2000-1 | Kritik der Bibelkritik |
Keine Lehre von der Irrtumslosigkeit der Schrift bestimmt im voraus, wie eine Problemstelle zu lösen ist oder dass alle mit einer bestimmten Lösung einverstanden sein werden, sondern allein, dass die Aussage des Textes in irgendeiner Weise als 'wahr' verstanden werden kann.
Nehmen wir ein Beispiel, um diesen Vorgang zu illustrieren. In 1Kor 10,8 lesen wir: "Auch lasst uns nicht Unzucht treiben, wie einige von ihnen Unzucht trieben und es fielen an einem Tag 23.000!" In 4Mo 25,9 lesen wir aber: "Und die Zahl der an der Plage Gestorbenen (wegen Baal-Peor) war 24.000." Welche Möglichkeiten gibt es, diese beiden Angaben miteinander zu vereinbaren?
| Bei mehreren Lösungsmöglichkeiten müssen wir uns für die wahrscheinlichste, nicht für die kreativste oder gar ausgefallenste entscheiden |
7. Wenn wir mehr als eine Lösung für einen Problemtext gefunden haben, müssen wir entscheiden, welche Lösung die wahrscheinlichste ist. Hier geht es nicht um die kreativste oder sogar die ausgefallenste. Manche Lösungen sind zu modern, setzen psychologische Überlegungen voraus, wirken gezwungen. Unsere Devise kann ja nicht heißen: Hauptsache eine Lösung!
Bei der Entscheidung sollte man sich einige Fragen stellen:
| Man muss nicht die vollständige Harmonie aller Bibelstellen demonstrieren, bevor man sie für wahr halten kann |
Jetzt möchten wir einige Beispiele von sogenannten Widersprüchen im Alten Testament ausführlicher behandeln, um diese grundlegenden Perspektiven, Prinzipien und Schritte zu illustrieren.
Ein Schlüsseltext für die kritische Quellenscheidung im Pentateuch ist 2Mo 6,2-3. Dort lesen wir: "Und Gott redete zu Mose und sprach zu ihm: Ich bin Jahwe. Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmächtige; aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben." Das 'widerspricht' aber 1Mo 4,26, wonach man schon während der Urgeschichte, zur Zeit des Enosch, anfing, "den Namen Jahwe anzurufen".
Nach der Urkundenhypothese ist dieser 'Widerspruch' folgendermaßen zu erklären. Die sog. jahwistische Quelle (J) benützt den Gottesnamen Jahwe vom Anfang an in seiner Erzählung, die viel spätere priesterliche Quelle (P) erst ab 2Mo 6. In 1Mo verwendet P die allgemeine Gottesbezeichnung Elohim, mit den Ausnahmen von 1Mo 17,1 und 21,1b, wo auch P 'Jahwe' in der Erzählung aber nicht im Dialog verwendet. Von daher gelten diese unterschiedlichen Gottesnamen in 1Mo 1 - 2Mo 6 in der Literarkritik als Kriterien für die Unterscheidung ursprünglich unabhängiger literarischer Quellen, die erst viel später zusammengeflochten wurden.
Gibt es eine andere Lösung? W.J. Martin[3] und F.I. Andersen[4] schlagen aus syntaktischen bzw. diskursgrammatischen Gründen vor, die letzten Worte in 2Mo 6,3 als negative rhetorische Frage zu übersetzen: "Und habe ich nicht meinen Namen Jahwe ihnen kundgetan?", die eine positive Antwort erwartet. Das stimmt mit dem Beweismaterial von 1Mo überein, denn dessen Verfasser verwendet den Namen 'Jahwe' immer wieder in den Vätergeschichten. Doch eine nähere Untersuchung von 1Mo zeigt, dass der Verfasser von 1Mo zurückhaltender ist, wenn es um die Verwendung dieses Namens in direkter Rede geht. In den Vätergeschichten erscheint der Name 'Jahwe'[5] 67 Mal in der Erzählung aber nur 34 Mal im Dialog, davon nur 4 Mal in Gottes Mund - in 1Mo 15,7; 18,14 und 19 (2x).
