Bibel und Gemeinde
2000-4
Rubrik

Der Dienst der Versöhnung in der Geschichte der Predigt

Michael Kotsch

Kotsch Versöhnen müsste sprachlich und theologisch korrekt eigentlich versühnen heißen, da es von dem Verb sühnen abgeleitet ist.[1] Dem deutschen Wort sühnen liegt die germanische Wurzel *swe swo (= still machen, schlichten) zugrunde. Noch in Luthers Bibelübersetzung findet sich die theologisch eindeutigere Formulierung versühnen. Sühne bezog sich einst auf einen objektiven, sachlichen Ausgleich, wohingegen versöhnen heute nur im personenhaften Bereich, z.B. der Versöhnung zweier Menschen, gebraucht wird. In manchen Kirchenliedern findet sich bis heute noch die alte Form des Wortes mit dem theologischen Inhalt der Zurechtbringung des Menschen mit Gott. "Dein Sohn hat mich versühnt" heißt es in "Ach Gott und Herr", "Und ein ewiges Versühnen kommt in Jesu uns zugut" dichtete Philipp Friedrich Hiller in "Jesus Christus herrscht als König". Auch das bekannte Weihnachtslied "O du fröhliche" greift den Gedanken der Versühnung des Menschen auf, wenn es heißt: "Christ ist erschienen uns zu versühnen".

Versühnung ist die Tat Gottes, der den von ihm getrennten und unter seinem Zorn stehenden Menschen juristisch und persönlich entlastet, um ihm die Gemeinschaft mit seinem Schöpfer zu ermöglichen. "Wir fragen: ‚Wer ist der zu Versöhnende in dieser Versöhnung?' und antworten: Gott! Wir fragen nunmehr: Wer ist der Versöhner, der die Versöhnung stiftet und vollbringt? und antworten wiederum: Gott ..."[2]

Der Mensch ist Gott gegenüber schuldig geworden und weiß das auch. Doch wer muss aufgrund dieser Verschuldungen versöhnt werden? "Wer ist es, dem der Sünder jenes "Lösegeld" schuldet, wer der, dem es des Menschen Sohn entrichtet, der gekommen ist, seine Seele als ein lytrion (Lösegeld, Sühnungsmittel) zu geben (Mk 10,45) und der nach 1Tim 2,6 sich selbst für uns alle, an unserer Stelle (antilytron) als "das Lösegeld" gegeben hat."[3] Gehen Origenes und andere frühe Kirchenväter noch davon aus, dass der Teufel als Ankläger der Menschen zufriedengestellt werden muss, schreibt Anselm von Canterbury erstmals deutlich, dass es Gott ist, dem das Lösegeld gebührt. Anselm formuliert in der Erkenntnis "des unendlichen Schuldgewichtes der Sünde als Sünde an Gott die Antwort ... dass Gott selbst es ist, dem der schuldig gewordene Mensch jene "Genugtuung" schuldet, die doch nur Gott allein leisten kann! Das eigentliche Geheimnis, auf das die anselmische Erkenntnis von der Genugtuung, die "größer sein muss als alles, was nicht Gott ist"[4] bezogen ist, ist in der genauen Entsprechung dazu, dass der geringste Ungehorsam - an Gott begangen - schwerer wiegt als Himmel und Erde ..."[5] Jesus hat so Gottes für den Menschen unbezahlbare Schuldforderungen an uns restlos bezahlt; er hat die über den Menschen verhängte Strafe restlos abgebüßt. "Die Vollmacht Jesu, von der die Christologie handelt, geht dahin, den sündigen Menschen die Gemeinschaft mit Gott aufzutun ... durch seinen Opfertod werden die Menschen frei von der Verfallenheit an Gottes Gericht, und die neue Ordnung Gottes kommt, bei der er die Sünde vergibt (Mk 10,45; 14,24)."[6] "Jesus stellt den Frieden her zwischen Gott und der Menschheit, die Gemeinschaft der Liebe. Mit dem zentralen neutestamentlichen Worte: Er wirkt Versöhnung."[7]

