überhaupt mit solch einem - ihrer Meinung nach - lange überholten Thema, befassen, für andere waren wir zu weit weg von ihren seit jeher gepflegten Überzeugungen. Wir drucken hier einen etwas ausführlicheren Leserbrief ab, der manche von den Fragen aufwirft, die viele Gläubige haben. Dazu haben wir beide angesprochenen Autoren um ihre Stellungnahme gebeten. Bruder Dr. Wolfgang Schneiß, Referent für Medienrecht und Medienpolitik in der Staatskanzlei des Landes Sachsen verzichtete auf eine Entgegnung. Michael Kotsch von der Bibelschule Brake ist auf einige Einzelheiten eingegangen, die wir für so wichtig halten, dass wir seine Stellungnahme vollständig abdrucken.
Bei dem durchaus ernsthaften Bemühen, eine theologische Klärung zum Thema "Bibeltreue-Freiheit in der Bindung" einen Weg zwischen einengender Gesetzlichkeit und haltloser Weltlichkeit zu schaffen, erscheint mir der theologische Aufsatz von Michael Kotsch durchgehend zu wenig biblisch aufgearbeitet (zu den in den Fußnoten angeführten Bibelstellen wäre ein jeweiliger eingehender Kurzkommentar angebracht, zumal vor allem Paulus in Gal. 5 zur Frage der wahren christlichen Freiheit wertvolle Orientierungshilfen bietet) und dagegen zu stark religions-philosophisch geprägt. Zeitgeistliche Strömungen (z.B. Mode und Musikstile) und die Herausforderung moderner Medien fordern eine sehr gründliche Analyse ihrer Ursprünge und tieferen Absichten, um sie sachkundig an Hand der Bibel und speziell auch eschatologisch gesehen richtig einzuordnen und zu bewerten. Mancher kritische Leser kann sich vielleicht des Eindrucks nicht erwehren, dass die Autoren trotz ihrer festen Überzeugungen in beiden Artikeln zum Thema "Gesetzlichkeit" sich gegenüber modernen zeitgeistlichen Strömungen, die auch vor der Gemeinde nicht halt machen, nicht genügend abgegrenzt haben und daher diesen einen gewissen Freiraum einräumen und ggf. Kompromisse einzugehen bereit sind (z.B. in Modefragen, im Gebrauch der modernen Medien), die unsere vorbildlichen Glaubensväter in ihrer Gewissensverantwortung gegenüber Gottes Wort nicht vertreten hätten.
Was denn nun gesetzlich ist und was nicht, hatte einst der gesegnete Gottesmann Gerhard Tersteegen treffend formuliert. Auch der amerikanische Pastor Dr. A. W. Tozer drückte sich hinsichtlich des "Alten und neuen Kreuzes" nicht minder deutlich aus.
| Diesem Bewegt-Bild-Medium kommt aus prophetischer Sicht heraus eine verführerische Rolle von brisantem Ausmaß zu |
Der Beitrag zum Thema Fernsehen von Michael Kotsch (S.129) wie auch der Artikel "Bibeltreue im Gebrauch der Medien" von Wolfgang Schneiß offenbaren eine besorgniserregende, geringe Kenntnis der tatsächlichen hypnotischen Wirkungsweise gerade dieses gefährlichen elektronischen Mediums, vor dem maßgebliche Medienexperten, wie Neil Postmann, Jerry Mander, Marshall Mcluhan und Mary Winn ausdrücklich gewarnt haben. Zudem kommt gerade diesem Bewegt-Bild-Medium aus prophetischer Sicht heraus eine verführerische Rolle von brisantem Ausmaß zu (Offb13,15f), die mancher aus einer oft blauäugigen Weitherzigkeit heraus oder wegen einer anders geprägten eschatologischen Sichtweise allzu leichtfertig beiseite wischt. Die hierfür gern zitierte Stelle aus Röm14,6-8, wo es um Festtage und Speisen geht, ist m.E. für die Frage nach dem Umgang mit der perfekten "technischen Droge" im Grunde völlig daneben gegriffen! Die Verantwortung vor Gott, vor Seinem geoffenbarten Wort und Seiner teuer erkauften Gemeinde gegenüber gebietet uns als bibeltreuen Dienern am Worte Gottes eine besondere Vorsicht, Wachsamkeit, gründliche Erforschung und prophetische Einsicht, weise Abwägung und seelsorgerlich angemessene Wegweisung für die Gemeinde.
