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2000-4 |
Bibelstudien & Predigten |
Um die Zusammenhänge in der Familie, in der Jakobus aufwuchs, besser zu verstehen, ist es nützlich, die Angaben über die Verwandtschaft aus dem Neuen Testament zusammenzutragen. Meist fallen diese Beziehungen beim Bibellesen nicht auf. Sie können aber manches besser verständlich machen.
Maria, die Mutter des Jakobus, war mit Elisabeth, der Frau des Priesters Zacharias, verwandt, der Mutter Johannes des Täufers.[1] Sie gehörte also zur gleichen Sippe wie diese, denn der Ausdruck "verwandt" bedeutet im Neuen Testament Familienverwandtschaft, nicht nur Verwandtschaft des Stammes.[2] Elisabeth war eine Priestertochter und stammte aus der Linie Aarons, wie Lukas ausdrücklich vermerkt.[3] Durch die Verwandtschaft mit Elisabeth gehörte auch Maria mindestens zum Stamm Levi, wahrscheinlich sogar zum Haus Aaron. Dafür spricht auch, dass sie den Namen der Schwester Aarons, Mirjam (=Maria) trug, ein Name, der sonst im Alten Testament nicht erwähnt wird.[4] Ihre Eltern werden sie kaum ohne Beziehung auf diese Mirjam so genannt haben.
Es ist also gut möglich, dass Maria die Tochter eines Priesters war[5] Dass die alte Elisabeth und die junge Maria sich trotz der großen räumlichen Entfernung so gut kannten, wie Lukas in seinem Bericht voraussetzt[6] weist ebenfalls auf eine engere verwandtschaftliche Beziehung hin. Durch die Heirat mit Josef aus dem Haus David wurde Maria nun Angehörige dieses Geschlechts und Jesus, ihr erster ehelich[7] geborener Sohn, wurde ein Sohn Davids. So wird auch durch die verwandtschaftlichen Beziehungen angedeutet, dass Jesus Priester (von Aaron her über Maria) und König (von David her über Josef) in einer Person sein sollte, wie Sacharja es vorhergesagt hatte[8]
Jakobus und seine Geschwister waren also über ihre Mutter mit Johannes, dem Täufer, dem Sohn der Elisabeth, verwandt. Johannes war nur wenig älter als sie.
Außerdem war Maria eine leibliche Schwester von Salome, der Frau des Zebedäus. Das war die Mutter von Jakobus und Johannes, den späteren Jüngern Jesu. Die Verwandtschaft geht aus einem Vergleich der Aussagen von Matthäus, Markus und Johannes über die Frauen unter dem Kreuz hervor:
"Unter ihnen waren Maria Magdalena und Maria, des Jakobus' und Josefs Mutter, und die Mutter der Söhne des Zebedäus ."
"Es sahen aber auch Frauen von weitem zu, unter ihnen auch Maria Magdalena und Maria, Jakobus des Kleinen und Joses' Mutter, und Salome ."
"Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter , Maria, des Klopas Frau, und Maria Magdalena.[9] "
Unter dem Kreuz standen wenigstens drei Frauen mit Namen Maria. Es war Maria, die Mutter Jesu, Maria aus Magdala, die Jesus von schwerer Besessenheit geheilt hatte, und Maria, des Klopas Frau, die wahrscheinlich auch die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses (=Josef) war[10]
| Zebedäus unterhielt ein Fischereigeschäft und hatte Tagelöhner angestellt |
Für unseren Zusammenhang ist vor allem die Tante von Jesus, also die Schwester der Maria, interessant. Wenn wir davon ausgehen, dass in allen drei Evangelien die gleichen Frauen genannt werden und es insgesamt vier Frauen waren[11] muss die bei Markus erwähnte Salome, die Schwester der Mutter Jesu, die Mutter der Zebedäussöhne sein (man vergleiche den kursiv gedruckten Text in den obigen Bibelzitaten).
Zebedäus unterhielt ein Fischereigeschäft und hatte Tagelöhner angestellt.[12] Seine Frau scheint zeitweise mit den Jüngern mitgezogen zu sein und hat sie vermutlich auch finanziell unterstützt.[13] Die Familie war mit dem Hohenpriester bekannt[14] was ebenfalls auf einen levitischen Hintergrund in der Verwandtschaft schließen lässt. Jedenfalls waren Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus und Salome Cousins von Jakobus und seinen Geschwistern.