Der Inhalt dieser Aussagen ist auffallend:
15,7: "Ich bin Jahwe, der ich dich herausgeführt habe aus Ur der Chaldäer, um dir dieses Land zu geben, es in Besitz zu nehmen" - vielleicht wegen der Parallele zum Auszug aus Ägypten;
18,4: "Sollte für Jahwe eine Sache zu wunderbar sein?" - die Geburt des Isaak, die zur Gründung des Gottesvolks führt;
18,19 "Denn ich habe ihn erkannt, damit er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm befehle, dass sie den Weg Jahwes bewahren, Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit Jahwe auf Abraham kommen lasse, was er über ihn geredet hat." - die langfristige Erfüllung der Väterverheißungen.
Es ist wichtig zu beachten, dass der Name Jahwe vor der Zeit Moses in außerbiblischen Quellen nicht eindeutig bezeugt ist. Vielleicht will Mose darauf hindeuten, dass die Patriarchen den Namen 'Jahwe' überhaupt nicht gekannt haben, oder dass ihnen mindestens andere Gottesbezeichnungen wie El-Shaddai oder El-Eljon geläufiger waren. Doch benützt er den Namen Jahwe wiederholt in Erzählungen, seltener in Reden, um die Identifikation deutlich zu machen (2Mo 3,15): "So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Jahwe, der Gott euer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name in Ewigkeit."
| An dieser Stelle ist mehr gemeint als die Bekanntheit einer bestimmten Gottesbezeichnung |
Aber es ist auch eine andere Lösung möglich. Nach einer ausführlichen Untersuchung der Syntax und des Kontexts von 2Mo 6,3 schlägt Randall Garr[6] folgende Übertragung des Verses vor: "Ich bin Abraham, Isaak und Jakob (in begrenzter Form) als El Shaddai erschienen (der Bundesverheißungen gibt). Doch war ich nicht das Objekt (vollständigen) Bundeserkenntnisses für sie, wie mein Name Jahwe (der Bundesverheißungen erfüllt) zu verstehen gibt." Schon die aramäische Übersetzung im Targum Pseudo-Jonathan betonte, dass an dieser Stelle mehr gemeint ist als die Bekanntheit einer bestimmten Gottesbezeichnung. Hier geht es eher um die persönliche[7] Erfahrung einer Charaktereigenschaft, die durch den Namen Jahwe (der Gott, der gegenwärtig und engagiert ist) ausgedrückt wird. Die Väter mögen den Gottesnamen Jahwe gekannt haben, aber, wie 2Mo ausführlicher entfaltet, sie kannten ihn nicht als den erwählenden, rettenden, führenden, fürsorgenden Bundesgott. So existiert kein Widerspruch zwischen 2Mo 6,3 und der Verwendung von "Jahwe" in 1Mo.[8]
Auch in der Goliathgeschichte in 1Samuel finden viele Ausleger einen Widerspruch, den sie nicht überwinden können. Nach ihnen enthält 1Sam 16 und 17,1-18,5 zwei unabhängige, widersprüchliche Traditionen über Davids erste Begegnung mit Saul. Hertzberg[9] schreibt: "Die Auslegung bietet erhebliche Schwierigkeiten. Die Goliatherzählung negiert völlig das Kap. 16, und zwar beide Teile ..."