Konservativ-bibeltreue Geschwister werden heutzutage schnell von weltoffenen, kompromissbereiten Gläubigen als gesetzlich, fanatisch, engstirnig, hochmütig oder unbelehrbar verketzert. Zu dem umstrittenen Thema "Fernsehen- ja oder nein" habe ich eine umfangreiche Stellungnahme mit dem Titel "Eine entscheidende Frage" verfasst, die von mir bezogen werden kann.
Aus dem Leserbrief von Friedemann Mache geht nicht eindeutig hervor auf welche konkreten Punkte sich der Vorwurf der falschen Kompromissbereitschaft und Weltoffenheit bezieht. Für mich entsteht fast der Eindruck, als sei jede "Mode und Musikstile", die "modernen Medien" und jede Entwicklung der modernen Zeit auch ohne gewissenhafte Prüfung von vornherein kritisch zu beurteilen. Auf die im Brief genannte Argumentation gegen das Fernsehen möchte ich hier in wenigen Punkten antworten.
1. Den Warnungen Bruder Machés bezüglich der Gefahren des Fernsehens kann ich mich uneingeschränkt anschließen. Ich stimme ihm auch darin zu, dass der von ihm angesprochene Artikel keine umfassende Stellungnahme zum Umgang des Christen mit dem Fernsehen enthält. Das war allerdings auch nicht das Ziel des Artikels, der sich mit dem Leben des Christen zwischen Gesetzlichkeit und Freiheit beschäftigte. Fernsehen war dabei lediglich eine Anwendung der vorher erarbeiteten Prinzipien auf ein konkretes Beispiel. Eine detailliertere Ausführung zum TV habe ich in der Zeitschrift "dennoch" 4/5 1999 gegeben, deren ausführliche Fassung gerne von mir bezogen werden kann. Erwähnen muss ich auch, dass viele der von mir bisher gehaltenen Seminare zu diesem Thema mit dem Vorsatz der Fernsehabstinenz seitens der Teilnehmer geendet hat. Die zweifellos vorhandenen Gefahren des Fernsehens dürfen uns allerdings nicht dazu verführen, eine biblisch unbegründete Technikfeindschaft zu entwickeln. Es geht auch nicht darum, Kompromisse einzugehen.
| Auch die Glaubensväter setzten weltliche Instrumente wie die Orgel ein und dichteten christliche Texte zu Trinkliedern |
2. Von denen im Brief genannten "Glaubensväter" haben wir keine Stellungnahme zum TV, das zu ihrer Zeit als Massenmedium noch gar nicht existierte. Allerdings sollten wir daran denken, dass gerade diese Glaubensväter wegen ihrer modernen Methoden häufig von ihren Geschwistern kritisiert wurden. Im 10. Jahrhundert wurde der Einsatz weltlicher Instrumente wie der Orgel beklagt. Luther dichtete christliche Texte zu Volks- und Trinkliedern, desgleichen William Booth, der wie auch Wesley in weltlichen Hallen und Kneipen predigte, Friedrich von Schlümbach sang als Prediger während seiner Evangelisationen, Hudson Taylor passte sich in seiner äußeren Lebensweise seiner chinesischen Umgebung an. Die Liste der vorbildlichen Christen, die bis dahin ungewohnten und neuen Methoden offen gegenüberstanden ließe sich noch beträchtlich verlängern. Jedesmal wurde ihnen Verwässerung des Glaubens, Abfall, Anpassung an die Mode usw. vorgeworfen.
