2000-2 | Bibelstudien & Predigten |
Wer etwas über Gott erfahren will, soll keine Märchen lesen. Fabeln und Legenden mögen viel über die Phantasie ihrer Verfasser aussagen, über Gott können sie keine Auskunft geben. Der Gott, von dem die Bibel spricht, ist keine mythologische, im Nebel der Geschichte verschwimmende Gestalt. Er hat vielfältig und auf unterschiedliche Weise, aber konkret fassbar zu wirklichen Menschen gesprochen. Diese Menschen befanden sich an bestimmten Orten, die man meist genau beschreiben und heute noch aufsuchen kann. Sie lebten zu bestimmten Zeiten, unter der Regierung von Königen, die uns auch sonst aus der Geschichte bekannt sind, von denen wir Inschriften haben und deren Baudenkmäler wir zum Teil heute noch bewundern. Die Menschen der Bibel existierten nicht getrennt von ihrer Umgebung. Sie hatten Nachbarn und Freunde, sie waren Verwandte, feierten Feste und ärgerten sich über Behörden. Kurz, es waren Menschen von Fleisch und Blut, denen Gott sich offenbarte, die er beauftragte und als seine Knechte und Mägde zum Einsatz brachte. Manchmal erlebten sie wunderbare Dinge dabei, meist waren sie einfach gehorsam. Einige von ihnen gebrauchte Gott dazu, das, was er ihnen oder anderen geoffenbart hatte, aufzuschreiben. Das Ergebnis davon ist die heilige Schrift, die wir Bibel nennen, das Buch.
Wer die Menschen der Bibel verstehen will, muss sich ihre Umwelt ansehen und sich mit ihrer Geschichte beschäftigen, er darf nicht nur auf die Wunder blicken, die bisweilen Raum und Zeit durchbrachen. Diese Begebenheiten waren wichtig, füllten aber nicht das ganze Leben der Menschen aus. Viele Jahre ihres Lebens waren Zeiten ohne Wunder (wenn man einmal von dem Wunder der täglichen Fürsorge Gottes absieht). Selbst das Reden Gottes erfuhren sie nicht jeden Tag. Deswegen haben sie uns manchmal sogar das Datum solcher besonderen Erfahrungen überliefert. Die meiste Zeit verbrachten die Menschen der Bibel in ihrem alltäglichen Umfeld, so wie wir. Wenn wir also ihre Umwelt verstehen, können wir auch ihre Entscheidungen verstehen und manchmal sogar ihre Beweggründe nachvollziehen. Je besser wir ihre Lebensumstände kennen, desto besser lernen wir die Menschen verstehen und desto näher kommen sie uns. Das ist eine spannende Geschichte, besonders dann, wenn Gott durch diese einfachen Leute auf einmal zu uns redet.
Josef, der Vater[1] des Jakobus, war ein Bauhandwerker, allerdings kein Zimmermann im heutigen Sinn, denn diesen Beruf gab es damals noch nicht. Holz war im ersten Jahrhundert in Israel eine ausgesprochene Mangelware und die vorhandenen Holzarten, wie z.B. der Ölbaum, waren zum Bauen ungeeignet, man konnte nicht einmal Möbel daraus machen[2] Josef baute also Häuser aus Lehmziegeln und Stein, deckte ihre flachen Dächer mit Balken und Zweigen und dichtete sie mit Lehm ab, er machte Höhlen bewohnbar und versah sie mit Vorbauten, er schlug Treppen in den Fels und bearbeitete Steine. Er stammte aus Bethlehem, der Stadt der Steinmetzen und Bauleute. Dort war es üblich, dass die unverheirateten Handwerker auf Wanderschaft gingen und auf einer der vielen Baustellen des Landes Arbeit suchten.
So war Josef nach Nazareth in Galiläa gekommen. Hier hatte er nicht nur Arbeit gefunden, sondern auch ein Mädchen kennen gelernt, das ihm ausnehmend gut gefiel. Wahrscheinlich hatte auch Maria an dem jungen Handwerker Gefallen gefunden. Um heiraten zu können, mussten nach damaliger Sitte aber erst Verhandlungen mit den Eltern geführt werden, die in einen Ehevertrag einmündeten. Mit Abschluss dieses Vertrags galt das Paar als verlobt. Beide wurden jetzt schon als Mann und Frau bezeichnet, doch blieben sie noch ein Jahr getrennt, um festzustellen, ob die Frau wirklich Jungfrau war. Wenn sich ihre Reinheit nach einem Jahr erwies, nahm der Mann sie zu sich.