Der geringste Ungehorsam - an Gott begangen - wiegt schwerer als Himmel und Erde

Dienst der Versöhnung

Da die Frage der Versöhnung die Hauptfrage des Handelns Gottes mit den Menschen ist, von dem uns die Bibel berichtet, müssten wir die ganze Theologie besprechen, um Gottes "Dienst der Versöhnung" zu verstehen. Wollen wir den "Dienst der Versöhnung" in der Geschichte betrachten, könnten wir uns die Veränderungen der Theologie in Bezug auf die Lehre der Versöhnung vor Augen führen, müssten aber eigentlich jedes Geschehen in der Geschichte der Gemeinde Gottes betrachten, da Gott nicht nur in theologischen Überlegungen, sondern auch in persönlichen Begegnungen oder weltgeschichtlichen Ereignissen handelnd eingreift, um die Botschaft von der Versöhnung zu verbreiten. All das ist in einem kurzen Aufsatz wie diesem natürlich nicht annähernd möglich. Deshalb wollen wir den Aspekt der Verkündigung des Versöhnungshandelns Gottes herausgreifen. Auch wenn Gott der Versöhnende und der Versöhner ist, bezieht er uns Menschen in die Verbreitung der Botschaft von der Versöhnung ein. Gott benutzt Christen bzw. die Gemeinde, um andere Menschen mit seinem Versöhnungshandeln zu konfrontieren, ihnen Frieden mit Gott zu bringen (2Kor15, 18-21). Wir wollen uns im Folgenden damit beschäftigen, welche Wege in der Geschichte der christlichen Gemeinde beschritten wurden, um die Versöhnung Gott bekannt zu machen.

Persönliche Evangelisation - der Normalfall

Durch all die theologischen, kulturellen und politischen Veränderungen der vergangenen Jahrhunderte hindurch, wurde der christliche Glaube vor allem in persönlichen Beziehungen und privaten Gesprächen bezeugt und weitergegeben. Während Zeiten der Verfolgung gab es häufig kaum andere Möglichkeiten, seinen Glauben zu bekennen, vor dem Einsatz moderner Massenmedien stand dem Menschen kaum mehr als der Einsatz der eigenen Stimme zur Verfügung. Außerdem kann allein im persönlichen Kontakt der Glaube kontinuierlich über längere Zeit hinweg glaubwürdig bezeugt, individuelle Antworten auf Einwände gegeben und die seelsorgerlichen Probleme des betreffenden Menschen besprochen werden. Obwohl bis heute wahrscheinlich die größte Zahl aller Christen durch persönliche Gespräche mit der Botschaft der Versöhnung erreicht worden sind, ist die Veränderung von Form und Inhalt dieser Beziehungen nur schwer nachzuzeichnen, weil die meisten dieser Gespräche weder schriftlich noch elektronisch aufgezeichnet wurden.

Die Predigt - Verkündigung der Versöhnung

Die Predigt ist die auch in der Bibel benannte Grundlage der Verkündigung der Versöhnung (Röm10,17; Gal 3,2). Da Christen zu allen Zeiten Predigten aufschrieben, liegt auch reichhaltiges Material vor, das uns einen Einblick in die Veränderungen der christlichen Predigt gibt.

Lehrmäßige Predigten erklären die Grundlagen des Glaubens oder umstrittene christliche Auffassungen wie die Taufpraxis

In der Alten Kirche sind die uns überlieferten Predigten meist der Schriftauslegung oder der moralischen Ermahnung der Gemeinde gewidmet, aber auch der Aufruf zu Buße und Bekehrung findet sich. Ausleger wie Chrysostomus beginnen ihre Predigt mit der Auslegung eines Bibeltextes und gehen daraufhin zur Ermahnung und Anwendung über. Immer wieder werden in den Predigten auch konkrete aktuelle Themen aufgenommen. So wird über Weihnachten oder Ostern gesprochen, gegen Ketzer argumentiert, die Stellung des Christen zu Wucher, Eid und Spielen diskutiert, Augustinus spricht über die Eroberung Roms durch die Westgoten, Basilius von Caesarea über eine momentane Hungersnot und Johannes Chrysostomus bezieht sich auf ein lokales Erdbeben. Lehrmäßige Predigten erklären die Grundlagen des Glaubens oder umstrittene christliche Auffassungen wie die Taufpraxis.