Als der Herr einmal in der Synagoge von Nazareth sprach, wunderten sich die Leute über ihn und sagten: "Ist dieser nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und ein Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Und sind nicht seine Schwestern hier bei uns?" (Mk 6,3).
Bei einer anderen Gelegenheit suchten seine Mutter und seine Brüder ihn[15] Nach der Auferstehung Jesu werden Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder im Zusammenhang mit den Aposteln ausdrücklich erwähnt[16] Auch Paulus erwähnt, dass er bei einem Besuch in Jerusalem Jakobus, den Bruder des Herrn , getroffen habe[17]
| Wer sind die Brüder Jesu und in welchem Sinn sind sie mit ihm verwandt? |
Wer sind die Brüder Jesu und in welchem Sinn sind sie mit ihm verwandt? Prinzipiell gibt es drei Möglichkeiten: Vielleicht stammten die Geschwister aus einer früheren Ehe des Josef und wären demnach Stiefgeschwister Jesu. Nach einer anderen Theorie sollte man "Brüder" im weiteren Sinn als "Vettern" verstehen oder man fasst es wörtlich so auf, wie es dasteht: Jakobus stammte wie Jesus von der gleichen Mutter, er wäre sein Halbbruder gewesen.[18]
Jakobus, ein Stiefbruder?
Der Hauptvertreter dieser Theorie war Epiphanius um 370 n.Chr. Sie wurde aber schon früher in apokryphen Schriften, dem sogenannten Protevangelium des Jakobus, das in der Mitte des 2. Jahrhunderts entstand, vertreten. Dort wird in Form einer Legende erzählt, wie die Priester die junge Maria mit dem Witwer Josef verheiratet hätten.[19] Letztlich läuft es darauf hinaus, dass Josef keine Kinder mit Maria hatte, sondern die Brüder Jesu alle aus einer früheren Ehe des Josef stammten.
Als neutestamentliche Belege dafür werden genannt, dass Jesus am Kreuz seine Mutter doch nicht der Fürsorge des Jüngers Johannes anvertraut hätte, wenn sie noch andere Söhne gehabt hätte. Das ist aber nicht stichhaltig, denn die Evangelien sprechen davon, dass seine Brüder ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht gut gesonnen waren. Außerdem war keiner von ihnen am Kreuz anwesend. Wie hätte er ihnen dann seine Mutter anvertrauen können?
Ein anderer Beleg wird in dem gönnerhaften Auftreten der Brüder Jesus gegenüber gesehen, wie man es sich bei älteren Brüdern jüngeren gegenüber vorstellen könnte[20] Ihr Verhalten lässt sich jedoch auch so erklären, dass sie sich über ihren älteren Bruder Jesus ärgerten und ihn am liebsten aus dem Verkehr ziehen wollten.
Ein dritter Beleg wird darin gesehen, dass Josef offenbar noch vor dem Beginn der öffentlichen Wirksamkeit Jesu starb. Doch die Möglichkeit, dass Josef älter als Maria war, beweist keineswegs, dass er keine Kinder mit ihr hatte. Außerdem hätte er auch bei einem Unfall ums Leben kommen können.
| Die Theorie entspringt dem Wunsch, die lebenslange Jungfräulichkeit Marias nachzuweisen |
Letztlich entspringt die Theorie dem Wunsch, die lebenslange Jungfräulichkeit Marias nachzuweisen, was wiederum auf die Neigung der Kirche zurückzuführen ist, welche die Askese verherrlichte und den Wert der Ehe schmälerte.
Die sogenannte Vetterntheorie wurde im Jahr 383 von Hieronymus vorgelegt, der behauptete, die Brüder Jesu seien in Wirklichkeit seine Cousins gewesen. Als Beleg dafür bringt er vor, dass die Bezeichnung Apostel nur auf die 12 Jünger zutreffen würde und Jakobus in Gal 1,19 deshalb ein Apostel gewesen sein müsse und nicht sein Bruder gewesen sein könne. Das stimmt aber schon nicht mit der Erwähnung von Paulus und Barnabas überein, die nicht zum Zwölferkreis gehörten und dennoch Apostel genannt wurden[21]
Weiterhin behauptet Hieronymus, Jakobus, der Bruder des Herrn, Jakobus, der Sohn des Alphäus und Jakobus, der Kleine, seien miteinander identisch. Seine Beweisführung ist aber nicht schlüssig. Die Theorie war bis zu seiner Zeit völlig unbekannt und wurde offenbar nur vorgetragen, um die Lehre von der lebenslänglichen Jungfrauenschaft der Maria zu stützen. Die Lehre, dass Maria außer Jesus keine Kinder hatte, ist die offizielle Lehrmeinung der katholischen Kirche, die aber mit dem Neuen Testament nicht zu belegen ist.
