Bibel und Gemeinde
2000-3
Bibelstudien und Predigten

Jakobus der Gerechte

Geschichte der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem (II)

Karl-Heinz Vanheiden

KHV Zweimal wurde an hohen Festtagen in Jerusalem ein Aufstand entfacht, der viele Menschenleben forderte und große Sachbeschädigungen zur Folge hatte. Die Juden werden dieses Jahr nicht so schnell vergessen haben.[1]

Zur gleichen Zeit nutzten verschiedene Räuberbanden die Abwesenheit eines Königs und machten das Land unsicher. Josephus schreibt zusammenfassend:[2]

So war Judäa eine wahre Räuberhöhle, und wo sich nur immer eine Schar von Aufrührern zusammentat, wählten sie gleich Könige, die dem Staat sehr verderblich wurden. Denn während sie den Römern nur unbedeutenden Schaden zufügten, wüteten sie gegen ihre eigenen Landsleute weit und breit mit Mord und Totschlag.

Durch die Gnade Gottes wurde die Familie des Herrn vor diesen Turbulenzen bewahrt. Josef kam nach Weisung Gottes mit den Seinen erst zurück, als im Land wieder Ruhe herrschte. Allerdings ging er nicht nach Bethlehem zurück, wo Jesus geboren worden war, sondern 130 Kilometer weiter nach Norden und ließ sich mit seiner Familie in Nazareth, dem Heimatort seiner Frau, nieder. Den Grund dafür berichtet Matthäus (2,22f):[ ]

"Als Josef aber hörte, dass Archelaus über Judäa herrschte anstelle seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dahin zu gehen; und als er im Traum eine göttliche Weisung empfangen hatte, zog er hin in die Gegenden von Galiläa und kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth; damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: "Er wird Nazoräer genannt werden".

Kaiser Augustus hatte sich entschlossen, das Königreich auf die drei Söhne des Herodes aufzuteilen, wie dieser es in seinem letzten Testament gewünscht hatte. Doch keiner der Söhne durfte den Königstitel tragen[3] Sie bekamen unterschiedlich wertvolle Gebiete zugeteilt, was aus dem Steueraufkommen für die betreffenden Gebiete hervorgeht.[4] Der 18-jährige Archelaus erhielt Judäa, Idumäa und Samaria mit einem Jahreseinkommen von 600 Talenten[5] Er durfte auch den Titel "Ethnarch", d.h. "Volksfürst" tragen. Antipas erhielt Galiläa und Peräa mit einem Einkommen von 200 Talenten und der dritte überlebende Bruder Philippus erhielt Batanäa, Trachonitis und Auranitis mit einem Jahreseinkommen von 100 Talenten. Sie werden im Neuen Testament "Vierfürsten" genannt.[6]

Die genannten Landschaften waren nicht nur von Juden bewohnt, sondern schlossen auch größere Gebiete mit nichtjüdischer Bevölkerung ein. Viele Orte hatten eine gemischte Einwohnerschaft aus Syrern, Griechen und Juden, wie zum Beispiel das zwischen 17 und 20 n.Chr. von Herodes Antipas gegründete Tiberias am See Genezareth.[7] Diese neue Hauptstadt des Herodes Antipas wurde das Zentrum der griechische Kultur und Sprache in Galiläa.

Die galiläischen Dörfer aber waren alle von Juden bewohnt.

Nazareth

Nazareth war so klein, dass es weder im Alten Testament noch irgendwo in der damaligen Literatur erwähnt wird

Jakobus, der später von den Juden "der Gerechte" genannt wurde, erblickte im südlichen Galiläa das Licht der Welt.[8] Von seinen Eltern bekam er den hebräischen Namen "Jaqob" ("Gott hat geschützt"). Sein Geburtsort Nazareth war so klein, dass er weder im Alten Testament noch irgendwo in der damaligen Literatur erwähnt wird. Trotzdem wird Nazareth im Neuen Testament sogar eine "Stadt" genannt[9] Das weist zumindest darauf hin, dass der Ort nicht das Eigentum eines Großgrundbesitzers war, sondern von freien Männern bewohnt wurde.[10] Allerdings dürften kaum mehr als 100 bis 150 Menschen dort gelebt haben.[11]