Gepredigt wurde hauptsächlich sonn- und feiertags aber auch samstags. Predigtgottesdienste fanden sowohl morgens als auch abends statt. Die häufig mehr als eine Stunde dauernde Predigt wurde von den Besuchern sitzend, manchmal auch stehend verfolgt. Der Prediger sitzt meist erhöht, um von allen gesehen zu werden und hält die Schrift für oft längere Zitate in der Hand. In vielen mehrsprachigen Gemeinden wird die Predigt entsprechend übersetzt.[8]

Im Frühmittelalter werden verstärkt Missions- und Bekehrungspredigten gehalten, um die heidnisch germanische Bevölkerung für den christlichen Glauben zu gewinnen. Leider sind nur indirekte Zeugnisse dieser Predigten erhalten. In ihnen wird der christliche Glaube in seiner konkreten Brauchbarkeit für die Lebensbewältigung beschrieben. Neue Lebensbräuche, Gebete und Riten sollen eingeübt werden. In den gottesdienstlichen Predigten werden Auslegungen liturgischer oder bekenntnismäßiger Bibeltexte vorgetragen oder lediglich vorgelesen. Meist beschäftigen sich die Predigten mit moralischer Unterweisung anhand der Gebote und einer Einführung in die Grundlagen des christlichen Glaubens. Die Volkspredigt richtete sich in der jeweiligen Volkssprache an die Bevölkerung. Besonders viele Predigten sind aus den Klöstern des Mittelalters erhalten. Häufig wurden allegorisch ausgelegte Bibeltexte als Briefe oder theologische Traktate über das Kloster hinaus verbreitet.

Seit dem 13. Jahrhundert gewinnt die scholastische Schulpredigt immer größeres Gewicht: "Die Predigt ist eine offizielle und öffentliche Belehrung über Lebensweise und Glaube; hergeleitet aus Verstandesgründen und der Quelle der Autoritäten, dient sie zur Unterweisung der Menschen"[9] Im Gegensatz zur unterhaltenden und motivierenden Volkspredigt soll die systematisch und rhetorisch aufgearbeitete Schulpredigt einen biblischen Sachverhalt möglichst eingehend darstellen. In den scholastisch geprägten Volkspredigten der Bettelmönche schließt sich an den Bibeltext meist eine mit zahlreichen Beispielen illustrierte moralische Ermahnung und Belehrung an. Manchmal wird der Ausgangspunkt der Predigt auch in einem Beispiel, einem historischen Ereignis oder der Natur gesucht. Die Predigten der Waldenser und der vorreformatorischen Anhänger Wyclifs und Huss lehnen sich formal an diese Formen der Volkspredigten an.

"Die Predigt soll den Menschen zum Glauben anhalten, locken reizen."

Bei Luther steht die Predigt im Zentrum der kirchlichen Praxis. Das Wort Gottes ist für ihn zugleich Inhalt und Medium der Theologie. Predigt ist nur möglich, weil Gott zum Menschen redet. Die Predigt soll den Menschen zum Glauben anhalten, locken reizen[10] In den mehr als 2000 von Luther erhaltenden Predigten spricht er eine einfache verständliche Sprache. Er benutzt weder eine allegorische Schriftauslegung noch die ausgefeilte Gliederungssystematik der Scholastiker. In seinen Postillenpredigten will er ungeübten Predigern oder Laien Vorbilder liefern: "Sonst kompts doch endlich dahyn, das ein iglicher predigen wird was er wil, und an stat des Evangelii und seyner auslegung widderumb von blaw endten gepredigt wird."[11] Neben den Auslegungen der Perikopen des Kirchenjahres hält Luther auch Predigtreihen, in denen er ganze biblische Bücher für die Gemeinde auslegt. Dabei zieht er in seinen Predigten viele biblische Paralleltexte heran, stellt immer einen Bezug zum Glauben an Jesus Christus her und versucht den Hörern die Welt der Bibel unmittelbar zu vergegenwärtigen. Zeitgenossen Luthers orientierten sich häufig an seiner Predigtweise, manchmal wurden seine Predigten lediglich vorgelesen. Entsprechend der großen Bedeutung der Predigt in der Reformation wurde oft und lang gesprochen. Zwei bis dreimal wurde an normalen Sonntagen gepredigt, mindestens dreimal in der Woche, in der Fastenzeit wurde täglich ein Predigtgottesdienst gehalten. Allerdings bedienten sich die meisten Pfarrer dieser Zeit verbreiteten Predigtsammlungen als Grundlagen ihrer eigenen Ansprachen.

