Bibel und Gemeinde
2000-4
Kritik der Bibelkritik

Glaube und intellektuelle Redlichkeit

Versuch einer Antwort an Gottfried Schröter

Andreas Lindemann

In seiner Ausgabe Nr. 50 vom Dezember 1999 veröffentlichte "Der Spiegel" ein Interview mit dem renommierten Neutestamentler Prof. Dr. Andreas Lindemann. In "Bibel und Gemeinde" Nr. 2/2000 nahm Prof. Dr. Gottfried Schröter dazu Stellung. Prof. Lindemann fragte daraufhin bei uns an, ob wir bereit wären, eine Entgegnung von ihm zu veröffentlichen. Wir haben uns gern dazu entschlossen, weil wir unseren Lesern die Argumente, die hier an einem konkreten Beispiel in fairer Weise vorgetragen werden, nicht vorenthalten wollten. Natürlich tun wir das nicht, ohne anschließend eine weitere Stellungnahme von unserer Seite hinzuzufügen. Prof. Lindemann war mit dieser Vorgehensweise einverstanden. Die neuerliche Stellungnahme stammt von Dr. Armin D. Baum, Dozent an der Freien Theologischen Akademie Gießen.

(d. Red.)

Lindemann Professor Dr. Gottfried Schröter zitiert in Ausgabe 2/2000 dieser Zeitschrift ausführlich aus meinem am 13. Dezember 1999 veröffentlichten "Spiegel"-Gespräch, in dem es um Fragen der historischen Jesusforschung ging; er kommentiert meine Aussagen kritisch, zum Teil auch recht polemisch. Ich bin der Schriftleitung sehr dankbar dafür, dass sie mir die Möglichkeit eingeräumt hat, darauf zu reagieren.

Meine Antworten auf die historischen Fragen darf ich nicht daran binden, dass sie mit den Aussagen des Glaubens übereinstimmen

Schon der ersten Feststellung Schröters muss ich widersprechen: Die mit den Methoden historischer Forschung wissenschaftlich arbeitenden Theologen sind durchaus nicht "genötigt", die Bibel "'glaubensfrei' zu untersuchen", wie Schröter meint. Wenn ich die Bibel lese und zu verstehen versuche, dann tue ich das zwar tatsächlich möglichst vorurteilslos; meine Antworten auf die historischen Fragen darf ich nicht daran binden, dass sie mit den Aussagen des Glaubens übereinstimmen. Aber ich habe im "Spiegel" und an vielen anderen Orten immer wieder betont, dass mein Glaube an Gottes Handeln in Jesus von Nazareth nicht von den jeweils gewonnenen historischen Erkenntnissen abhängig ist. Gottfried Schröter kommentiert dies nun mit der Bemerkung, er kenne "keine Wissenschaft, in der ein nicht stattgefunden habendes Ereignis die Basis" des eigenen Arbeitens sei. Das ist zumindest ein Missverständnis: Ich habe im "Spiegel" gesagt, dass, wenn Jesus von Nazareth nicht gelebt hätte, der christliche Glaube sinnlos wäre; er wäre auch dann sinnlos, wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre. Der Glaube ist aber nicht davon abhängig, ob wir historisch genau zu sagen vermögen, in welchem Jahr und in welcher Stadt des damaligen Palästina Jesus geboren wurde. Als Ausleger der Bibel habe ich es mit Texten zu tun, die ich so gut wie möglich historisch zu erklären und inhaltlich zu verstehen versuche. Die Texte bezeugen den Glauben, den auch ich habe; ich kann und muss durchaus fragen, ob diese Texte historische Aussagen machen, die unabhängig vom Glauben als Tatsachen zutreffend sind - ich brauche dies aber nicht als in jedem Fall gegeben vorauszusetzen.

Gottfried Schröter kritisiert mich scharf, weil ich gesagt habe, kein Bibelausleger behaupte, dass es sich bei den Evangelien um "Lebensbeschreibungen Jesu" handelt. Was ich meine, ist einfach dies: Wer die Evangelien nebeneinander und nacheinander liest, erkennt sofort, dass es den Evangelisten nicht darauf ankam, den "Lebenslauf" Jesu historisch korrekt darzustellen.

Der Kirche kam es auf die Vielfalt des Zeugnisses an, nicht auf die Vermittlung historischer Fakten des Lebens Jesu

Nehmen wir als Beispiel die Bergpredigt: Nach der Darstellung des Matthäus war dies Jesu erste Predigt, und er hielt sie auf einem Berg; innerhalb dieser Predigt sagte er seinen Hörern auch das Vaterunser-Gebet. Nach der Darstellung des Lukas hat Jesus seine erste Predigt in der Stadt Nazareth gehalten; die Rede in Lk 6,20-49, die der Bergpredigt im Wortlaut an vielen Stellen entspricht, fand auf einem Feld statt - und das Vaterunser enthielt sie nicht. Nach Markus und nach Johannes hat Jesus überhaupt keine derartige Predigt gehalten, und er hat seinen Jüngern auch das Vaterunser nicht mitgeteilt. Wollten wir die Evangelien tatsächlich als "Lebensbeschreibungen" lesen, könnten wir nur diese Widersprüche feststellen; wir müssten diese Lebensbeschreibungen dementsprechend als höchst unzuverlässig ansehen. Aber die Evangelien sind keine historischen Biographien. Sie sind vielmehr die frohe Botschaft von Gottes Handeln in Jesus; dabei haben die Evangelisten durchaus unterschiedliche Wege gefunden, ihren Lesern diese frohe Botschaft zu vermitteln. Indem die Kirche nicht nur ein Evangelium ins Neue Testament aufgenommen hat, sondern deren vier , hat sie gezeigt, dass es ihr auf die Vielfalt des Zeugnisses ankam, nicht auf die Vermittlung historischer Fakten des Lebens Jesu.