Nach Kap. 16 ist David schon von Samuel zum König gesalbt worden, ein Mann des Krieges (V. 18), von Saul geliebt, der Saul als Musiker und Waffenträger dient (V. 21). Nach Kap. 17 kommt David als unbekannter Hirtenjunge an die Kriegsfront und begegnet Saul, weil er sich mutig bereit erklärt, gegen Goliath zu kämpfen (V. 31-32). In den V. 55ff. lesen wir:
"Als aber Saul sah, wie David dem Philister entgegen ging, sagte er zu Abner, dem Heerobersten: Wessen Sohn ist doch dieser junge Mann, Abner? Und Abner antwortete: So wahr du lebst, König, ich weiß es nicht! ... Als David zurückkehrte, nachdem er den Philister erschlagen hatte, nahm ihn Abner und brachte ihn vor Saul; und er hatte den Kopf des Philisters in seiner Hand. Und Saul fragte ihn: Wessen Sohn bist du, junger Mann? David antwortete: Der Sohn deines Knechtes Isai, des Bethlehemiters."
Widerspricht Kap. 17 der Information in Kap. 16? Wie bei 1Kor 10,8 gibt es einige mögliche Erklärungen.
1. Saul möchte lediglich mehr über die Familie seines künftigen Schwiegersohnes erfahren, deshalb die dreifache Wiederholung: "Wessen Sohn ist er?" Es geht nicht um Davids Person, sondern um seine Familie. Nach V. 25 soll der Bezwinger des Goliaths die Königstochter heiraten und seine Familie von Steuerabgaben befreit werden.
2. Saul erkundigt sich nach Davids Herkunft, da solche Informationen seinen mutigen und erfolgreichen Auftritt gegen Goliath möglicherweise erklären könnten. Auch wenn David schon als Musiker gedient hätte, wäre vor dem Kampf für Saul solche Information über Davids Familie unwichtig. (Auch widerspricht Sauls Aussage in 17,33 über Davids Kampferfahrung 16,18 nicht.)
3. Da David nicht andauernd als Musiker von Saul benötigt wird, ist er vielleicht inzwischen zu Hause gewesen, ist reifer geworden, hat sich im Aussehen verändert.[10] Saul kennt ihn wahrscheinlich nicht sehr gut, da er sowieso jeden tapferen und kampffähigen Mann in seinen Dienst stellt (14,52). Deshalb erkennt Saul ihn nicht. Nach Merrill[11] dürfte David bei seiner Salbung erst zwölf Jahre alt gewesen sein.
| David dürfte bei seiner Salbung erst zwölf Jahre alt gewesen sein |
4. Saul ist nach Kap. 16 geistesgestört, deshalb erkennt er David nicht. Aber trifft das auch auf Abner zu?
5. In der LXX-Vaticanushandschrift fehlen u.a. V. 12-31 und 55-58.[12] Josephus scheint V. 55-58 auch nicht vor sich gehabt zu haben. Vielleicht fehlten diese Abschnitte auch im ursprünglichen hebräischen Text, der eher Vaticanus entsprach.[13] Der jetztige hebräische Text (MT) stellt eine spätere Erweiterung dar. Dann wäre das Problem auch erst später erstanden.
6. Kaiser[14] schlägt vor, dass die Anordnung der Abschnitte nicht chronologisch ist, d.h. der Kampf gegen Goliath geschah vor den Ereignissen von 1Sam 16,13ff. Es gibt mehrere Beispiele von nicht chronologischer Anordnung in biblischer und außerbiblischer Geschichtsschreibung.[15]
7. 16,21 dient als vorwegnehmende redaktionelle Verbindung[16] zwischen 16,14-23 und Kap. 17ff. (vgl. dazu 18,2). Erst nach seinem Sieg über Goliath wird David Sauls Waffenträger.