Zwingli predigt in seiner Zeit in Zürich fast täglich, wobei er sich gegen die festgelegte Perikopenordnung wendet und statt dessen fortlaufend die Bibel auslegt. Unerschrocken wendet er sich darin gegen die Sittenverderbnis und spricht sogar einzelne Zürcher Bürger namentlich an. Auf der Grundlage der Bibel nimmt er zu aktuellen religiösen und politischen Themen Stellung, so zur Heiligenverehrung, zur Fegfeuerlehre, zum Kriegsdienst oder zum Fasten. Er vermeidet übermäßige Rhetorik und versucht seiner Gemeinde in einfacher Gedankenführung Christus einzuprägen und sie zum selbstständigen Umgang mit der Bibel zu erziehen.[12]

Calvin predigte mehrmals in der Woche für jeweils mehr als eine Stunde. Dabei legte er die Bibel kontinuierlich in einer festen Abfolge aus. "Calvins Predigten verfolgten das Ziel, das Wort der Schrift im Lebenszusammenhang der Hörer als doctrina geltend zu machen, woraus sich ein gewisser Hang zur Gesetzlichkeit erklären mochte."[13]

Im 16. und 17. Jahrhundert wurden von einem Pfarrer jährlich ca. 200 Predigten erwartet mit einer Länge zwischen ein und zwei Stunden

Die Pfarrer der lutherischen Orthodoxie mussten sich nach der Perikopenordnung richten, die ihnen für jede Predigt einen speziellen Bibeltext vorschrieb. Durch verschiedene Auslegungsmethoden und umfangreiche Materialsammlungen mit Anekdoten, Gleichnissen und Beispielen versuchten die Pfarrer ihre Predigtmöglichkeiten zu erweitern und zu variieren. Die hohe Zahl der zu haltenden Predigten erschwerte die Vorbereitungen der Pfarrer darüber hinaus. - Im 16. und 17. Jahrhundert wurden von einem Pfarrer jährlich ca. 200 Predigten erwartet mit einer Länge zwischen ein und zwei Stunden. Die reformatorische Schriftgemäßheit verwandelte sich bei nicht wenigen Pfarrern zur Schriftgelehrsamkeit, die eher die eigene Belesenheit demonstrierte als die sachgemäße und praxisnahe Auslegung des Wortes Gottes. Im Allgemeinen jedoch blieb die Predigt nicht in den kontroversen theologischen Streitigkeiten der Zeit stecken, sondern vermittelte eine, an Bibel und Katechismus orientierte, erfahrungsbezogene Grundlage im christlichen Glauben. Die Predigten der reformierten Theologen ähnelten denen ihrer lutherischen Kollegen. Bei den Reformierten in den Niederlanden wird bis zu vier Stunden gepredigt.

In England entsteht in der puritanisch und presbyterianischen Theologie eine bibel- und praxisorientierte Predigtweise.

Johannes Arndt will durch seine Predigten ein warmes Herzenschristentum, eine individuelle Frömmigkeit des einzelnen Christen fördern. Er bemüht sich, die zentralen Lehrinhalte lutherischer Theologie auf die innere Erfahrung des einzelnen Gemeindegliedes hin zu konkretisieren.

Christian Scriver predigt auf lebendige und anschauliche Weise Buße und individuelle Erbauung. Er illustriert seine Predigten mit Beispielen aus der Natur und der Mechanik.

Im Gegensatz zum Bildungsgehabe der aufklärerischen Predigten wollte der Pietismus biblischer, einfacher und praktischer sein. Als Predigtziel formulierte man die individuelle Verinnerlichung des Wortes Gottes und die Entscheidung zur Bekehrung. Die Forderungen zur Heiligung des täglichen Lebens sollten dem Christen vermittelt werden. In seiner Pia Desideria fordert Ph. J. Spener den Hörer durch die Predigt einfältig zu erbauen und durch eine ausführliche Exegese, Lehre, Vermahnung und Trost moralisch- ethisch von Nutzen zu sein.