Gottfried Schröter kritisiert, dass ich der Aussage zustimme, wir wüssten nichts über Jesu Lebensjahre bis zu seinem ersten öffentlichen Auftreten; er hält mir "alle Weihnachtsgeschichten" entgegen. Ganz richtig schreibt er, dass ich zwar glaube , was in Lk 2 steht (dass nämlich Jesus geboren wurde als der Heiland der Welt), dass ich aber zugleich weiß , dass es historisch nicht so war, wie es Lukas etwa zu Beginn der Geburtsgeschichte schreibt (auf Schröters Bemerkungen zu bestimmten Märchen und zur Dichtung Selma Lagerlöfs möchte ich hier nicht eingehen). Wir sind über die Regierungszeit des Kaisers Augustus historisch sehr gut informiert; wir wissen, dass es eine weltweite Steuererhebung, wie sie in Lk 2,1 erwähnt wird, nach allen anderen antiken Quellen nicht gegeben hat. Dies zu wissen bedeutet aber nicht, dass die Weihnachtsgeschichte wertlos würde, nur weil Lukas einen falschen historischen Zusammenhang hergestellt hat. Wichtig ist: Lukas zeigt uns, dass die "alle Welt" betreffende Herrschaft des Augustus bei weitem übertroffen wird durch jenes Kind, das die Hirten in der Krippe (von einem Stall ist übrigens nicht die Rede) finden.

Wenn ich im Glaubensbekenntnis die Worte spreche "geboren von der Jungfrau Maria", dann mache ich damit keine biologische oder gynäkologische Aussage über den körperlichen Zustand der Mutter Jesu

Schröter kritisiert, dass ich die Jungfrauengeburt Jesu nicht für eine historische Tatsache halte. Er verweist auf entsprechende Phänomene im Pflanzen- und Tierreich (wo es sich freilich nicht um besondere Wunder handelt, sondern um die biologisch üblichen Vorgänge). Wenn ich im Glaubensbekenntnis die Worte spreche "geboren von der Jungfrau Maria", dann mache ich damit keine biologische oder gynäkologische Aussage über den körperlichen Zustand der Mutter Jesu - mir käme es im Gegenteil geradezu lästerlich vor, darüber nachzudenken. Mit der aus dem Matthäus- und dem Lukasevangelium übernommenen Rede von der wunderbaren Geburt Jesu bringen wir den Glauben an die einzigartige Verbindung Jesu mit Gott zum Ausdruck; der Evangelist Johannes hat mit seiner Aussage von der Fleischwerdung des Wortes dasselbe getan, ohne dass er die Vorstellung der Jungfrauengeburt gekannt hat. Übrigens: Maria spricht in Lk 2,48 vom Vater Jesu, und sie meint damit Joseph; Jesus spricht in seiner Antwort V. 49 ebenfalls von seinem Vater, und er meint damit Gott. Es wäre eine den Textsinn verfehlende Auslegung, wenn man meinte, hier werde von biologischen Tatsachen gesprochen.

Gottfried Schröter kritisiert mich, weil ich gesagt habe, dass mein Glaube an Jesu Auferweckung unberührt bliebe, wenn Reste des Leichnams Jesu gefunden werden sollten. Das sei die Argumentation jener Leute, die wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern "selbst dort eine Auferstehung glauben können, wo der Augenschein dagegen steht"; er selber glaubt "an ihre Realität und an den heiligen Geist, der von dem Auferstandenen ausging und heute noch ausgeht". Im Glauben an das Wirken des Heiligen Geistes sind wir uns ganz einig; aber ist das nicht auch ein Glaube, der dem Augenschein durchaus nicht immer entspricht? Wie sähe Schröters Antwort aus, falls tatsächlich eines Tages Jesu Leichnam zweifelsfrei identifizierbar entdeckt würde? Müssten wir einem Archäologen, der einen entsprechend beschrifteten Sarg fände, den Befehl geben, diesen Sarg nicht zu öffnen, weil sonst der Glaube gefährdet würde? So hat die Kirche auf Galilei und auf Charles Darwin reagiert: Wenn wir zugeben, dass die Welt und die Menschen nicht so entstanden sind, wie es in den ersten Kapiteln der Bibel dargestellt ist, dann bedeutet das letztlich, dass die Welt nicht von Gott geschaffen ist - und also müssen wir das moderne Weltbild und die Evolutionstheorie bekämpfen, solange es geht. Das kann doch nicht im Ernst unsere Meinung sein.

Nein, wenn ich und viele andere mit mir das historische Arbeiten und den christlichen Glauben miteinander zu vereinbaren vermögen, dann sind wir nicht "schizophren", wie es Rudolf Augstein, Gerd Lüdemann und offenbar auch Gottfried Schröter uns unterstellen. Denn die Wahrheit der von der Bibel bezeugten christlichen Botschaft besteht nicht darin, dass die biblischen Schriften als Dokumente aufgefasst werden müssten, die historische Tatsachen vermitteln, und die ich womöglich auch dann "für wahr zu halten" hätte, wenn ich weiß, dass es zahlreiche Gegenargumente gibt. Die Wahrheit der biblischen Schriften liegt vielmehr darin, dass sie Zeugnis ablegen von dem sich uns zuwendenden Gott. Diese Wahrheit ist es, an die ich glaube und die ich als christlicher Theologe lehre und verkündige - auch im Gespräch mit kritisch fragenden "Spiegel"-Redakteuren.


Prof. Dr. Andreas Lindemann ist Inhaber eines Lehrstuhls für Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule Bethel.


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