3. Zweifellos ist es richtig, dass viele Menschen, auch Christen, fernsehsüchtig sind. Andere Christen sind fresssüchtig oder in sündiger Weise abhängig von Sex, Spiel, Konsum oder Lesen. Sollen wir deshalb das Essen, die Sexualität oder die Bücher verbieten? Entscheidend ist in den meisten Fällen psychischer Abhängigkeit nicht der Entzug des Suchtgutes. Viel wichtiger ist es die geistliche Leere der Seele, als Ursache der Sucht, durch Jesus Christus zu füllen. Anderenfalls wird eine Sucht lediglich durch eine neue Abhängigkeit ausgetauscht, die das Vakuum im Menschen ausfüllen soll. Darüber hinaus schließt der falsche und auch süchtige Umgang mit Sexualität oder Essen nicht ihren richtigen von Gott gewollten Gebrauch aus. Der Missbrauch des Fernsehens ist kein biblisches Argument für seine generelle Ächtung, sondern ein Aufruf zum verantwortlichen Umgang.
4. Die pauschale Ablehnung moderner Medien ist biblisch nicht zu rechtfertigen. Wie es das lateinische Wort "Medium" sagt, handelt es sich lediglich um einen Vermittler, über den Informationen von einem Sender zu einem Empfänger transportiert werden. Diese Vermittlung ist notwendig, da wir unsere Gedanken nur so an andere Menschen weitergeben können. In der Vergangenheit wurden dazu unter anderem Briefe, Bücher, öffentliche Reden, Bilder oder Schauspiel benutzt. In neuerer Zeit sind Radio, Fernsehen und Computer dazugekommen. Das Hauptproblem liegt nicht in dem Fernsehen als technischem Gerät, sondern in den dadurch vermittelten Inhalt (übrigens auch in Offb 13,15 ist nicht das Bild schlecht, sondern der Zweck, Menschen zur Abgötterei zu zwingen). Ein Fernsehprogramm das ausschließlich Predigten, biblische Geschichten, moralisch motivierende Filme usw. zeigt, wäre für den Christen kein prinzipielles Problem.
| Jedes Medium beeinflusst den Menschen, selbst die Predigt |
Seit mehr als 2000 Jahren werden Pornographie, exzessive Gewalt, Ideologien und Okkultismus überwiegend durch Bücher vermittelt und verbreitet. Aufgrund dieser sündigen Beeinflussung von Menschen wäre es allerdings verfehlt Bücher an sich abzulehnen. Genausowenig ist es sinnvoll das TV abzulehnen, weil es heute überwiegend dazu genutzt wird für Christen abzulehnende Inhalte zu transportieren. Besser wäre es zweifellos die Fernsehmacher stärker durch Leserbriefe zu beeinflussen und das Fernsehen zur Verbreitung bibeltreuer Gedanken zu nutzen.
| Die Evangelisten dürften dann keine gefühlvollen Lieder mehr singen lassen und die Sünde in der Predigt nicht zu eindrücklich vor Augen malen, weil das den Zuhörer beeinflusst |
5. Als weiterer Grund zur Ablehnung wird die beeinflussende, "hypnotische" Wirkung des Fernsehens genannt. Dabei muss festgehalten werden das jedes Medium den Menschen beeinflusst, denken wir nur an die Schriften des Kommunismus oder die der Nationalsozialisten. Ständig werden wir durch Worte von Menschen, in Zeitungen und Büchern, durch Bilder in Zeitschriften oder auf Plakatwänden beeinflusst. Sicherlich beeinflusst uns das Fernsehen intensiver als die meisten Bücher, weil durch Töne und Bilder gleichzeitig mehrere verschiedene Sinne angesprochen und weil Millionen von Menschen gleichzeitig erreicht werden. Außerdem kommen die bewegten Bilder der Bequemlichkeit vieler Menschen entgegen, weil keine große intellektuelle Anstrengung zu ihrem Konsum von Nöten ist. Auch andere hier nicht mehr erklärte Zusammenhänge erhöhen die Wirksamkeit der Informationsvermittlung durchs Fernsehen gegenüber Büchern und Zeitungen erheblich. Eine intensive Informationsvermittlung oder die Absicht, Menschen entsprechend der eigenen Einstellung zu beeinflussen, ist nicht von vornherein verwerflich, entscheidend ist, was vermittelt wird. Prediger versuchen durch Witze, persönliche Erlebnisse, Mimik, Gestik, Variationen in Sprechgeschwindigkeit und Sprechlautstärke, Rhetorik und Gegenstandslektionen den Zuhörer in seiner Absicht zu beeinflussen. Gute Redner wie Martin Luther King oder Goebbels haben Millionen von Menschen beeinflusst. Müssen wir nun deshalb jede Rede verbieten, oder den Redner auffordern, möglichst langweilig und monoton zu sprechen, sich nicht zu bewegen und möglichst keine Folien oder Beispielgeschichten zu verwenden, weil sie Menschen in ihrem Denken beeinflussen. Die Evangelisten dürften keine gefühlvollen Lieder mehr singen lassen und das Leiden Jesu, die Hölle oder die Sünde in der Predigt nicht zu eindrücklich vor Augen malen, weil das den Zuhörer beeinflusst.