Doch mitten in dem Probejahr der Verlobung wurde Josef in einen großen inneren Konflikt gestürzt. Josef war ein zaddik , ein Gerechter[3] In der jüdischen Gemeinschaft galten "gerechte" Menschen als besonders gesetzestreu. Für sie war das Gesetz Gottes immer Maßstab ihres Handelns. Zu Josefs Entsetzen hatte sich nämlich herausgestellt, dass seine Verlobte schwanger war, natürlich nicht von ihm[4] Er musste annehmen, dass sie fremd gegangen war. Was sollte er tun?
| Eine Verlobung konnte damals nur durch eine Scheidung rückgängig gemacht werden |
Eine Verlobung konnte damals nur durch eine Scheidung rückgängig gemacht werden. Das hätte er unter der römischen Besatzungsmacht zur großen Schande Marias öffentlich ablaufen lassen können, oder er hätte sie heimlich entlassen müssen. Dass er keines von beiden tun musste, verdankte er dem Bescheid eines Boten Gottes, der ihm das Unvorstellbare klar machte, dass nämlich Gott seine Verlobte erwählt hatte, den Messias zu gebären. Er sollte sich nicht fürchten, seine Frau zu sich zu nehmen. Als der Engel ihm dann auch noch erklärte, dass sich mit diesem Geschehen die Schrift erfüllen würde, zögerte er keinen Augenblick mehr. Gern führte er jetzt Maria in sein Haus, aber er hatte noch keine geschlechtliche Gemeinschaft mit ihr, bis sie den erwarteten Sohn geboren hatte.[5]
| Als die Steuerschätzung im Gebiet von Israel begann, kam es dort zu einem Aufstand, den auch die Apostelgeschichte erwähnt |
Im Jahr 8 v.Chr. führte eine Verordnung des römischen Kaisers Augustus zu einer Volkszählung und Steuerschätzung in Ägypten und Syrien. Das nahm einige Zeit in Anspruch. Als die Steuerschätzung im Gebiet von Israel begann, kam es dort zu einem Aufstand, den auch die Apostelgeschichte erwähnt.[6] Ein gewisser Judas aus Gamala wiegelte zusammen mit einem Pharisäer namens Sadduk das Volk auf. Sie behaupteten, die Schätzung bringe offenbare Knechtschaft mit sich. Man dürfe den Römern keine Abgaben mehr entrichten weil man auf diese Weise sterbliche Menschen als Gebieter anerkennen würde. Damit würde man sich aber die Hilfe Gottes verscherzen.
"Derartige Reden wurden mit größtem Beifall aufgenommen und so dehnte sich das tollkühne Unternehmen bald ins ungeheuerliche aus. Kein Leid gab es, von dem infolge der Hetzarbeit jener beiden Männer unser Volk nicht heimgesucht worden wäre. Ein Krieg nach dem anderen brach aus... Räuber machten das Land unsicher und viele der edelsten Männer wurden ermordet, angeblich um der Freiheit willen, in Wahrheit aber nur aus Beutegier. So kam es zu Aufständen und öffentlichem Blutvergießen."[7]
In dieser Zeit musste Josef mit seiner inzwischen hochschwangeren Frau nach Bethlehem ziehen, um sich in seiner Heimatstadt in die Steuerlisten eintragen zu lassen. Dort in einer Stallhöhle am westlichen Abhang des Stadthügels wurde ihr erstes Kind geboren, das sie nach göttlichem Befehl "Jesus" nannten. Das geschah nach unserer Zeitrechnung wahrscheinlich im Jahr 7 v.Chr.
Etwa ein Jahr später, sie wohnten jetzt in einem Haus[8] waren Sterndeuter aus Babylon zu ihnen nach Bethlehem gekommen, hatten dem Kind wie einem König gehuldigt und ihm wie einem Gott wertvolle Geschenke geopfert. Diese weisen Männer hatten sich zuvor in Jerusalem nach einem neugeborenen König erkundigt. Das hatte dort ein großes Erschrecken ausgelöst[9] denn der damals 66jährige König Herodes war von unerträglichem Argwohn erfüllt. Er fürchtete jeden, der ihm eventuell seinen Thron hätte streitig machen können.