Nazareth hat seinen Namen wahrscheinlich von einer davidischen Großfamilie erhalten, die um 120 v.Chr. nach Galiläa eingewandert war. Die ursprüngliche Siedlung, deren Namen wir nicht kennen, wurde im Zusammenhang mit der assyrischen Gefangenschaft um das Jahr 733 v.Chr. von dem Großkönig Tiglat-Pileser III. erobert. Er deportierte die meisten Einwohner nach Assur[12] und siedelte in Galiläa fremde Völker an.[13] Damit war Galiläa schon damals ein Galiläa der Nationen[14] geworden. Ausgrabungen in Nazareth bestätigen, dass die Siedlung um diese Zeit verlassen wurde[15] Noch zu Anfang des makkabäischen Freiheitskampfes um 150 v.Chr. finden wir nur vereinzelte jüdische Gruppen in Galiläa. Das änderte sich drastisch mit dem Sieg der Makkabäer und der Eroberung des Gebietes durch Johannes Hyrkan um 120 v.Chr. Er stellte die nichtjüdischen Bewohner der eroberten Gebiete vor die Wahl, entweder das Judentum durch Beschneidung anzunehmen oder ins Gefängnis zu kommen bzw. ausgewiesen zu werden. Das Judentum gewann im Land Israel wieder stark an Bedeutung. In dieser Zeit kam es dann auch zu einer starken Rückwanderungsbewegung von Juden aus Babylonien und Persien. Unter den Rückwanderern gab es eine Großfamilie, die ihre Abstammung auf David zurückführte und sich nach einer Weissagung aus dem Propheten Jesaja "Nazoräer" nannte. Ein Teil von ihnen ließ sich in Galiläa nieder und gab ihrer Gründung den Namen " Nazara ", also Nazareth, was von Nezer , d.h. Zweig oder Spross, abgeleitet ist: "Und ein Spross (hebr. Nezer) wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen." (Jes 11,1.)

Mit dieser Entdeckung wurde eine alte Streitfrage entschieden

1962 wurde in Caesarea am Meer das Stück einer Marmortafel gefunden, auf der in hebräischer Sprache Namen von Priesterfamilien standen. Auch der Name des Ortes Nazareth konnte darauf entziffert werden. Eine dieser Priesterklassen hatte sich um 135 n.Chr. dort niedergelassen. Mit dieser Entdeckung wurde eine alte Streitfrage entschieden, denn von der griechischen Schreibweise des Namens Nazareth her war nicht klar, ob sich der Begriff von "Nasiräer" oder von "Nezer" ableitete. Nasiräer hieß ein Israelit, wenn er sich durch ein Gelübde Gott weihte und als Zeichen dafür seine Haare lang wachsen ließ und keinen Alkohol trank.[16] Auf Hebräisch schrieb sich Nazareth mit "Z" (hebr. Zade) und nicht mit "S" (hebr. Sajin), wie manche vermuteten. Nun ist klar, dass der Begriff "Nazoräer" nicht von "Nasiräer" abgeleitet werden darf. Die vielen Bilder, die Jesus mit langen Frauenhaaren darstellen, sind also auch von daher falsch.

Wenn unser Herr später "Nazoräer" genannt wurde, ist damit einerseits ein deutlicher Hinweis auf die Weissagung des Jesaja verbunden, die sich in ihm erfüllt hat, andererseits auf seine Familie, die von dem König David abstammte und zum dritten auf den Ort, wo er aufgewachsen war. "Josef kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth; damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: 'Er wird Nazoräer genannt werden'."[17]

Nazareth war, obwohl sehr klein, doch nicht abgelegen. Der Ort schmiegte sich an den südöstlichen Abhang des Dschebel en-Nebi Sa'in, der 450 m hoch ist. Wenn der junge Jakobus auf den Berg stieg, sah er seinen Geburtsort in ein herrliches Panorama eingebettet. Rechter Hand in westlicher Richtung konnte er den Karmel und das Blau des Mittelmeeres erkennen. Nach Süden hin, ein paar Kilometer hinter dem Dorf, fällt der Bergzug erschreckend steil zu der breiten, fruchtbaren Ebene Jesreel ab, die sich damals im Besitz von Griechen befand. Jenseits der Ebene nahm Jakobus die Bergzüge des Gilboa wahr, wo sich mehr als 1000 Jahre zuvor der erste König Israels nach verlorener Schlacht in sein Schwert gestürzt hatte. Ostwärts konnte Jakobus über den Tabor und die Jordan-Senke bis zu den Bergen von Gilead sehen. Wenn er sich vom Ort abwandte und nach Norden blickte, sah er die schneebedeckten Berge des Hermon herüber leuchten.

