2000-2 | Editorial |
Wo liegt die Grenze zwischen Bibeltreue und Bibelkritik? Wer ein wenig länger überlegt, wird bald merken, dass die Antwort nicht so einfach ist, wie er anfangs dachte.
Manche Gläubige sehen bereits das als Bibelkritik an, was nicht mit ihrer traditionellen Auslegung übereinstimmt. Andere gehen noch weiter und betrachten das Nichteinhalten gewisser gemeindeinterner Bestimmungen, die sich auf das Verhalten, die Kleidung, den Musikgeschmack oder den Gebrauch elektronischer Medien beziehen, als liberale Lebensweise, die Sanktionen von der Gemeindeleitung nach sich ziehen.
Wieder andere betrachten sich in solchen Dingen als völlig frei und fragen kaum noch, ob das eigene Tun und Lassen vom Wort Gottes gedeckt ist. Sie feiern die Anpassung an den Zeitgeist und legen die Bibel so aus, dass sie letztlich mehr oder weniger ihren Wünschen entspricht.
Eine beliebte Methode dabei ist es, gewisse biblische Aussagen für zeitgeschichtlich zu erklären, d.h. man behauptet, diese Aussagen hätten eben nur für die damalige Zeit eine gewisse Bedeutung gehabt. Heute brauchten wir uns nicht mehr danach zu richten. Den Beweis dafür bleibt man gewöhnlich schuldig, aber man versteht sich nach wie vor als bibeltreu.
Wo ist die Grenze? Gibt es nicht doch eine Menge biblischer Aussagen, die man aufgrund ihres Zusammenhangs zeitgeschichtlich einordnen muss. Gewiss! Aber wenn der eigene Wunsch der Vater der Auslegung ist, wenn bestimmte Dinge einfach nicht mehr wahr sein dürfen, obwohl die Schrift sie unmissverständlich fordert, dann sollte man ehrlicherweise nicht mehr behauptet, man richte sich nach der Schrift - von Auffassungen, wie sie Prof. Lindemann in dem Spiegel-Interview vertritt, ganz zu schweigen (Seite 105).
Die Spannung bleibt. Wir haben sie empfunden und auf unserer letzten Haupttagung in Hammerbrücke versucht, Antworten zu geben. In diesem Heft können wir nun endlich drei der dort gehaltenen Vorträge vorstellen. Zwei davon finden Sie unter der Rubrik: "Zur Diskussion gestellt", denn wir sind uns bewusst, dass nicht alle Leser mit den vorgestellten Lösungen einverstanden sind. Aus diesem Grund rufen wir zur Diskussion auf, denn wir brauchen klare, biblisch nachvollziehbare Antworten.
Was Freiheit sein kann und was nicht, lesen Sie in dem gründlichen Aufsatz von Michael Kotsch (Seite 115)
Ungemütlich für Ungläubige? Sollen unsere Gemeinden wirklich so sein? John MacArthur sagt: "Ja!" Lesen sie das bemerkenswerte Interview (Seite 99) und dazu den klaren Artikel von Horst Afflerbach über Bekehrung (Seite 83). Das könnte manche Missverständnisse ausräumen
.Karl-Heinz Vanheiden, Jg. 1948, verh., zwei Kinder ist Studienleiter der Bibelschule Burgstädt.