Eigentlich war Herodes ein großer Herrscher gewesen, kühn, gewandt und stark. Er hatte bedeutende Bauwerke errichtet: Paläste und Festungen, darunter die später berühmte Befestigungsanlage von Masada. Im Jahr 1996 wurde dort erstmalig eine Inschrift ihres Erbauers gefunden. Die Tonscherbe mit der Aufschrift: "Herodes der Große, König der Juden" kann auf etwa 19 v.Chr. datiert werden.[10] Zu seinen Tempelbauten gehörte auch der in Jerusalem, den er mit großem Aufwand bei vollem Betrieb hatte umbauen lassen. Durch das riesige Bauprogramm im ganzen Land war der Handel aufgeblüht. Die wirtschaftlichen Bedingungen hatten sich im großen Stil verbessert. Die Militäranlagen hielten das Land von fremden Invasionen frei. Der Friede brachte Wohlstand. In Zeiten von Hungersnöten hatte Herodes sogar in die eigene Tasche gegriffen und dem Volk geholfen.[11] Trotzdem war es ihm nie gelungen, die Freundschaft der Juden zu erlangen.
| Der Religion nach war Herodes ein Jude, obwohl er als Sohn eines Idumäers und einer Araberin natürlich keine jüdische Abstammung vorweisen konnte |
Der Religion nach war Herodes ein Jude, obwohl er als Sohn eines Idumäers[12] und einer Araberin natürlich keine jüdische Abstammung vorweisen konnte. Aber hin und wieder besuchte er den Tempel, obwohl er die Priesterschaft sonst hauptsächlich für seine politischen Pläne benutzte. Auch machte er keinen Hehl daraus, dass er sich den Griechen näher verwandt fühlte als den Juden. So hatte er auch heidnische Städte mit verschwenderischer Pracht ausgestattet, "in der einen Bäder und Theater, in der anderen Tempel und Säulenhallen" errichtet.[13]
Aber in seinem Ehrgeiz und seiner Herrschsucht war er bedenkenlos in der Wahl seiner Mittel. Selbst eigene Angehörige fielen seinen Zielen und zuletzt seinem krankhaften Misstrauen zum Opfer. Ein Jahr vorher hatte Herodes seine Söhne Alexander und Aristobul hinrichten lassen, weil sie sich angeblich gegen ihn verschworen hatten. Sein Sohn Antipater, der die Halbbrüder beim Vater beschuldigt hatte, wurde drei Jahre später selbst hingerichtet, weil er nach Meinung von Herodes vorzeitig den Thron besteigen wollte. Der jüdische Historiker Josephus[14] urteilt über Herodes:
"Er war ein Mann, der gegen alle ohne Unterschied mit gleicher Grausamkeit wütete, im Zorn kein Maß hatte und sich über Recht und Gerechtigkeit erhaben dünkte, dabei aber die Gunst des Glücks wie kein anderer erfuhr. Denn aus niedrigem Stand zur Königswürde erhoben und von zahllosen Gefahren bedroht, entging er allem äußeren Unheil und starb erst im vorgerückten Alter. Was indes seine häuslichen Verhältnisse und besonders die Beziehungen zu seinen Söhnen angeht, so war er zwar auch hierin, wie er selbst glaubte, völlig glücklich, da er in seinen Söhnen seine Feinde überwunden zu haben glaubte, meiner Meinung nach aber ein höchst unglücklicher und bedauernswerter Mensch."[15]
Herodes hatte die Schriftgelehrten in Jerusalem nach den biblischen Prophezeiungen befragt und herausbekommen, dass der gesuchte König in Bethlehem geboren werden würde. Daraufhin hatte er die Weisen dorthin geschickt. Als sie dann aber nicht zu ihm zurück kamen, ließ er in den Familien der Stadt und der ganzen Umgebung alle männlichen Kleinkinder im Alter von zwei Jahren und darunter töten. Das entsprach dem Zeitpunkt, den er von den Sterndeutern in Erfahrung gebracht hatte.[16]
Josef war kurz vorher auf göttlichen Befehl hin mit seiner Frau Maria und ihrem erstgeborenen Sohn Jesus nach Ägypten geflohen. Die Flucht führte sie über Hebron nach Beerscheba und dann durch die Wüste, die bis heute nichts von ihrer Gefährlichkeit eingebüßt hat. Erst am Mittelmeer an der ägyptischen Grenze waren sie in Sicherheit. Mindestens 20 Tage werden sie für diese Strecke gebraucht haben.
| Zur Zeit Jesu lebten etwa eine Million Juden in Ägypten, davon allein in Alexandria am Mittelmeer 200.000 |
Obwohl Ägypten vor der Zeit des Mose das Land der Unterdrückung war, haben Juden in späterer Zeit immer wieder dort Zuflucht gesucht. Schon 586 v.Chr. versuchte ein Teil des Volkes sich dort in Sicherheit zu bringen.[17] Auch außerbiblisch ist für den Anfang des 5. Jahrhunderts v.Chr. eine jüdische Kolonie in Syene (Assuan) bezeugt. Aus dem Jahr 410 v.Chr. sind Briefe von Juden aus Elephantine[18] an den Hohenpriester Jonathan in Jerusalem erhalten geblieben. Um 160 v.Chr. flüchtete der Hohepriester Onias vor den Syrern nach Ägypten und gründete in Leontopolis[19] nach dem Vorbild des Jerusalemer Tempels einen eigenen Tempel. Zur Zeit Jesu lebten etwa eine Million Juden in Ägypten, davon allein in Alexandria am Mittelmeer 200.000. Auch in der Stadt Hierapolis, 30 km südlich von Leontopolis, befand sich eine große jüdische Kolonie mit Synagogen, Schulen und allem anderen, was die Fremde zur Heimat machen konnte.[20]
Irgendwo bei ihren Landsleuten werden auch Josef und Maria Unterschlupf gefunden haben. Etwa zwei Jahre später waren sie dort vom Tod des Königs Herodes benachrichtigt worden[21] und hatten daraufhin die Rückreise angetreten.