Varus hatte Sepphoris nach antirömischen Ausschreitungen im Jahr 4 v.Chr. zerstört

Am Fuß des Tabor verlief eine der wichtigsten internationalen Straßen der damaligen Welt. Es war die Karawanenstraße, die von Damaskus über Cäsarea am Meer nach Ägypten führte und die Landbrücke nach Afrika bildete. Eine Stichstraße nach Sepphoris muss ganz dicht an Nazareth vorbei geführt haben. Die Stadt lag nur sechs Kilometer nordwestlich. Varus hatte sie nach den antirömischen Ausschreitungen im Jahr 4 v.Chr. zerstört. Herodes Antipas baute sie mit römischer Genehmigung als vorläufige Hauptstadt wieder auf und machte aus ihr das, was Josephus die "Zierde Galiläas" nannte. Er ließ dort Straßen, Häuser, Banken, Archive, Marktplätze, Synagogen, Schulen, Gasthäuser und natürlich einen Palast bauen und schmückte sie außerdem mit dem vierten Theater[18] in Israel. Das kürzlich ausgegrabene Halbrund hatte einen Durchmesser von 74 m. 5000 Besucher fanden darin Platz, ein Fünftel der ganzen Bevölkerung der Stadt.

Sehr wahrscheinlich hatte Josef irgendwo in Sepphoris Arbeit gefunden, denn in dem winzigen Nazareth hätte er sich kaum seinen Lebensunterhalt verdienen können. Ihren Herrscher wird die Familie aufgrund der räumlichen Nähe gewiss einige Male zu Gesicht bekommen haben.

Josephus berichtet, dass in der Zeit des jüdischen Aufstands um 67 n.Chr. die Römer in Sepphoris 1000 Reiter und 6000 Mann Fußsoldaten stationiert hatten. Beide Abteilungen unternahmen beständig Ausfälle und Streifzüge in die Umgebung und verwüsteten das Land. Bei einer dieser Gelegenheiten wurde gewiss auch das unbefestigte Nazareth dem Erdboden gleichgemacht.[19] Jedenfalls eroberten die Römer am 13. Juli des Jahres 67 n.Chr. den befestigten Ort Jafia und metzelten die Einwohner in einem furchtbaren Blutbad nieder. Jafia war nur zweieinhalb Kilometer von Nazareth entfernt und die bedeutendste und älteste[20] Siedlung in diesem Teil des galiläischen Berglandes. Doch das alles geschah erst 70 Jahre später. Nazareth muss nach seiner Zerstörung allerdings bald wieder aufgebaut worden sein, denn nach dem nationalen Zusammenbruch des Volkes (135 n.Chr.) siedelte sich dort die oben erwähnte 18. Priesterklasse an.[21]

Spätestens seit dieser Zeit muss es auch eine christliche Gemeinde in Nazareth gegeben haben, wahrscheinlich aber schon hundert Jahre früher, also bald nach der Auferstehung des Herrn. Die Bezeichnung "Nazoräer" ging nämlich auch auf diese Judenchristen über. Später nannten die Juden alle, die zu dieser neuen Glaubensrichtung gehörten, "Nazoräer". Als einen ihrer Anführer betrachteten sie auch den Paulus:

"Denn wir haben diesen Mann als eine Pest befunden und als einen, der unter allen Juden, die auf dem Erdkreis sind, Aufruhr erregt, und als einen Anführer der Sekte der Nazoräer." (Apg 24,5.)

Die Juden nennen die Christen noch heute die nozrim und der populäre Ausdruck für Christen bei den Arabern ist nassara .[22]

"Ich bin aus der Stadt Nazareth in Galiläa, ein Verwandter Christi, dem ich von meinen Vorfahren her diene."

In der Verfolgung unter Decius (249-251 n.Chr.) erlitt ein Christ namens Konon den Märtyrertod in Kleinasien. Beim Verhör vor dem römischen Richter sagte er: "Ich bin aus der Stadt Nazareth in Galiläa, ein Verwandter Christi, dem ich von meinen Vorfahren her diene." Außerdem existiert eine Notiz von Julius Africanus aus Jerusalem (gest. nach 240 n.Chr.), die eine Existenz von "Herrenverwandten" in Nazareth bestätigt. Sie bildeten offenbar den Kern der judenchristlichen Gemeinde dort.[23]