Bengel las in seinen klaren und einfachen Predigten ganze Kapitel der Bibel vor, um die Bibelkenntnis zu fördern

Die zwischen ein und zwei Stunden andauernden Predigten August Herman Franckes konzentrieren sich auf die Themen Buße und Bekehrung, die mit vielen Bildern und Bibeltexten vermittelt wurden. Johann Albrecht Bengel plädierte für klare und einfache Predigten, während derer er ganze Kapitel der Bibel vorlas, um die Bibelkenntnis zu fördern.

In zunehmenden Maße wurden zu dieser Zeit theologische Wahrheiten von Philosophie und Wissenschaft relativiert. In der Theologie reagierte man auf diese Säkularisierung mit dem Versuch der Versöhnung von Christentum und Kultur. Einerseits sollte die Predigt auf rationale Weise den Glauben einsichtig vermitteln, andererseits die Moralität als Inbegriff von Religion stärken. Psychologische und pädagogische Erkenntnisse sollten helfen, die Predigt auf den praktischen Lebensvollzug auszurichten. Immer mehr verkam die Kanzel allerdings auch zum Katheder der Aufklärung. Für die Mitte des 18. Jahrhunderts verbreitete Neologie galt nur noch das als predigtrelevant, "was Verstand und Gefühl der Hörer zu berühren und ihre Religion und Sittlichkeit ("Glückseligkeit") zu befördern vermag."[14] Biblische Texte galten nur noch als historisch überholte Einkleidungen allgemeiner Wahrheiten. Generell machte sich eine Tendenz zu Moralismus und Athropozentrismus bemerkbar[15] Pfarrer wie W.A. Teller und J.G. Marezoll schließlich predigten ohne biblische Textgrundlage über moralische, politische und geschichtliche Themen. Gelegentlich blieb dabei nur noch ein platter Utilitarismus übrig, der sich mit den Vorzügen der Stallfütterung oder dem Nutzen des Spazierengehens beschäftigten.

George Whitefield und John Wesley (der über 40 000 Predigten gehalten haben soll) wollten die Grundgedanken des Evangeliums in einer bildkräftigen und das Gemüt ansprechenden Weise vermitteln. Sie widmeten sich den christlichen Grundwahrheiten, insbesondere der Gegenüberstellung von Himmel und Hölle und der Heiligung des Christen.

Schleiermacher ging es im 19. Jahrhundert im wesentlichen um das Ablegen einer mündlichen Rechenschaft über die eigene religiöse Erfahrung (im Gefühl der Abhänigkeit) in der Predigt. Besonders den gebildeten Zuhörern wollte er durch psychologisch und philosophisch geprägte Gedankengänge helfen den christlichen Glauben zu vergewissern.

Erweckung: Für C. Harms sollte die Heiligkeit und Gottheit Gottes, so wie sein gnädiges Handeln an den Menschen im Mittelpunkt der Predigt stehen, was ihn allerdings nicht daran hinderte, auch über aktuelle soziale Fragen wie Korruption und Vergewaltigung in seinen Predigten zu sprechen.

F.A.G. Tholuck sah in der Predigt einen indirekten Dialog mit den Gottesdienstbesuchern. Seine oft tiefe Erschütterung zurücklassenden Predigten waren ganz auf die unter der Gottlosigkeit leidenden Menschen ausgerichtet: "Der Prediger (lege) die Heilige Schrift aus ohne alle anderen Voraussetzungen als die eines Herzens, welches für rein Menschliches empfänglich ist."[16] Für den auch von der Erweckungsbewegung geprägten L.Harms stehen die in einer Predigt zu vermittelnden Grundwahrheiten fest: "O ich möchte nicht eine einzige Predigt tun, von der nicht Jesus Christus der Gekreuzigte der Eckstein wäre, es möchte ja ein betrübter Sünder in meiner Kirche sein, der Jesum, den Sünderheiland, suchte und den ich dann um seine Seligkeit betröge."[17]