Das ist die einzig sinnvolle Annahme, wenn man die Texte ernst nimmt und nicht etwas beweisen will, was das Neue Testament gar nicht sagt.
Matthäus setzt in seinem Bericht voraus, dass Josef und Maria nach der Geburt von Jesus normale eheliche Beziehungen unterhielten[22] Auch Lukas setzt in seinem Evangelienbericht voraus, dass auf die Geburt Jesu noch weitere Kinder folgten, denn er schreibt: "Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn" (Lk 2,7). Die Bezeichnung "erstgeboren" ist aber nur sinnvoll, wenn Lukas sagen wollte, dass noch weitere Söhne folgten.
Jakobus war also einer der Brüder von Jesus. Seine Mutter hieß Maria und sein Vater Josef. Ob ihm bewusst war, dass Jesus doch nur sein Halbbruder war, ist uns nicht bekannt. Es scheint, dass Maria nicht viel über die wunderbaren Dinge redete, die sie mit dem Kind Jesus erlebt hatte[23]
Josef hatte zusammen mit Maria noch vier Söhne: Jakobus, Josef, Simon, Judas und mindestens zwei Töchter[24] Die Familie bestand demzufolge aus mindestens neun Personen.
| Mit fünf Jahren zur heiligen Schrift, mit zehn Jahren zur Mischna; mit 13 Jahren zur Ausübung der Gebote, mit 15 Jahren zum Talmud, mit 18 Jahren zum Trauhimmel |
Josef und Maria waren gesetzestreue Juden, die ihre Kinder beizeiten an das Halten der Gebote gewöhnten. Für einen Sohn galt folgende Regel: "Mit fünf Jahren zur heiligen Schrift, mit zehn Jahren zur Mischna; mit 13 Jahren zur Ausübung der Gebote, mit 15 Jahren zum Talmud, mit 18 Jahren zum Trauhimmel."[25]
Nachdem ein Knabe im Alter von fünf[26] Jahren mit den fünf Büchern Mose, der Thora, das Lesen gelernt hatte und in ihre Gebote eingeführt worden war, lernte er ab seinem zehnten Lebensjahr die damals noch mündlich überlieferte Auslegung des Gesetzes kennen, die aus kurzen Satzperioden bestand und Mischna[27] genannt wurde. Wenn der junge Jude mit 13 Jahren zur Erfüllung des ganzen Gesetzes verpflichtet wurde, heißt das nicht, dass die Belehrung jetzt aufhörte. Er konnte weiter studieren und lernte dann die Kommentare und Diskussionen über die Mischna, die man Gemara[28] nannte, kennen. Beides zusammen wurde später im sogenannten Talmud zusammengefasst.[29]
Zur Zeit des Jakobus lag die geistige Führung des Volkes wesentlich in der Hand der Schriftgelehrten. Sie teilten sich damals in zwei Schulen auf, die auf die Gelehrten Hillel und Schammai zurückgingen.