Die Kindheit

Kehren wir zurück zu Jakobus. Wir müssen annehmen, dass er frühestens nach dem Eintreffen seiner Eltern in Nazareth, spätestens ein oder zwei Jahre danach, geboren wurde, denn vorher wird nur sein drei bis vier Jahre älterer Halbbruder[24] Jesus erwähnt. Als Geburtsjahr könnten wir vielleicht das Jahr 3 v.Chr. annehmen. Ebenso, wie bei ihrem Erstgeborenen wird Maria nach seiner Geburt den Reinigungsritus gemäß dem mosaischen Gesetz vollzogen haben. Nach den Vorschriften des 2. Buches Mose brachten die Eltern das Kind nach Jerusalem und weihten es dem Herrn. Sie waren eng mit dem Tempel in Jerusalem verbunden und wir gehen nicht fehl, wenn wir annehmen, dass sie häufig die Wallfahrtsfeste besucht und auch die Abgaben zum Tempel gebracht haben.

Es gab drei große Feste, an denen jeder männliche Israelit in Jerusalem erscheinen musste. Nur Minderjährige, Greise, Kranke und Sklaven waren davon ausgenommen. In neutestamentlicher Zeit nahmen auch viele Juden aus der Diaspora[25] an einzelnen Festen teil.[26]

"Dreimal im Jahr soll alles bei dir, was männlich ist, vor dem Herrn, deinem Gott, erscheinen an der Stätte, die er erwählen wird: am Fest der ungesäuerten und am Fest der Wochen und am Fest der Laubhütten."[27] Eine buchstäbliche Befolgung dieses Gebots war allerdings nicht möglich, wenn jemand weit von Jerusalem weg wohnte. Dann begnügte man sich mit der Teilnahme an einem der Feste, was auch die Eltern des Jakobus taten: "Und seine Eltern gingen alljährlich am Passahfest nach Jerusalem."[28] Später haben die Juden offenbar festgelegt, dass die Verpflichtung, zu allen drei Festen zu kommen, sich nur auf die bezog, die im Umkreis von etwa 40 km um Jerusalem herum wohnten.[29]
Das Haus, in dem Jakobus seine Jugend verlebte, war erfüllt von der Frömmigkeit seiner Eltern

Das Haus, in dem Jakobus seine Jugend verlebte, war erfüllt von der Frömmigkeit seiner Eltern. Nach der Sitte der Gesetzestreuen brachte Josef über der Tür seines Hauses eine Mesusa an, ein Kästchen, das einen beschriebenen Pergamentstreifen barg. Auf diesem Streifen stand das Bekenntnis zu dem einzigen Gott, das nach dem ersten Wort "Höre" das "Sche'ma" genannt wurde: "Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist ein Einziger." So hatte Josef sein Haus dem einzigen Gott geweiht, wie es das Gesetz vorschrieb[30]

"Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst. Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen als Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore schreiben."

Als sein Bruder Jesus einmal nach dem wichtigsten Gebot im Gesetz gefragt wurde, zitierte er das "Sche'ma":

"Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein! Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft".[31] /p>

Jedes Mal, wenn Jakobus das Haus verließ oder betrat, berührte er nach dem Beispiel seiner Eltern die Mesusa am Türpfosten mit seinen Fingerspitzen, die er daraufhin küsste. Beim Morgen- und Abendgebet trug er das "Höre, Israel" auf der Stirn und den Händen, wie Josef es ihn lehrte. Jakobus erlebte in der Geborgenheit des Elternhauses eine Welt, die ganz dem Göttlichen geweiht war. Das Heilige umgab ihn vom Morgen bis zum Abend. Alle Stunden des Tages waren von Segensgebeten begleitet, die der echte Israelit nicht nur mit den Lippen, sondern auch mit seinem Herzen sprach: "Gepriesen seiest du, Herr, König des Alls."[32]

Als Jakobus fünf oder sechs Jahre alt wurde, schickte Josef seinen Sohn in die Dorfsynagoge zur Schule. Damals gab es in Israel kein Dorf und in der ganzen Diaspora keine Gemeinde, die nicht ihre eigene Synagoge hatte. Die Einrichtung der Synagoge bestand schon lange, wahrscheinlich seit der Zeit Esras. Jakobus konnte später davon ausgehen: "Mose hat von alten Zeiten her in jeder Stadt solche, die ihn predigen, da er an jedem Sabbat in den Synagogen gelesen wird" (Apg 15,21). Dabei sprach er nicht von Israel, sondern vom Ausland, der Diaspora. Selbst in Jerusalem, wo doch der Tempel stand, soll es an die 400 Synagogen[33] gegeben haben. Auch die Stadt Tiberias am See Genezareth, die doch das Zentrum der griechischen Kultur in Galiläa war, besaß 13 Synagogen.[34]