Nur weil ein Medium sich besser als die Predigt oder das Buch dazu eignet, Menschen im Sinne des Absenders zu beeinflussen, muss nicht das Medium an sich schlecht sein. Jede Mitteilung und hoffentlich jeder Prediger hat die Absicht seine Zuhörer in ihrem Denken und Handeln positiv zu beeinflussen. Abzulehnen ist lediglich eine Beeinflussung, die den Verstand des Hörers, die sein Bewusstsein ausschaltet und ihn gegen seinen Willen manipuliert. Das kann sowohl mit Reden und Fotos als auch mit einer Fernsehproduktion geschehen. Zu behaupten, dass Fernsehen prinzipiell den Menschen gegen seinen Willen manipuliert ist nicht zutreffend. Mit dem TV ist eine solche Beeinflussung einfacher als mit einer Rede, da Fernsehen zum gedanken- und kritiklosen Konsumieren einlädt. Folglich ist eine gewissenhaftere Kontrolle und eine gesunde Skepsis um so mehr von Nöten.
| Bibelverse wie Offb 13, 15ff zum Kampf gegen das Fernsehen einzusetzen, widerspricht allen Grundlagen der Hermeneutik |
6. Bibelverse wie Off.13,15ff. zum Kampf gegen das Fernsehen einzusetzen, widerspricht allen Grundlagen der Hermeneutik. Das dort erwähnte Bild ist wie im Text erklärt ein Abbild des endzeitlichen Tieres (V.14), nicht irgendein Fernsehbild. Dieses Bild wird aufgrund eines bestimmten Ereignisses, der Erscheinung und Verletzung des Tieres geschaffen (V.14), vorher existiert es nicht. Nur von einem Bild ist die Rede (V.14f), nicht von Millionen von Fernsehgeräten. Das Bild kann Menschen töten, das Fernsehen nicht. Das Bild will angebetet werden (V.15), das Fernsehen nicht. Das Bild lebt durch den Geist (V.15), das TV durch Strom. In Offb 13 handelt es sich offensichtlich nicht um ein Fernsehgerät, sondern um ein magisch zum Leben erwecktes Abbild (Götzenbild) eines bestimmten endzeitlichen Tieres, welches kultische Verehrung verlangt. Auch andere Bibelstellen sollten erst in ihrem vorgegebenen Zusammenhang ausgelegt werden, ehe sie gegen das Fernsehen eingesetzt werden. Anderenfalls machen sich Christen ähnlich lächerlich, wie die Geschwister, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Radio ablehnten, weil die Radiowellen sich durch die Luft ausbreiteten, in der der Teufel herrscht (Eph 2,2). Zwischenzeitlich wird die Arbeit des Evangeliumsrundfunks allgemein geschätzt und die Christen atmen auch weiterhin Luft, auch wenn der Teufel in ihr herrscht.
Schlussendlich können wir sagen, Fernsehen ist nicht immer Sünde, aber immer öfter.
Friedemann Mache, Brückenstr. 3, 51709 Marienheide
Michael Kotsch, Detmolder Str. 40, 32005 Bad Meinberg