Hillel, der um 20 v.Chr. starb, stammte aus einer armen Familie, die in Babylon lebte, ihren Stammbaum aber bis auf David zurückführen konnte. Er war schon 40 Jahre alt, als er nach Israel kam, um sich in Jerusalem dem Studium zu widmen. Seine Armut nötigte ihn, sich als Tagelöhner zu verdingen. Er verdiente aber nur 1/2 Denar täglich. Er soll wie Mose und Rabbi Akiba ein Alter von 120 Jahren erreicht haben. Sein großer Wissensdurst war ebenso berühmt wie seine große persönliche Geduld und Sanftmut. Hillel hatte 80 Schüler. Der größte unter ihnen sei Jonathan ben Uzziel, der Verfasser von Übersetzungen der Propheten, gewesen und der kleinste Rabbi Jochanan ben Zakkai, der nach der Zerstörung Jerusalems noch eine wichtige Rolle bei der Gründung des Lehrhauses von Jamnia spielte und um 80 n.Chr. gestorben ist.[30] Als Hillel starb, sagte man von ihm: "Wehe ob des demütigen, wehe ob des frommen Schülers Esras." [31]
Von Schammai , der um 30 v.Chr. starb, ist außer seinen Aussprüchen nicht viel bekannt. Heiden, die zum Judentum übertreten wollten, sagten von ihm: "Das Aufbrausen Schammais wollte uns aus der Welt stoßen, die Sanftmut Hillels hat uns unter die Flügel der Schechina gebracht".[32] Einst kam ein Heide zu Schammai und sagte: "Mache mich zu einem Proselyten unter der Bedingung, dass du mich die ganze Thora lehrst, während ich auf einem Fuß stehe". Schammai jagte ihn mit einer Messlatte fort, die er gerade in der Hand hatte. Anschließend lief der mit dem gleichen Ansinnen zu Hillel. Der nahm sich seiner an und sagte: "Was dir unliebsam ist, das tue auch deinem Nächsten nicht."[33] Das wäre nach seiner Meinung die ganze Thora. Das beste Essen, das Schammai im Lauf der Woche bekam, soll er immer für den Sabbat aufgehoben haben, um diesen Tag besonders zu ehren.[34] Einmal sei er mit Stock und Ranzen zu Jonathan ben Uzziel, einem Schüler Hillels, gewandert, um mit diesem wegen Nichtbeachtung eines Testaments zu rechten.[35]
| Von diesen beiden Lehrern waren eine Menge Geschichten und Sprüche im Umlauf |
Von diesen beiden Lehrern waren eine Menge Geschichten und Sprüche im Umlauf, von denen einige auch dem Jakobus bekannt gewesen sein müssen. Zum Beispiel verlangten die Anhänger Schammais von einem, der das Dankgebet nach dem Essen vergessen hat, dass er an den Platz, wo er gegessen hatte, zurückkommen und es dort nachholen müsse. Die Schüler Hillels verlangten das auch, aber sie sagten: "Er kann es an der Stelle nachholen, wo er sich daran erinnerte, dass er es vergessen hat." Nun diskutierten Vertreter beider Schulen miteinander. Die Hilleliten sagten zu ihren Gegnern: "Nach euren Worten müsste also jemand, der oben auf einer Burg gegessen hat und aus Vergesslichkeit herabging, ohne den Lobspruch zu sprechen, auf die Höhe der Burg zurückkehren und dort den Lobspruch sprechen?" Die Schammaiten waren aber auch nicht dumm und erwiderten: "Nach euren Worten müsste jemand, der den Geldbeutel oben auf einer Burg vergaß, nicht wieder emporsteigen und ihn an sich nehmen. - Der eigenen Ehre halber soll man emporsteigen, nicht viel mehr um der Ehre Gottes willen?"
Ob Jakobus mehr auf Seiten der Schammaiten stand oder mehr zu den Schülern Hillels neigte, ist uns nicht bekannt. Wir wissen nicht einmal, ob er mit 15 Jahren überhaupt weiter studiert hat. Das Gesetz hatte er trotzdem gründlich kennen gelernt.