Der gläubige Israelit besuchte die Synagoge dreimal in der Woche: am Sabbat, am Montag und am Donnerstag

Synagogen bestanden im wesentlichen aus einem rechteckigen Versammlungsraum. Den Mittelpunkt der Synagoge bildete der heilige Schrein, eine hölzerne Lade, welche die Gesetzesrollen barg. Die Synagoge in Nazareth besaß neben der Thora wenigstens noch eine Rolle des Jesaja. Der gläubige Israelit besuchte die Synagoge dreimal in der Woche: am Sabbat, am Montag und am Donnerstag. Der Gottesdienst setzte sich aus Schriftlesungen, Auslegung und Gebeten zusammen. Es wurden keine Opfer gebracht, obwohl manche Gelehrte später in der Synagoge einen Ersatz für den Tempel sahen.[35]

Jede Synagoge hatte einen Vorstand, der aus wenigstens drei Mitgliedern bestand. Der Vorsteher zählte zu den angesehensten Männern der Gemeinde. Seine Hauptaufgabe war die Leitung des Gottesdienstes. Er bestimmte die Person, die als Vorbeter oder Schriftleser in Funktion treten sollte und forderte geeignete Männer zum Predigtvortrag auf, wie es auch Paulus und seine Begleiter verschiedentlich erlebt haben.[36]

Der Synagogendiener hatte die heiligen Schriften dem Thoraschrein zu entnehmen und nach ihrem Gebrauch wieder dorthin zu legen.[37] An den Rüsttagen vor dem Sabbat kündigte er durch Trompetensignale den Sabbat an. So lange der Tempel stand, gab er denen das Geleit, welche die Erstlingsfrüchte nach Jerusalem brachten. Außerdem oblag ihm die Aufgabe, die jüdischen Jungen in Lesen und Schreiben zu unterrichten, denn im Zusammenhang mit den örtlichen Synagogen hatten die Juden Elementarschulen eingerichtet. Es gab im Judentum zwar nie eine allgemeine Schulpflicht, doch die jüdische Gemeinschaft sorgte im allgemeinen für eine Unterweisung der Kinder, wie es im Gesetz festgelegt war[38]

Der Unterricht in der Synagoge wird auch für Jakobus frühmorgens begonnen und erst bei Sonnenuntergang aufgehört haben, wie es damals üblich war. Wahrscheinlich stammten die ersten Worte, die Jakobus lesen lernte, aus dem 3. Buch Mose, denn mit diesem Buch begann gewöhnlich der Unterricht. Außerdem musste er große Teile des Textes auswendig lernen. Der Unterricht bestand häufig aus feststehenden Fragen und Antworten. Beliebt war es bei den Lehrern, die ersten Worte eines Bibelverses aufzusagen und dann den Schüler fortfahren zu lassen.[39]

Die Fragen der etwas älteren Schüler bildeten einen wichtigen Teil des Unterrichts

Die Fragen der etwas älteren Schüler bildeten einen weiteren wichtigen Teil des Unterrichts. Sie waren für den Lehrer ein gutes Mittel, Unklarheiten bei den Hörern festzustellen und falsche Auffassungen zu berichtigen. Außerdem konnten auch die anderen Schüler sofort Einwände geltend machen und Gegenfragen stellen. Auf solche Diskussionen wurde viel Wert gelegt, weil sie die Auffassungsgabe fördern und den Geist schärfen würden.[40] In dieser Weise sprach der zwölfjährige Jesus mit den Lehrern bei seinem ersten Besuch im Tempel. Seine Eltern hatten ihn nicht dort vermutet und fanden ihn erst nach dreitägiger[41] Suche, "wie er inmitten der Lehrer saß und ihnen zuhörte und sie befragte. Alle aber, die ihn hörten, gerieten außer sich über sein Verständnis und seine Antworten." (Lk 2,46f.)