Den Predigthörer biblische Texte in spannenden Erzählungen und grandiosen Naturbeschreibungen nachleben lassen

W. Krummacher wollte biblische Texte in spannenden Erzählungen und grandiosen Naturbeschreibungen den Predigthörer nachleben lassen. In den Predigten von W. Löhns wurde das kirchliche Sakrament besonders hervorgehoben: "Das Sakrament bildet, das Sakrament erhält, das Sakrament fördert und vollendet die Gemeinde, wenn es erfasst, dargelegt, gereicht und gebraucht wird..."

Die sich gegen den Rationalismus wendenden neuorthodoxen Predigten beschäftigten sich insbesondere mit Gnade, Rechtfertigung, Sünde, Heiligung, Bekenntnis und Sakrament.

Der Vermittlungstheologe C.I. Nitzsch betonte in seinen Predigten die ethische Verantwortung des Christen. In der Predigt würde das durch die Schrift vermittelte Wort Gottes mit einer lebendigen Beziehung auf die gegenwärtigen Zustände vermittelt. In der selben Zeit benutzt L. Hofacker in seinen Predigten eine anschauliche Bildersprache, um eine persönliche Sündenerkenntnis zu fördern und in dem gegenwärtigen "Satansreich" die Herrschaft Gottes zu proklamieren.

1890 begann die Diskussion um die "moderne Predigt", die sich durch Verständlichkeit, Menschennähe, Kommunikation und psychologische Differenzierung auszeichnen sollte. Für M. Peters zeigt sich dieser neue Predigtstil in einem höheren Grad an Subjektivität, die auch den einzelnen Hörer individualisiert, in einer Zuwendung zum Wirklichen und Praktischen und einer Aufnahme moderner Weltanschauungen.[18]

B. Dörries griff in seinen Predigten vor seiner Arbeitergemeinde Themen wie Arbeitslosigkeit auf, um zu zeigen, dass Gott die Welt liebt und die Menschen nicht auf ein Jenseits vertrösten, sondern ihnen helfen will, im alltäglichen Leben zu bestehen. Bei den religiösen Sozialisten L.Ragaz und H.Kutter traten die Probleme des diesseitigen Lebens noch stärker in den Mittelpunkt der Verkündigung. A.Schlatter versuchte demgegenüber bibelorientiert und doch auf den damaligen Hörer und seine Situation ausgerichtet zu predigen.

Bultmann will sich in seiner Predigt argumentativ auf Dichtung, geistliche Lyrik und Wirk-lichkeitserfahrung beziehen

Nach K. Barth muss der Prediger erst das Leben in der Bibel und das Leben in der Welt verstehen, um dem Hörer das Wort Gottes weiterzugeben. "Predigen heißt ablesen, was geschrieben steht, ein Ablesen freilich, das zur Anrede wird an den Menschen von heute, aber so, dass auch dieser Mensch von heute durch die Predigt seiner Kirche zum Schüler der Heiligen Schrift wird."[19] Bultmann will sich in seiner Predigt argumentativ auf Dichtung, geistliche Lyrik und Wirklichkeitserfahrung beziehen, um aufzuzeigen, wie sich Gott als die die menschliche Existenz bestimmende Wirklichkeit erweist.

Nach dem 2. Weltkrieg wandten sich die Pfarrer vornehmlich seelsorgerlichen Themen und der Vermittlung kirchlicher Lebenswelt zu. H.Lilje forderte "zurück zu Christus". Seine den Glauben vergewissernde und missionarisch ausgerichteten Predigten hoben in besonderer Weise die Rechtfertigungslehre hervor. K. Heim bemühte sich durch seine apologetischen Predigten, dem in einer von den Naturwissenschaften geprägten Welt lebenden Menschen die Realität und Gegenwart Gottes vor Augen zu stellen. H. Thielicke wollte durch seine oft von ethischen Themen geprägten Predigten dem Hörer den Glauben vergewissern, dass Gott von der Last der Vergangenheit und der Angst vor der Zukunft befreie.