Durch ihre Flucht nach Ägypten wurden Josef und Maria mit ihrem erstgeborenen Sohn nicht nur vor dem Kindermord bewahrt, sondern auch vor den turbulenten Ereignissen des Jahres, in dem Herodes starb.
Kurz vor dem Tod des Herodes hatten Judas und Matthias, zwei Rabbiner, die hohes Ansehen beim Volk genossen, zusammen mit einigen Anhängern den römischen Adler am Tempel entfernt. Herodes befahl, die beiden Gesetzeslehrer hinzurichten.
Als nach dem Tod des Herodes sein Sohn Archelaus als der künftige König das Volk in Jerusalem begrüßte, forderte das sogleich neben Steuerermäßigungen und Abschaffung der Zölle Rache für die getöteten Gesetzeslehrer. Archelaus zögerte. Es war kurz vor dem Passahfest. Immer mehr Menschen kamen in die Stadt. Die Anführer hielten sich unter beständiger Klage im Tempel auf und betrauerten die getöteten Rabbis. Archelaus befahl, sie festzunehmen. Die Rädelsführer aber hetzten das Volk gegen die Soldaten auf. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen im Tempel. Einige Soldaten wurden getötet. Schließlich setzte Archelaus das Heer ein. Etwa 3000 Menschen bezahlten das mit ihrem Leben.[22]
| Die Juden schickten eine 50-köpfige Delegation zum Kaiser nach Rom, um die Absetzung des Archelaus zu erreichen |
Nach dem vorletzten Testament des Herodes hätte Archelaus eigentlich das ganze Reich erben sollten. Doch der König hatte es kurz vor seinem Tod noch einmal geändert. Nun musste es noch vom Kaiser in Rom bestätigt werden. Archelaus nahm deshalb gleich, nachdem er den Aufstand niedergeschlagen hatte, einen Schnellsegler und eilte nach Rom. Doch auch sein Bruder Antipas reiste mit einem anderen Schiff dorthin und selbst die Juden schickten eine 50-köpfige Delegation zum Kaiser. Sie wollten die Absetzung des Archelaus erreichen. 27 Jahre später spielte Jesus in einem Gleichnis auf das Geschehen an:
"Ein hochgeborener Mann zog in ein fernes Land, um ein Reich für sich zu empfangen und wiederzukommen... Seine Bürger aber hassten ihn und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns König sei!" (Lk 19,12.14.)
Nach der Abreise des Archelaus empörte sich das Volk erneut. Der syrische Statthalter Quintilius Varus ließ die Rädelsführer festnehmen und stationierte eine Legion Soldaten unter dem Oberbefehl eines gewissen Sabinus in der Stadt. Sabinus war kaiserlicher Finanzverwalter in Syrien. Er reizte die Bevölkerung, indem er sich der Kastelle zu bemächtigen suchte, in denen die königlichen Schätze verwahrt wurden. Deshalb kam es zum Pfingstfest in Jerusalem erneut zu einem Aufstand, der sich zu einem regelrechten Krieg entwickelte und auf das ganze Land ausweitete. Bei den Auseinandersetzungen in Jerusalem gelang es den Römern, sogar die Tempelschätze zu plündern. Erst Varus schaffte es mit Hilfe von zwei Legionen, die in Syrien stationiert waren, und vieler Hilfstruppen Galiläa, Judäa und Jerusalem zurückzuerobern. 2000 Anführer der Aufständischen ließ er danach ans Kreuz schlagen. (Fortsetzung folgt.)
Karl-Heinz Vanheiden, Jg. 48, verh. 2 Kinder, ist Sekretär des Bibelbundes und Schriftleiter von "Bibel und Gemeinde. Er steht im Reisedienst der Brüder-Gemeinden und ist Studienleiter der Bibelschule Burgstädt.
Anschrift:
Friedrichsgrüner Str. 83, D-08269 Hammerbrücke
Die Arbeit ist zuerst erschienen in der CV-Kommentarreihe "Was die Bibel lehrt" Nr. 14. Dillenburg 1999.