Ferien gab es nur zu den Feiertagen. Doch selbst am Sabbat konnte es passieren, dass der gewissenhafte Josef seinen Sohn nach dem Gelernten abhörte. Machte der Schüler Fortschritte, wurde er in der damals noch mündlich überlieferten Auslegung des Gesetzes unterwiesen und wenn er sich als klug und aufgeschlossen erwies, konnte er zum Schluss auf eine der Ausbildungsschulen für Schriftgelehrte geschickt werden[42]

Jakobus und die anderen Kinder der Familie Josefs lernten zuerst ihre Muttersprache sprechen. Das war das Aramäische. Die Sprache wurde allerdings in dem typisch galiläischen Dialekt ausgesprochen, der so auffiel, dass man in Judäa manchen Galiläern das Vorbeten in der Synagoge verweigerte[43] In der Elementarschule lernte Jakobus dann das biblische Hebräisch. Die damalige Weltsprache war aber Griechisch. Jeder einigermaßen Gebildete konnte diese Sprache wenigstens verstehen. Wir können davon ausgehen, dass Jakobus, wie auch sein Bruder Jesus, sich gut in dieser Sprache ausdrücken konnte[44] Dazu kam noch das Lateinisch, die Sprache der Eroberer. Nicht umsonst ließ Pilatus später die Tafel über dem Kreuz Jesu in drei Sprachen beschriften, auf hebräisch[45] griechisch und lateinisch[46]

Der galiläische Dialekt fiel so auf, dass man in Judäa manchen Galiläern das Vorbeten in der Synagoge verweigerte

Als Jakobus etwa acht Jahre alt geworden war, wurde der Ethnarch[47] Herodes Archelaus, der in Judäa regierte, abgesetzt. Archelaus hatte den schlechtesten Ruf aller Söhne des Herodes. Er führte zwar das Bauprogramm seines Vaters fort, behandelte Samariter und Juden in seinem Herrschaftsgebiet aber so schlecht, dass beide Gruppen eine Abordnung nach Rom schickten, um Augustus vor einer regelrechten Revolte zu warnen, wenn Archelaus nicht entfernt würde. Archelaus wurde nach Rom zitiert und wegen seines tyrannischen Regiments und seiner Misswirtschaft abgesetzt. Anschließend verbannten ihn die Römer nach Vienne in Gallien (Südfrankreich), wo er 18 n.Chr. starb. Sein Gebiet wurde direkt zu einer römischen Provinz gemacht und fortan durch Prokuratoren verwaltet.

Für die Beherrschung ihrer Provinzen hatten die Römer zwei Formen entwickelt. Provinzen, die relativ friedlich und loyal gegenüber Rom waren, wurden von Prokonsuln regiert, wie zum Beispiel Zypern und Achaja.[48] Diese Beamten waren dem Senat in Rom verantwortlich. Unruhigere Provinzen unterstanden der Autorität des Kaisers, der dort oftmals Legionen stationierte. Sie wurden von Prokuratoren verwaltet, die vom Kaiser ernannt wurden und ihm direkt verantwortlich waren.[49] Israel wurde von den Römern zu den unruhigen Provinzen gezählt und erhielt also Prokuratoren.

Der erste römische Prokurator für Judäa und Samaria hieß Coponius. Er hatte gerade die Herrschaft angetreten, als Jesus mit seinen Eltern zum Passahfest nach Jerusalem reisen durfte. Jesus war damals zwölf Jahre alt und seine Eltern wollten ihn nach den Vorschriften des Gesetzes an die Erfüllung der Bestimmungen des Passah gewöhnen. Die Reise gehörte also noch zu seiner Ausbildung. Erst mit Vollendung des 13. Lebensjahres war er zur Beobachtung aller Gebote und auch zur Erscheinung bei den Wallfahrtsfesten in Jerusalem verpflichtet.[50]

Im gleichen Jahr wurde Hannas, der uns in der Leidensgeschichte des Herrn wieder begegnet, von den Römern zum Hohenpriester ernannt. Er musste als erster Hoherpriester das Gewand, das er zu den heiligen Festen trug, nach der Benutzung an die Römer abgeben und bekam es nur zum jeweiligen Fest wieder ausgehändigt[51] In der übrigen Zeit wurde das heilige Gewand in der von den Römern besetzen Burg Antonia neben dem Tempel aufbewahrt. Offenbar wollten die Römer ein Druckmittel gegen die Juden in der Hand haben.