In der Gesamtentwicklung des Samuelbuches spielt dieser Abschnitt eine wichtige Rolle[17] ob in chronologischer oder nicht-chronologischer Reihenfolge. Es gibt klare Parallelen zwischen Eli / Samuel und Saul / David: Ein unwürdiger Leiter wird durch einen würdigeren und jüngeren ersetzt, der früh von Gott als Nachfolger designiert wird und den der Herr sichtbar segnete ("der HERR war mit ihm" 3,19; 16,18). Dieser Nachfolger wird zunächst in die Nähe des Leiters gebracht (Samuel zum Haus Gottes als Helfer, David zum königlichen Hof als Musiker), übertrifft aber diesen bald (Samuel durch prophetische Worte, David durch den Sieg über Goliath). Gott braucht einen König und David wird privat gesalbt, 16,1-13; Saul braucht einen Tröster und David wird geholt, 16,14-23; Israel braucht einen Kriegshelden und David wird geholt, 17,1-11. Bald wird David nicht nur Musiker und Waffenträger, nicht nur Kriegsheld (wie früher Saul, 1Sam 11), sondern auch Sauls Schwiegersohn und Verbündeter seines Sohnes Jonathans. David rückt dem Thron immer näher. Diese Entwicklung der Geschichte ist durchaus logisch und keineswegs widersprüchlich.
Wenn wir die zwei Berichte von Davids Volkszählung vergleichen (2Sam 24 und 1Chr 21), dann fallen vier Hauptunterschiede sofort auf:
Viele Ausleger sehen darin schwerwiegende Widersprüche, die sie als weiteres Beweismaterial für die späte Entstehung, die Neigung zur Übertreibung (evtl. um Gott dadurch zu verherrlichen) und die historische Unzuverlässigkeit von Chronik ansehen. Was können wir darauf antworten?
| Gott bleibt die letzte Ursache für das Leiden Hiobs, das durch Satan verursacht wurde - eine zweifache Ursächlichkeit muss nicht widersprüchlich sein. |
Die Chronik muss nicht unbedingt den Einfluss des persischen Dualismus oder eine hochentwickelte Satansvorstellung widerspiegeln. Wenn Hiob mit seiner Erwähnung des Satans in der Monarchiezeit datiert werden kann (und vieles spricht dafür), hat diese Aussage nichts mit Datierung zu tun. Eine zweifache Ursächlichkeit ist nicht grundsätzlich widersprüchlich. Auch in Hiob bleibt Gott die letzte Ursache für das Leiden Hiobs, das durch Satan verursacht wurde. Dass Satan das Gericht Gottes ausführen kann, bestätigt auch 1Kor 5,5. Aber die traditionelle Übersetzung ist nicht unbedingt gesichert. 2Sam 24,2 kann unpersönlich übersetzt werden, "Und einer reizte David gegen Israel auf" und 1Chr 21,1 "Und ein Widersacher (hebräisch: Satan ) stellte sich gegen Israel und reizte David".[18] In diesem Fall würde es sich in beiden Texten um einen menschlichen Feind Israels handeln, der David verführt. In keinem Fall müssen wir den Unterschied auf ein "radikales Verständnis von Gottes Heiligkeit"[19] in den Chronikbüchern zurückführen.
Die 500.000 aus Juda in 2Samuel ist eine aufgerundete Zahl, die der genaueren Zahl 470.000 in 1Chronik entspricht. "Israel" in 2Samuel bezeichnet allein das Nordreich, "ganz Israel" in 1Chronik das ganze Land. So sind die zwei Summen 1.300.000 in 2Samuel aber 1.110.000 in 1Chronik. Das hieße, dass Chronik untertreibt![20] Da 1Chr 21,6 ausdrücklich sagt, dass Joab die Stämme Levi und Benjamin nicht gezählt habe, und 1Chr 27,24, dass er die Volkszählung weder vollendet noch deren Gesamtzahl aufgeschrieben habe, ist es durchaus berechtigt, die Gesamtzahl in Chronik um ungefähr 100.000 pro Stamm zu reduzieren. Dann verschwindet der Widerspruch ohne Hinweis auf 'höhere' Mathematik.
| So verschwindet der Widerspruch ohne Hinweis auf 'höhere' Mathematik |
Wenn Zahlen durch Buchstaben des hebräischen Alphabets dargestellt wurden, wäre der Unterschied zwischen "sieben" und "drei"[21] nicht erheblich und diese könnte leicht verwechselt worden sein. Wenn dann "drei Jahre" in 2Samuel stehen würde, würde das nicht nur mit den anderen Zeitangaben im Vers (d.h. drei Monate ... drei Tage), sondern auch mit der Zeitangabe in 2Sam 21,1 übereinstimmen. Letzteres wäre bedeutsam, denn der Verfasser möchte, dass wir 2Sam 21,1-14 und Kap. 24 miteinander vergleichen (vgl. 21,14 und 24,25).