| Ben He-He: "Gemäß der Mühe ist der Lohn." |
Ein nicht in der Bibel erwähnter Zeitgenosse des Jakobus war der Schriftgelehrte Ben He-He, ebenfalls ein Schüler Hillels. Von ihm ist nur der Ausspruch überliefert: "Gemäß der Mühe ist der Lohn."[36] Auch Jonathan ben Uzziel wird Jakobus gekannt haben. Dieser Schriftgelehrte, ebenfalls ein Schüler Hillels, hatte eine Übersetzung der kleinen Propheten vom Hebräischen ins Aramäische angefertigt und trug diese Übersetzungen auswendig vor, wenn die Texte in der Synagoge vorgelesen wurden. Er hatte auch vor, eine Übersetzung der Hagiographen[37] anzufertigen, sei aber durch eine himmlische Stimme daran gehindert worden.[38]
Irgendwann wird Jakobus auch dem Tempelhauptmann Joezer begegnet sein, der ebenfalls ein Schriftgelehrter war und zur Schule Schammais gehörte. Von ihm ist überliefert: "Ich habe den Rabban[39] Gamaliel, den Alten, gefragt, wie er gerade im Osttor des Tempels[40] stand und er hat mir geantwortet: Niemals macht Sauerteig vom Hebopfer profanen Teig, in den er gefallen ist, unrein, wenn er nicht genügend ist, die Säuerung zu bewirken."[41]
Auch Rabbi Chananja ben Chizqijja ben Garon war damals wohlbekannt. Auf seinem Obersaal standen einmal 18 Fragen zwischen den Ältesten der Schulen Hillels und Schammais zur Diskussion. Die anwesenden Schammaiten, die in der Mehrzahl waren, haben die 18 Fragen gegen die Hilleliten entschieden und Beschlüsse gefasst, die jeglichen Verkehr mit Nichtisraeliten unterbinden sollten.[42] Rabbi Chananja wurde auch dadurch berühmt, dass er durch seine Auslegung die scheinbaren Widersprüche zwischen dem Propheten Hesekiel und der Thora beseitigte. Man erzählt, dass man ihm dazu 300 Fass Öl in seinem Obersaal gebracht habe, damit seine Öllämpchen immer genug Nachschub hatten und er so lange studiert hätte, bis er alle beanstandeten Stellen erklärt habe.[43]
Beide Schriftgelehrtenschulen stimmten aber in den wesentlichen Dingen überein. Durch ihre Verhütungsvorschriften hatten sie das Gesetz wie mit einen Zaun umgeben, um es so vor Übertretung zu schützen. Zum Beispiel fügten sie den zur Ehe verbotenen Verwandtschaftsgraden nach oben und unten noch einen zweiten Grad hinzu.[44] Meist deuteten die Hilleliten die Vorschriften erleichternd für die Menschen. In 24 Fällen aber deuteten die Schammaiten die Verhütungsvorschriften im erleichternden Sinn, so dass sie z.B. nicht verlangten, auch vom schwarzen Kümmel den Zehnten zu bezahlen.
| Nicht alle Schriftgelehrte waren mit diesen Zäunen um das Gesetz einverstanden |
Aber nicht alle Schriftgelehrten waren mit diesen Zäunen um das Gesetz einverstanden. Manche sagten: Jener Tag, an dem die 18 Beschlüsse auf dem Söller des Chananja b. Chizqijja b. Garon gefasst wurden, war für Israel so schlimm, wie der Tag, an welchem das goldene Kalb gemacht wurde. Eliezer, er gehörte zur Schule Schammais und starb um 90 n.Chr., sagte: "An jenem Tage machte man dem Maß einen Haufen." Rabbi Jehoschua, ebenfalls um 90 n.Chr. gestorben, Anhänger der Schule Hillels, sagte: "An jenem Tage strich man es ab." Rabbi Eliezer sagte zu ihm: "Wenn dem Maß der biblischen Satzungen etwas mangelte und man machte es voll (er meinte durch jene 18 rabbinischen Beschlüsse), so tat man doch recht daran! Gleich einem Fass, das voll von Nüssen ist; soviel Mohn du auch hineintust, es fasst ihn, denn er füllt nur die Lücken zwischen den Nüssen aus, so waren auch jene 18 Bestimmungen eine nützliche Ergänzung der biblischen Satzungen." Rabbi Jehoshua sagte zu ihm: "Wenn es voll war und man machte, dass ihm etwas mangelte, das wäre recht? Gleich einem Fass, das voll von Öl ist; soviel Wasser du hineintust, soviel Öl verschüttet es." Er meinte, dass auf diese Weise die 18 Bestimmungen die biblischen Satzungen nicht verbessert, sondern verwässert hätten.[45]
Anhänger der Schriftgelehrten, waren vor allem die Pharisäer, die das Gesetz genau so erfüllen wollten, wie es gelehrt wurde. Damit nahmen sie nicht bloß das biblische Gesetz, die Thora, auf sich sondern auch das ganze traditionelle Gesetz, wie es die Schriftgelehrten im Laufe der Zeit als verbindliche Satzung festgestellt hatten.