Drei Jahre später wurde der Prokurator Coponius von Marcus Ambivius abgelöst. In diesem Jahr zog der syrische Legat Quintilius Varus nach Germanien und verlor die Schlacht im Teutoburger Wald. Varus war auch den Nazarenern kein Unbekannter, denn nach dem Tod von Herodes dem Großen, hatten seine Truppen die Sommerresidenz des Königs im nahen Sepphoris geplündert.[52]

Inzwischen war unser Herr 15 Jahre alt geworden, erlernte das Handwerk seines Vaters und nahm bei Gott und Menschen an Gunst zu[53]. Die Familie des Josef war währenddessen auf wenigstens sieben Kinder angewachsen.

(Fortsetzung folgt)

Karl-Heinz Vanheiden Jg. 48, verh., zwei Kinder, ist Studienleiter der Bibelschule Burgstädt, Sekretär und Schriftleiter des Bibelbundes.

Anschrift:
siehe Geschäftsstelle des Bibelbundes


Fußnoten

[1] Wander [64] 69
[2] [27] XVII,10,8
[3] Dass Antipas in den Schriften des NT trotzdem König genannt wird (Mt 14,9; Mk 6,14.22ff) hängt mit dem damaligen Sprachgebrauch zusammen und ist nur ein Synonym für Herrscher. Erst spätere Herodianer, wie Agrippa I. (Apg 12,1) durften den Königstitel wieder tragen.
[4] Kroll [30] 75
[5] Ein Talent betrug 6000 Drachmen oder Denare. Die genaue Bestimmung für den Wert einer Drachme ist nicht möglich, weil die Kaufkraft der Münze uns nicht bekannt ist. Der Verdienst eines Tagelöhners betrug allerdings eine Drachme. Zur Umrechnung könnte man vom 20fachen Jahreseinkommen eines Arbeiters ausgehen. Vielleicht ist die Annäherung: 1 Talent = 1Million DM brauchbar.
[6] Griechisch "Tetrarch", das war ursprünglich Titel eines Fürsten, der über den vierten Teil eines Reiches regierte, später wurde der Begriff überhaupt für Fürsten geringerer Bedeutung verwendet. In Lk 3,1 wird noch ein dritter Tetrarch namens Lysanias erwähnt, von dem aber sonst nichts bekannt ist.
[7] Nach dem Vorbild griechischer Städte bekam Tiberias ein Parlament von 600 Mitgliedern und wurde von einem zehnköpfigen Stadtrat regiert. Großes Bibellexikon [13] III 1554
[8] Das NT lässt nirgends erkennen, dass er aus einer früheren Ehe des Josef stammte, wie später von einigen angenommen wurde. Genaueres dazu siehe in dem Kapitel "Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden."
[9] Mt 2,23: "Er kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth ..."
[10] Schlatter [54] 27
[11] Vergleiche Großes Bibellexikon [13] II 1032 und Pixner [46] 47
[12] 2Kö 15,29: "In den Tagen Pekachs, des Königs von Israel, kam Tiglat-Pileser, der König von Assur, und nahm Ijon ein und Abel-Bet-Maacha und Janoach und Kedesch und Hazor und Gilead und Galiläa, das ganze Land Naftali, und führte die Bewohner gefangen fort nach Assur."
[13] Siehe auch 2Kö 17,24: "Und der König von Assur brachte [Leute] aus Babel und aus Kuta und aus Awa und aus Hamat und aus Sefarwajim und ließ sie an Stelle der Söhne Israel in den Städten Samarias wohnen. Und sie nahmen Samaria in Besitz und wohnten in seinen Städten."
[14] Mt 4,15: "Land Sebulon und Land Naftali, gegen den See hin, jenseits des Jordan, Galiläa der Nationen."
[15] Pixner [46] 49
[16] Vgl. 4Mose 6 und als Beispiel Simson - Ri 13,5.7
[17] Mt 2,23. Die Weissagung bezieht sich natürlich auf Jesus und nicht auf Josef, vgl. auch Lk 18,37; Joh 18,5.
[18] Die anderen drei Theater befanden sich nach Auskunft von Josephus in den Bevölkerungszentren Jerusalem, Jericho und Cäsarea. Thiede [60] 37f
[19] Josephus [26] III.4.1 237
[20] Kroll [30] 82. Sie war schon zur Zeit Josuas bekannt - Jos 19,12.
[21] Kroll [30] 82f
[22] Pixner [46] 48
[23] Kroll [30] 88
[24] Mt 2,21. Über die verwandtschaftlichen Beziehungen der Geschwister zueinander siehe das Kapitel "Die Brüder"