Wilhelm Rudolph meint[22] dass 1Chronik Davids Opferbereitschaft hervorheben möchte: Gold statt Silber; zwölffach so viele Schekel (= 50 pro Stamm x 12 = 600). Doch in 2Samuel wird lediglich die kleine Tenne und die Rinder für diesen Betrag gekauft (V. 24); in 1Chronik wird dafür der ganze Platz[23] gekauft, deshalb ein höherer Preis. Am Ende vom 2Samuel wird Davids vorbildliches Verhalten in zwei Krisensituationen in Israel hervorgehoben (Kap. 21 und 24, das Wort "wieder" in 24,1 bezieht sich wahrscheinlich auf Kap. 21), um ihn dabei mit Saul zu kontrastieren (Saul verschuldete die erste, David die zweite Krise). In 1Chronik hat diese Geschichte eine ganz andere Funktion: Sie erklärt, wie David den ganzen Tempelplatz erworben hat (2Chr 3,1). Das bildet die Grundlage für die darauffolgenden Kapitel in 1Chr 22-29, die vor allem beschreiben, wie David den Tempelbau und Tempeldienst vorbereitet hat. Aus Davids Sünde geht Gutes hervor: eine Stätte, wo Gott angebetet wird! Eine weitere Lösungsmöglichkeit wäre: Der Kaufpreis in 1Chronik wird den Inflationsraten der nachexilischen Zeit angeglichen (d.h. ein Preis von 50 Silberschekeln zur Zeit Davids entspricht 600 Goldschekeln in der persischen Zeit).
Auch bei diesen Texten gibt es keine unlösbaren Widersprüche.
Zum Schluss möchten wir die sogenannten 'widersprüchlichen' Landnahmeberichte in Josua und Richter 1 behandeln. Schon Wellhausen[24] sah in Richter 1 nicht die Fortsetzung des Buches Josua, sondern eine Parallele dazu, eine unabhängige und widersprüchliche Beschreibung der Eroberung Palästinas, die im Vergleich mit Josua früher und folglich unermesslich historischer war. Nach Josua war die Eroberung ein schneller und vollständiger Vorgang. Nach Richter 1 war es jedoch ein längerer Vorgang, wobei die einzelnen Stämme eine Mischung aus Erfolg und Niederlage erlebten. Neben diesem allgemeinen Kontrast zwischen Josua und Richter 1 gibt es auch eine Reihe von scheinbar widersprüchlichen Angaben bzgl. der Errungenschaften einzelner Stämme. Nach Martin Noth[25] ist die Beschreibung der Eroberung in Josua nur eine Sammlung von ätiologischen erfundenen Legenden. Haben Wellhausen und Noth recht? Ist die Beschreibung von der Eroberung in Josua und Richter 1 miteinander zu vereinbaren?
1. Nach der biblischen Darstellung sind Josua und Richter nicht einfach in einer chronologischen Aufeinanderfolge, trotz des Eingangsverses, Ri 1,1: "Und es geschah nach dem Tod Josuas". Josua und Ri 1,1-2,10 berichten gemeinsam von einigen Vorfällen, die zum Teil vor Josuas Tod (vgl. Jos. 24,28-30 mit Ri 2,6-9) und wahrscheinlich zum Teil nach seinem Tod stattfanden (vgl. Jos 15,13-19 mit Ri 1,10-15; 15,63 mit 1,21; 17,11-13 mit 1,27-28; 16,10 mit 1,29).