Kehren wir wieder zu Jakobus zurück. Sicher ist, dass er seit seinem 13. Lebensjahr die vorgeschriebenen Wallfahrtsfeste in Jerusalem besuchte, dass er das Gesetz liebte und seine Vorschriften einhielt. Ob er allerdings als Nasiräer aufgewachsen ist, wie es Hegesipp, ein kirchlicher Schriftsteller des 2. Jh. behauptete, ist nicht sicher.[46]
| Die einzige auffällige Ausnahme in der Familie war Jesus, der unverheiratet blieb |
Als Jugendlicher wird er einige Hochzeiten erlebt haben, denn seine Schwestern werden im Zusammenhang mit der Hochzeit zu Kana und dem Umzug der Familie nach Kapernaum nicht mehr erwähnt. Offenbar waren sie schon verheiratet, denn Mädchen heirateten gewöhnlich im Alter von 12-14 Jahren. In Nazareth aber waren sie gut bekannt.[47] Auch Jakobus selbst und seine Brüder werden im Alter von etwa 18 Jahren geheiratet haben. Paulus erwähnt später, dass sie ihre Frauen auf den Reisen mitnahmen.[48] Die einzige auffällige Ausnahme in der Familie war Jesus, der unverheiratet blieb.
Wann der Vater starb , ist uns nicht bekannt. Das letzte Mal wird er erwähnt, als er mit seiner Frau Maria in Begleitung des zwölfjährigen Jesus nach Jerusalem reiste. Von daher wird der unverheiratete Jesus vielleicht schon als Jugendlicher das Geschäft des Pflegevaters und die Führung der Familie übernommen haben.
Als Jakobus 17 Jahre alt wurde, war in Rom Tiberius Kaiser geworden. Unter seiner Regierung trat ein Mann in den Vordergrund, der im ganzen römischen Reich als glühender Antisemit bekannt wurde: Seianus, der Chef der kaiserlichen Garde. Seianus entsandte sofort einen neuen römischen Prokurator nach Jerusalem, der einen harten Kurs gegenüber den Juden fahren sollte. Die erste Amtshandlung des neuen Statthalters, er hieß Valerius Gratus, war die Absetzung des Hohenpriesters Hannas. Nach Belieben setzte der neue Prokurator nun jedes Jahr einen anderen Hohenpriester ein. Der vierte hieß Josef mit dem Beinamen Kaiphas. Weil der mit Bestechungsgeldern nicht sparte, konnte er seine Stellung 19 Jahre lang behaupten.
Jakobus war damals etwa 20 Jahre alt. Sechs Jahre später wurde Pontius Pilatus fünfter Prokurator für Judäa, Samaria und Idumäa. Zehn Jahre lang würde er dieses Amt ausüben. Er machte den Juden viel Ärger, denn auch er verdankte seine Ernennung dem Seianus. Zum Beispiel ließ Pilatus die Feldzeichen mit dem kaiserlichen Emblem, die seine Vorgänger immer in Cäsarea gelassen hatten, gleich bei seiner ersten Amtshandlung von seinen Soldaten mit nach Jerusalem nehmen. Als daraufhin zahlreiche Juden in Cäsarea protestierten und die Entfernung der Hoheitszeichen forderten, ließ Pilatus sie mit seinen Soldaten umzingeln. Doch sie erklärten sich eher bereit zu sterben als nachzugeben. So blieb Pilatus nichts anderes übrig, als sich dem Starrsinn der Juden zu beugen.
Ein Jahr später erregte ein doppelter Ehebruch im Land großen Anstoß. Herodes Antipas hatte seine Frau, die Tochter von Aretas IV., der in Petra residierte, verstoßen, um Herodias heiraten zu können. Das war aber die Frau seines Halbbruders Philippus (gemeint ist nicht der Vierfürst Philippus) und gleichzeitig seine eigene Nichte.
| Im Herbst des selben Jahres begann Johannes der Täufer in der Wüste von Judäa zu predigen und damit überstürzten sich die Ereignisse |
Im Herbst des selben Jahres begann Johannes der Täufer in der Wüste von Judäa zu predigen und damit überstürzten sich die Ereignisse. Tausende hörten den Predigten des Johannes zu, der ja mit der Familie Marias verwandt war. Nun ging auch der älteste Sohn der Maria zu ihm und ließ sich taufen. Er war damals wahrscheinlich 33 Jahre alt und immer noch ledig.[49]
Die Brüder werden den Weg des Ältesten nicht gerade mit Wohlwollen begleitet haben. Der hatte schon im Zusammenhang mit seinem Besuch bei Johannes, dem Täufer, seine ersten Jünger um sich gesammelt. Das bedeutete für die Familie, dass er Rabbi werden wollte, ohne jedoch eine entsprechende Ausbildung zu haben. Um diese Zeit wird er auch das Handwerk seines Vaters aufgegeben und die Brüder allein weiterarbeiten lassen haben.