[25] Das heißt soviel wie "Zerstreuung" und meint die Juden, die sich in einzelnen Orten im Ausland zu jüdischen Gemeinden zusammengeschlossen hatten.
[26] Rienecker [48] 72
[27] 5Mose 16,16. Dem Fest der ungesäuerten Brote ging das Passah voraus. Das Fest der Wochen wurde auch Erntefest oder Pfingsten genannt.
[28] Lk 2,41, siehe auch Rienecker [48] 72
[29] Barcley [3] 30
[30] Kroll [30] 140. 5Mo 6,6-9.
[31] 5Mo 6,4, vgl. Mt 22,35ff.
[32] Kroll [30] 140
[33] Die Zahl dürfte nicht zu hoch gegriffen sein. Heute gibt es immerhin 1072 Synagogen, 65 Kirchen, 72 Klöster und 60 Moscheen in der Stadt Jerusalem. (Israel-Jahrbuch 1997 NAI)
[34] Strack-Billerbeck [43] 117. Nachgewiesen allerdings erst um 300 n.Chr. Siehe auch Apg 24,12, wo Paulus von einer Mehrzahl von Synagogen in Jerusalem spricht.
[35] Strack-Billerbeck [43] 123
[36] Apg 13,15: "Aber nach dem Vorlesen des Gesetzes und der Propheten sandten die Vorsteher der Synagoge zu ihnen und sagten: Ihr Brüder, wenn ihr ein Wort der Ermahnung an das Volk habt, so redet!"
[37] Vgl. Lk 4,20: "Und als er das Buch zugerollt hatte, gab er es dem Diener zurück und setzte sich; und aller Augen in der Synagoge waren auf ihn gerichtet."
[38] 1Mo 18,19: "Denn ich habe ihn erkannt, damit er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm befehle, dass sie den Weg des Herrn bewahren, Gerechtigkeit und Recht zu üben."
[39] Großes Bibellexikon [13] I 344f
[40] Strack-Billerbeck [43] II 150
[41] Eine Tagereise lang suchten sie ihn in der Reisegesellschaft. Dann mussten sie wieder einen Tag zurückreisen. Schließlich fanden sie ihn einen Tag später im Tempel. Wenn die genannten drei Tage sich auf die Suche in Jerusalem beziehen, könnten es insgesamt fünf Tage gewesen sein.
[42] Tenney [58] 122
[43] Es waren die Bewohner der Städte Bet-Schean, Bet-Kaifa am Karmel und von Tibeon, westlich von Sepphoris, die in diesem Zusammenhang direkt erwähnt wurden (Strack-Billerbeck [43] I 165f). Siehe auch Mt 26,73: "Kurz nachher aber traten die Umstehenden herbei und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, auch du bist von ihnen, denn auch deine Sprache verrät dich." Mk 14,70: "Er aber leugnete wieder. Und kurz nachher sagten wieder die Dabeistehenden zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von ihnen, denn du bist auch ein Galiläer."
[44] Joh 7,35: "Es sprachen nun die Juden zueinander: Wohin will dieser gehen, dass wir ihn nicht finden sollen? Will er etwa in die Zerstreuung der Griechen gehen und die Griechen lehren?" Joh 12,20f: "Es waren aber einige Griechen unter denen, die hinaufkamen, um auf dem Fest anzubeten. Diese nun kamen zu Philippus von Bethsaida in Galiläa und baten ihn und sagten: Herr, wir möchten Jesus sehen."
Auch die Apostel, einfache Leute aus dem Volk, hatten griechische Namen, wie Philippus und Andreas aus Bethsaida (Joh 1,44).
[45] Der Begriff bezog sich häufig auch auf die Umgangssprache in Israel, um anzudeuten, dass es die Sprache der Juden war, obwohl es offensichtlich Aramäisch war.
[46] Joh 19,20: Diese Aufschrift nun lasen viele von den Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt; und es war geschrieben auf hebräisch, lateinisch griechisch.
[47] d.h. "Volksfürst"
[48] Apg 13,7;18,12.
[49] Tenney [58] 33
[50] Strack-Billerbeck [43] II 147
[51] Bronkhorst [7] 127
[52] Kroll [30] 146
[53] Lk 2,52: Und Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gunst bei Gott und Menschen.

Alle Texte dürfen nur FÜR DEN PERSÖNLICHEN GEBRAUCH kopiert werden. Jede weitergehende Kopie oder Vervielfältigung bedarf der ausdrücklichen Erlaubnis des Bibelbundes.

Bibelbund e.V. Anschriften