Seit 1965 wenden sich die Prediger immer stärker der Situation des Mensch zu, auf den der entsprechende Bibeltext bezogen wird. Grunderfahrungen des Lebens sollen dialogisch entfaltet und in Form eines persönlichen Zeugnisses zum Gespräch gestellt werden. Die Glaubensgewissheit kann nicht ein für allemal erlangt werden, sondern muss in den veränderten Situationen der Lebensgeschichte immer wieder neu erfahren werden, wobei die Texte der Bibel ein Ausgangspunkt sein können.[20] Neben narrativen (erzählenden) Predigten begannen vor allem Predigten aufgrund subjektiver Betroffenheit über Krieg, Fremdenhass oder Frauenbenachteiligung das Gemeindeleben zu dominieren.

In den letzten Jahrhunderten hat eine deutliche Akzentverschiebung von Gott zum Menschen stattgefunden

Neben der wechselnden Form (z.B. Länge, allegorische Auslegung, Textauslegung) und den unterschiedlichen Inhalten der Predigten (z.B. moralische Ermahnungen, dogmatische Lehre, aktuelle Bezüge) fällt insbesondere auf, dass in den letzten Jahrhunderten eine deutliche Akzentverschiebung von Gott zum Menschen stattgefunden hat. Es ist bedenklich, dass seit der Aufklärung und dem Pietismus die Bedürfnisse des Menschen, sein Gefühl, sein Intellekt und seine Probleme mehr und mehr in den Mittelpunkt der Verkündigung gerückt sind.

In der Frage nach der richtigen Form der Predigt stellte schon C.Harms fest: "Nun, der heilige Geist wird über die Prediger kommen, wird den alten Glauben in eine neue Vortragsform bringen und wird neue Wege zu den Herzen der Hörer zeigen, bahnen."[21]


Michael Kotsch verh., zwei Kinder, Studium an der FETA Basel, ist seit 1995 Lehrer an der Bibelschule Brake

Anschrift:
Detmolder Str. 40, D-32005 Bad Meinberg


Fußnoten

[1] vgl. zur sprachlichen Herkunft von "versöhnen" Friso Melzer; Das Wort in den Wörtern, Tübingen 1965, S.328f
[2] Heinrich Vogel; Gott in Christo. Dogmatik, Berlin 1951, S.773
[3] Heinrich Vogel; aaO, S.770
[4] Anselm, Cur Deus Homo, II. Buch, Kap. VI
[5Heinrich] Vogel; aaO, S.770
[6Paul] Althaus; Die christliche Wahrheit, Bd.2, Gütersloh 1948, S.241
[7Paul] Althaus; aaO, S.245
[8] vgl. Friedrich Wintzer, Art. Predigt V Alte Kirche, TRE Bd.27 (1997), S.244ff
[9] PL 210,111C
[10] Luther; WA 30/1,234,27
[11] Luther; WA 19,95,12-14
[12] vgl. Alfred Niebergall, Die Geschichte der christlichen Predigt, Leit 2, 1956, S.281
[13] Albrecht Beutel Art. Predigt VIII, TRE Bd.27, 1997, S.299
[14] Albrecht Beutel Art. Predigt VIII, TRE Bd.27, 1997, S.306
[15] Z.B. A.F.W. Sack; J.F.W. Jerusalem
[16] bei: FriedrichWintzer; Claus Harms. Predigt und Theologie, Flensburg 1965, S.60
[17] bei Hugald Grafe; Die volkstümliche Predigt des Ludwig Harms; Göttingen 1965, S.71
[18] vgl. Friedrich Wintzer, Die Homiletik seit Schleiermacher, Göttingen 1969, S.158f.
[19] Barth / Thurneysen, Die große Barmherzigkeit, München 1935, Vorrede
[20] vgl. D. Rössler, Vergewißerung, 1979, Vorwort
[21] bei: Friedrich Wintzer; Claus Harms. Predigt und Theologie, Flensburg 1965, S.99

Alle Texte dürfen nur FÜR DEN PERSÖNLICHEN GEBRAUCH kopiert werden. Jede weitergehende Kopie oder Vervielfältigung bedarf der ausdrücklichen Erlaubnis des Bibelbundes.

Bibelbund e.V. Anschriften