Zu einem ersten Missverständnis kam es schon auf der Hochzeit zu Kana, als der Wein ausgegangen war. Die Mutter drängte Jesus indirekt, ein Wunder zu tun. "Sie haben keinen Wein mehr", sagte sie. Doch er wies sie kühl ab. "Frau", sagte er - er nannte sie nicht einmal Mutter - "was habe ich mit dir zu schaffen?" (Joh 2,3f). Das ist eine hebräische Formel, die deutlich Distanz ausdrückt.[50]
Wir wissen nicht, ob Jakobus den Vorgang mitbekommen hat. Doch es kam kurz danach zu einer ersten Auseinandersetzung mit Jesus, als der beschloss, den Wohnsitz der Familie von Nazareth nach Kapernaum zu verlegen. Als Oberhaupt der Familie nahm er sowohl seine Mutter als auch seine Brüder mit. Dieser Umzug wird von allen Evangelisten erwähnt und ist von großer Bedeutung, denn Kapernaum wurde später der zentrale Ort seines Wirkens, wenn er sich nicht gerade in Jerusalem aufhielt. " Und er verließ Nazareth und kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt " (Mt 4, 13). Matthäus berichtet nur das Ergebnis, die näheren Einzelheiten finden wir bei Johannes.
"Danach ging er hinab nach Kapernaum, er und seine Mutter und seine Brüder und seine Jünger; und dort blieben sie nicht viele Tage" (Joh 2,12).
Johannes macht deutlich, dass zunächst die ganze Familie nach Kapernaum zog. Seine Bemerkung, dass sie sich nicht viele Tage dort aufhielten, kann sich aber nicht auf Jesus und seine Jünger beziehen, denn Kapernaum wurde seitdem anstelle von Nazareth die Ausgangsbasis für die Reisen unseres Herrn. Auch später kehrte der Herr mit seinen Jüngern immer wieder nach Kapernaum zurück.[51] Aber die Familie protestierte. Wahrscheinlich waren seine Brüder von Anfang an gegen seine Tätigkeit als Rabbi gewesen. So kam es in Kapernaum zu einer ersten deutlichen Entzweiung[52] Die ganze Familie verließ ihr derzeitiges Oberhaupt und kehrte in den Heimatort zurück. Jakobus als der Zweitälteste wird wohl der Anführer der Opposition gewesen sein.
Etwas später hörte die Familie von skandalösen Ereignissen in Jerusalem, in die Jesus verwickelt war. Kurz vor dem Passahfest hatte er es sich erlaubt, den Tempelvorhof von Geldwechslern, Taubenverkäufern und Viehhändlern zu reinigen. Er hatte sie mit einer Peitsche aus dem Tempel herausgetrieben. Natürlich war es dabei auch zu einem Zusammenstoß mit der jüdischen Tempelaufsicht gekommen.[53]
| Manches von dem, was sie hörten, machte ihnen Angst und manches verwirrte sie |
Auf der Rückreise nach Galiläa hatte er Samaria nicht umgangen, wie es sich für einen rechten Juden ziemte. Ganze zwei Tage hatte er sich in Samaria aufgehalten und sich außerdem mit einer übel beleumdeten Frau abgegeben, die dazu noch zu den Samaritern gehörte, mit denen ein rechter Jude überhaupt nicht verkehrte. .[54] Dann hörten sie in Nazareth, wie Jesus von Kana aus den Sohn eines Beamten des Herodes, der in Kapernaum krank lag, heilte und wie er dann mit seinen Jüngern durch ganz Galiläa zog. Offenbar wussten sie nicht so richtig, was sie von den Berichten über Jesus halten sollten. Es war für sie Schlimmes und Gutes. Manches von dem, was sie hörten, machte ihnen Angst und manches verwirrte sie.
Karl-Heinz Vanheiden Jg. 48, verh., zwei Kinder, ist Studienleiter der Bibelschule Burgstädt, Sekretär und Schriftleiter des Bibelbundes.
Die ersten Teile der Arbeit sind in "Bibel und Gemeinde" Nr. 2-3/ 2000 abgedruckt.
Anschrift:
Friedrichsgrüner Str. 83, D-08269 Hammerbrücke