| Die parallelen Texte besagen, dass die einzelnen Stämme nicht immer erfolgreich die Ureinwohner vertrieben haben |
2. Diese parallelen Aussagen besagen, dass die einzelnen Stämme nicht immer erfolgreich die Ureinwohner vertrieben haben. Das stimmt auch mit Jos 13,1ff überein: "Da sprach der HERR zu Josua: Du bist alt geworden und bist hochbetagt, und sehr viel Land ist noch über, das in Besitz genommen werden muss, da die Urbewohner noch darin wohnen." Das Buch Josua setzt früher an und berichtet zuerst von dem anfänglichen Sieg über die Könige in Kanaan, der den Widerstand des Feindes grundsätzlich gebrochen hat. Doch stellen beide Bücher fest, dass die einzelnen Stämme danach sehr lange bemüht waren, ihr Erbteil in Besitz zu nehmen.
3. Es ist nicht widersprüchlich, wenn Jos 15,63 berichtet, dass die Söhne Judas die Jebusiter aus Jerusalem nicht vertreiben konnten, Ri 1,21 dagegen, dass die Benjaminer es nicht getan haben. Da Jerusalem an der Grenze zwischen Benjamin und Juda lag, war es bestimmt in Judas Interesse, die Jebusiter zu vertreiben. Doch da Jerusalem eigentlich Benjamin zugeteilt wurde, waren ihre Bemühungen ebenso verständlich.
4. Es ist auch kein Widerspruch, wenn Ri 1,8 berichtet, dass Juda Jerusalem eingenommen hat. Nach dem Sprachgebrauch von Richter (und Josua) ist "einnehmen" oder "schlagen" nicht mit "vertreiben" einer Völkergruppe gleichzusetzen[26] Bis die Urbewohner tatsächlich vertrieben und das Gebiet von Israeliten besiedelt wurde, waren alle Eroberungserfolge vorläufiger Natur. So wurde Jerusalem mehrmals "eingenommen", bis David es endgültig nach 2Samuel 5 in Besitz genommen hat.
| Jerusalem wurde mehrmals "eingenommen", bis David es endgültig in Besitz nahm |
Zusammenfassend läßt sich sagen, dass Josua und Richter nicht widersprüchliche Beschreibungen der vormonarchischen Zeit enthalten, sondern vielmehr übereinstimmende, zum Teil überschneidende und sich ergänzende Berichte.[27]
Es ist möglich, dass unsere vorgeschlagenen Lösungen nicht unbedingt die richtigen sind. Doch dass es auf diese bekannten sogenannten Widersprüche im Alten Testament logische, überzeugende und wahrscheinlich sogar mehrere Lösungen gibt, dass es sich bei den meisten vermeintlichen Widersprüchen nicht um Widersprüche im Text handelt und dass jene häufig bei näherer Untersuchung verschwinden, zeigt, dass sie eigentlich keine Bedrohung für die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel darstellen.
Wie sollen wir dann darauf reagieren, wenn jemand behauptet, die Bibel sei voller Widersprüche, und sogar meint, dass solche Widersprüche mit der Bibeltreue vereinbar seien? Um den Propheten Samuel zu zitieren (1Samuel 15,19): "Auch lügt der nicht, der Israels Ruhm ist, und es gereut ihn nicht" - auch dass er sich durch Menschenworte geoffenbart hat. Folglich kann seine Offenbarung keine echten Widersprüche enthalten (auch nicht im historischen Detail) und dennoch zuverlässig Gottes Wort bleiben. Gleason Archer[28] schreibt: "Es gibt keinen unwichtigen Fehler in der Bibel." Und wenn wir demonstrieren können, dass es keine grundlegenden Widersprüche in der Bibel gibt, dann räumen wir Hindernisse zum Glauben aus dem Weg und helfen denjenigen, die durch sogenannte Widersprüche verwirrt werden.